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Büchner-, Merck- und Freud-Preise: Große Harmonie in Darmstadt

Das Wort Moderne habe er eigentlich nie gemocht, "nicht nur wegen seiner Nähe zu dem Wort Mode", sagte Walter Kappacher in seiner Dankrede zum Georg-Büchner-Preis. Von Ina Hartwig

Das Wort Moderne habe er eigentlich nie gemocht, "nicht nur wegen seiner Nähe zu dem Wort Mode", sagte Walter Kappacher am vergangenen Samstag in seiner Dankrede zum Georg-Büchner-Preis. Zuvor war er in die Tiefen seiner entbehrungsreichen Nachkriegskindheit gestiegen. Der österreichische Schriftsteller sprach im Großen Saal des Darmstädter Stadttheaters sehr langsam, sehr melancholisch zu einem gebannt lauschenden, von viel Silberhaar durchsetzten Publikum.

Drei Preise werden traditionsgemäß im späten Oktober an diesem Ort verliehen, der Johann-Heinrich-Merck-Preis für Essay und Kritik - er ging an den Lyriker Harald Hartung -, der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa - ihn erhielt die junge Wissenschaftshistorikerin Julia Voss -, sowie, als Höhepunkt, der nach Georg Büchner benannte, immer noch angesehenste deutsche Literaturpreis. So harmonisch wie heuer, 60 Jahre nach Gründung der in Darmstadt ansässigen Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, war es in Jahren zuvor nicht zugegangen, als der unversöhnliche Büchnerpreisträger Josef Winkler die Gemüter reizte, oder als Martin Mosebach mit einer kühnen Anspielung für ein debattöses Nachspiel sorgte. Diesmal: Frieden auf der in Lila getauchten Bühne.

Glückliche Lacher erntete der 1932 geborene Harald Hartung, als er sich auf die Postmoderne stürzte, von der er meint, sie habe dem Anliegen der Moderne geschadet (man sieht, die Moderne war ein gefragtes Liebes- bzw. Nichtliebesobjekt an diesem Nachmittag): "Sie hat ihren intellektuellen Stachel verloren und ist bei den Dilettanten angekommen." Hartungs Klage, dass Rezensenten heute willig das Geschäft der Werbung besorgten, ist so berechtigt wie vergeblich. Wirkungsvoller wäre es, konkrete Beispiele zu nennen anstatt sich hinter dem - geteilten - Ressentiment zu verbergen.

Allein Julia Voss , die u. a. über Darwins Bildwelten schrieb, nutzte ihre engagierte Dankrede für zwei politische Bemerkungen. Erstens: Zu wenige Frauen (erst drei, sie eingeschlossen) seien mit dem Freud-Preis ausgezeichnet worden. Es folgte ein Plädoyer für die Aufrechtherhaltung, ja den Ausbau der Wissenschaftsgeschichte an deutschen Universitäten. Der Zeitgeist will anderes: "Neurophysiologen sollen die Willensfreiheit oder die Wirkung von Kunst ergründen." Dahin flössen die Gelder, während die geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft ausgetrocken würde. Wie ertragreich diese Auseinandersetzung sein kann, hat Voss mit ihren Arbeiten gezeigt.

Autor:  Ina Hartwig
Datum:  2 | 11 | 2009
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