Gerhard Steidl ist kein Pfeife rauchender Verleger mit Hosen aus Feincord. Im Gegenteil. Er trägt einen weißen Laborantenkittel. Ein Geruch von Farbe und Druckerhitze, wie man ihn aus fensterlosen und ungelüfteten Kopierräumen kennt, strömt von ihm aus. Steidl ist druckender Verleger. Unter anderem von zwei Nobelpreisträgern. Vom Deutschen Günter Grass und Halldor Laxness, dem bislang einzigen Literaturnobelpreisträger Islands. Das erste Steidl-Buch erschien 1972: "Befragung zur documenta". Es folgten politische Sachbücher und Anfang der 80er Jahre Fotografie- und Kunstbildbände.
Überall im Haus stolpert man über große Namen. Schubladen, Kisten, Büchsen, Ablagen, alles ist akribisch beschriftet: Lou Reed, A.L. Kennedy, Beuys, Jürgen Teller, Thomas Demand, Ed Ruscha, Robert Frank, Michel Comte. Man kann sie aus den Schränken ziehen. Keine Stahltresore, die Manuskripte und Fotos schützen, kein Temperaturmessgerät. Die Welt der Literatur, Kunst und Mode ist wie selbstverständlich zu Gast in Göttingen. Originalzeichnungen von Karl Lagerfeld, Briefe von Günter Grass, alles liegt verstreut auf den Tischen.
Steidl kam ohne große Verlegergeschichte im Rücken zur Welt. Sein Vater arbeitete in einer Druckerei in Göttingen als eine Art Hilfsarbeiter. Dass Steidls Bücher eine wichtige Rolle in der Kunst- und Literaturwelt spielen, hat also nicht mit Geld oder Familie zu tun. Auf Steidls Homepage steht die schlichte Wendung "Schöne Bücher".
Was will der Autor? Wovon handelt sein Buch? Steidl empfindet sich als Dienstleister, das Wort "dienen" gefällt ihm. Es geht um die Bücher der Autoren und der Künstler. Dass er sich besonders gut in Fotokünstler hineinversetzen kann, hat damit zu tun, dass er Fotograf werden wollte. Mit seinen Bildern ging er in eine Druckerei und war entsetzt: Die Farben stimmten nicht, die Qualität war miserabel. Wozu Fotos machen, wenn es nicht möglich ist, sie farbgenau durch die gesamte Auflage hindurch zu drucken?
Steidl hat sich das Drucken selbst beigebracht. Er hat sich im Laufe der Jahre in die Lage versetzt, das Herz des Verlages, das 365 Tage und Nächte im Jahr pumpt, selbst zu bedienen: eine mehrere Millionen Euro teure Druckmaschine, die MAN Roland. Steidl hat auf die übliche Gewährleistungsgarantie der Maschine verzichtet. Er wollte die überschüssige Energie, die das Rechen- und Klimazentrum der Maschine im Keller abstrahlt, als Heizwärme für das Verlagsgebäude nutzen. Die Ingenieure von MAN waren sich nicht sicher, ob das ginge, deshalb entzogen sie ihm die Garantie für die Anlage.
Bei Steidl wird alles selbst gemacht: Beratung, Lektorat, Satz, Layout, Scannen, Drucken, Vertrieb, Verkauf, Archiv, Lager. Sogar Kochen und Heizen.
Das Büchermachen beginnt im Göttinger Verlags- und Druckhaus immer mit dem Aussuchen des Papiers. Bei Steidl funktioniert das so: Er geht zum Regal mit Papiermustern, das sind Blöcke oder Bücher, in die unterschiedlich dickes Papier gebunden ist. Dabei geht es nicht nur um die Farbe des Papiers, die in den seltensten Fällen reinweiß ist. "Weiß" gibt es sowieso nicht. Glänzend hochweiß, halbmatt hochweiß, mattweiß, softweiß. Die Farbskala geht weiter mit "Natur". Glänzend natur, halbmatt natur ...
Papier hat auch ein Gewicht, das man als Grammatur bezeichnet. Das ist die Maßeinheit, die Auskunft gibt, wie viel Gramm pro Quadratmeter ein Bogen wiegt. Steidls Lieblingspapiere stammen aus dem Hause Scheufelen im süddeutschen Lenningen. Sie sind die Erfinder der gestrichenen Papiere. Papiere also, die durch einen Aufstrich veredelt werden und durch die geschlossene Oberfläche eine besonders gute Detailwiedergabe beim Druck erreichen.
Steidl neigt nicht zum Schwärmen, aber ein wenig hektischer wird seine Stimme schon, wenn er Scheufelen als weltweit feinsten Papierhersteller lobt. Wer Bücher macht, kennt Namen, Farben und Grammaturen wie ein Weinkenner Trauben, Jahrgänge und Anbaugebiete.Geeignetes Papier für ein Buch auszusuchen hat aber nicht nur mit Wissen um technische Herstellungsverfahren zu tun, sondern mit Fühlen. Steidl öffnet die Blöcke und fährt mit vier Fingern über die Seiten, als würde er einen Fleck verreiben. Manchmal nimmt er ein Blatt heraus, reibt es zwischen Daumen und Zeigefinger. Minutenlang hört man Rascheln, Laufen, Kramen, Öffnen, Blättern.
Die Buddenbrooks, Anna Karenina und andere Romane, die mehr als 700 Seiten haben, sind oft auf sehr dünnes Papier gedruckt. Die deutschsprachige Ausgabe von Anna Karenina als Taschenbuch umfasst 1024 Seiten. Druckte man sie auf Papier, das 100 Gramm pro Quadratmeter schwer ist, würde es so viel wiegen wie das deutsche Postleitzahlenbuch. Günter Grass´ "Katz und Maus" hat als Taschenbuch 140 Seiten. Druckte man die auf zeitungsdünnem Papier von 50 Gramm pro Quadratmeter, wäre das Buch flach wie eine Streichholzschachtel. Stärke, Grammatur und Papiergewicht sowie das Format sind am Ende dafür verantwortlich, ob man das Buch zum Lesen mit ins Bett nehmen kann. Steidls Jubiläumsausgabe der "Blechtrommel" ist trotz 780 Seiten und dank Dünndruck - besser bekannt als "Bibelpapier" - schmökertauglich.