Im Lande grassiert neues Leiden. Der Befall setzte mit aller Macht ein zwischen dem 4. September 2009 (dem Luftangriff bei Kunduz) und Anfang Februar 2010 (der Londoner Afghanistan-Konferenz). Eine weitere Verschärfung ist aktuell zu erwarten nach der Veröffentlichung der Wikileak-Dokumente über die verdeckte Kriegführung. Der Befund lautet in knappen Worten – Lähmung und Mehltau liegen über dem Afghanistan-Einsatz. Die Bilder verschwimmen, wie man vermeint, bis zur Kenntlichkeit. Eine Prüfung der Surge-Strategie steht aus. Die Auswirkungen auf den deutsch geführten Nordabschnitt bleiben nebulös. Ansonsten Verlustziffern. Der Einsatz wird zum Anathema. Wer sich engagiert, riskiert eine Art Kontaktschuld am erwartbaren Misslingen des Unternehmens. Die aktuelle Übersetzung der Parole „Rette sich, wer kann!“ lautet „Raus aus Afghanistan!“
Je nach Betroffenengruppe fallen die Symptome unterschiedlich aus. Aber irgendwie haben alle damit zu kämpfen. In der Politik ist, vorerst noch hinter verschlossenen Türen, von einer Sicherheitspolitik „nach Afghanistan“ die Rede. Die Auswirkungen reichen bis in die anlaufende Debatte über die Strukturreform der Streitkräfte hinein. Stabilisierungseinsätze vom Typ Afghanistan, so der sich abzeichnende Konsens, sollen künftig nicht zum Normalfall gehören. Gleichwohl bekräftigen die internen Papiere den Willen, weiterhin durchhaltefähig Krisenmanagement und Konfliktprävention zu betreiben.
Experten bleiben unter sich
In den Medien fällt eine gespaltene Befindlichkeit ins Auge. Zahlreiche Publizisten wenden sich – erfreulicherweise – dem Los der Einsatzsoldaten zu. Publikationen häufen sich, die von Schicksalen berichten, von bleibenden Verletzungen, von Überdruss und Unzufriedenheit. Indirekt ergeht die Aufforderung, sich um die Heimkehrer zu kümmern. Auf dem Gegenpol findet sich eine Medienberichterstattung, in der Enthüllungen und Ernüchterung miteinander konkurrieren. Eine politische Bewertung ist unterentwickelt. Beide Impulse vereinen sich in der Bestätigung des – dann doch wieder tröstlichen – Gefühls, eigentlich immer schon dagegen gewesen zu sein und nichts anderes erwartet zu haben.
Die Intellektuellen – schweigen sie mal wieder? Auf jeden Fall steht Afghanistan nicht oben auf der Agenda. Der Einsatz ist zur Spezialistensache geworden – sei es in Sachen Politik, humanitäre Hilfe oder Militär. Die Öffentlichkeit besteht, wo sie sich politisch artikuliert, auf ihrer Ablehnung des Einsatzes. Gleichwohl ist ihr Bild der Bundeswehr positiv und ihre Einstellung gegenüber den Soldaten voller Anteilnahme. Dieses Mosaikgestein von Haltungen bleibt jedoch unstrukturiert, denn es gibt keine öffentliche Kultur der Einbettung der Einsätze; eine Tatsache, die den vorigen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe zu immer neuen Vorschlägen animiert hatte. Was bleibt, ist eine Verhaltenslatenz zwischen politischem Unbehagen, politischer Distanzierung und persönlicher Anteilnahme.
Die Sinnfrage – unbeantwortet
Die Einsatzsoldaten geraten damit in die Lage jener, die die Suppe auslöffeln müssen, die mit öffentlichen (Wähler-)Voten, parlamentarischer Zustimmung und regierungsamtlicher Beauftragung angerührt wurde. Klagen werden laut über unzureichende Fürsorge, Ausrüstung, Ausbildung und Rückendeckung. Die Sinnfrage steht im Raum. Doch das Militär trägt einiges dazu bei, dass sich ein Gefühl des Alleingelassenwerdens ausbreiten kann. Die Generalität schweigt weitestgehend. Da konnte der letzte Bundespräsident appellieren, die Militärelite möge sich in den sicherheitspolitischen Themen der Zeit aktiv und engagiert zu Wort melden. Einen politischen Raum, der die Zumutung solcher unbequemen Verhaltensstandards trägt, gibt es jedoch nicht, obwohl die Organisationsphilosophie der Inneren Führung nicht müde wird, diese Tugenden einzufordern.
Diese gegenseitigen Selbstblockaden führen zu der konstatierten Stimmungslage. Dabei geht es nicht um die Ablehnung des Einsatzes allein, die durch wiederholte Umfragen unterstrichen wird. Die Symptomatik sitzt tiefer. Wie geht eine politische Öffentlichkeit, wie gehen gewählte Politiker, Medien, Intellektuelle, Soldaten und Bürger mit der – absehbaren – Tatsache um, dass der Afghanistaneinsatz im Ergebnis nicht nur hinter den hohen Erwartungen der Frühzeit (des Bonn-Prozesses) zurückbleiben wird, sondern dass jede – erst noch zu findende! – „Lösung“ dieses Konfliktes unbefriedigend, normativ fragwürdig, politisch labil sein wird?
Tatsächlich stehen wir vor einer grundsätzlich neuen Erfahrung. Diese deutsche Republik hat bisher, drastisch formuliert, noch keinen Krieg verloren. Sie ist nun mit der bitteren Erkenntnis konfrontiert, dass die im öffentlichen Auftrag entsandten Mitbürger in Uniform mit der ganzen Person für halbe Sachen haften lässt. Wie schrieb doch Albert Camus zum französischen Algerienkrieg, zugespitzt auf die Haltung der linken Intellektuellen von der „Franzosen raus aus Algerien“-Fraktion: „Wir hätten Moralisten gebraucht, die sich weniger freudig mit dem Unglück ihres Landes abfinden.“ Es macht die Sache nicht besser, dass an die Stelle der freudigen Anklage inzwischen eine postafghanische Melancholie getreten ist.
Klaus Naumann ist Militärhistoriker am Hamburger Institut für Sozialforschung. Letzte Veröffentlichung. „Einsatz ohne Ziel? Die Politikbedürftigkeit des Militärischen“ (Bundeszentrale für Politische Bildung, 2010).