In einer Mischung aus Faszination und Schrecken beobachten wir den ungeheuren Urbanisierungsprozess im einstigen Reich der Mitte. Staunend erfahren wir von Millionenheeren ländlicher Arbeitsmigranten, von Riesenstädten in Nebeln von Abgasen und Sandstürmen, von ausradierten historischen Wohnhausteppichen und zugleich von spektakulär emporwachsenden Kommerzzentren und kitschig anmutenden Stadtfiktionen.
Über die auf uns eindringenden Extreme sollten wir jedoch nicht aus dem Blick verlieren, dass Stadtentwicklung immer - auch dann, wenn sie sich weniger aufregend gibt - ein Prozess soziokulturell bedeutungsgeladener Verräumlichung ist. Tatsächlich folgt die gegenwärtige urbane Revolution Chinas keineswegs nur westlichen bzw. internationalen Mustern, sondern zugleich uralten Regeln chinesischer Raumproduktion. China konsumiert und verdaut Ideen, Konzepte und Bilder von außerhalb und aus der eigenen Geschichte, um mit diesem Material die Stadt für sich neu zu erfinden: den Körper des künftigen chinesischen Drachen.
Dieter Hassenpflug lehrt an der Fakultät Architektur der Bauhaus- Universität Weimar Stadtsoziologie. Er ist Mitbegründer des Instituts für Europäische Urbanistik. Er lehrt und forscht seit 2002 auch in China.
Er veröffentlichte zuletzt: Der urbane Code Chinas. Birkhäuser Verlag, Bauwelt Fundamente, 212 S., 24,90 Euro.
Seit der Öffnung Chinas vor 30 Jahren überfluten suburbane Siedlungsprozesse das Land mit der Wucht eines Tsunami, der Dörfer und Felder unter sich begräbt. 1,5 Prozent des fruchtbaren Ackerlandes wird auf diese Weise jährlich vernichtet. Man bedenke die Folgen für die Ernährung eines Milliardenvolkes, wenn dieser Landverbrauch noch weitere Jahrzehnte anhält. Allerdings hat man bereits reagiert. So gilt zum Beispiel vielerorts der Bau von niedriggeschossigen Villen, Ein- bzw. Zweifamilienhäusern als nicht mehr genehmigungsfähig. Die chinesische Stadt der Zukunft ist vertikal.
Nicht selten kommt es vor, dass Dörfer aufgrund fortbestehender bäuerlicher Nutzungsrechte an Wohngrundstücken der Urbanisierungsflut standhalten und sich als Inseln im Ozean der Neubaugebiete wiederfinden. Diese "villages" genannten Siedlungen zählen zu den am höchsten verdichteten Quartieren der Welt. Verursacht wird das Phänomen durch die Absicht, aus der Not des Verlustes der Felder eine Tugend zu machen: Anstatt Reis anzubauen, Fisch zu züchten und Schweine zu mästen, bieten die einstigen Bauern nunmehr preiswerten Wohnraum für Arbeitsmigranten an. Und da der Strom der Arbeit Suchenden bis in die jüngste Zeit nur eine Richtung kannte, nämlich vom Land in die Stadt, gingen die Geschäfte gut. So gut, dass Jahr für Jahr Stockwerke aufgetürmt wurden, bis zu zehn und mehr. Und da die alte Struktur der Parzellen und Wege fortbesteht, sind die internen Erschließungsstraßen meist kaum breiter als einen Meter. Ein Fiasko für die Sicherheit!
Die chinesische Urbanisierungswelle wälzt sich mit einer Dichte und Vertikalität über die Flur, die im Westen keine Parallele findet. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte chinesischer Städte liegt heute bei 16 500 Einwohnern pro Quadratkilometer (in Berlin sind es 3800 Einwohner pro Quadratkilometer).
Die Zahl der Millionenstädte hat in China inzwischen 100 (!) überschritten, und vier davon sind bereits in die Liga der Megastädte mit mindestens zehn Millionen Einwohnern "aufgestiegen". Neben Beijing, Shanghai, Guangzhou zählt dazu Chongching, mit über 30 Mio Einwohnern die aktuell größte Stadt der Welt. Die räumliche Analyse der Suburbanisierung ergibt ein typisches Zusammenspiel von großer Straße und vertikalem Block: Subalterne Erschließungsstraßen in Randbezirken mit acht und mehr Fahrspuren sind keine Seltenheit, ebenso Wohnhochhäuser mit 20 bis 30 Stockwerken (kompakte Suburbanisierung).
Gleichfalls ohne Vorbild ist die Geschwindigkeit, mit der sich Wachstum und Wandel der chinesischen Stadt vollziehen. Begreiflich wird diese erst dann, wenn man beachtet, dass China die idealtypische Entwicklungsabfolge von Gründerzeit - Fordismus - Postmoderne, die Europa einst pionierhaft diachron durchlief, synchron absolviert. Chinas Gründerzeit, so kann man salopp sagen, wird durch Handy und Internet beschleunigt und, wie der Hang zu ikonischen Anleihen im Westen beweist, zugleich mit Ästhetisierungen der Postmoderne dekoriert. Ohne die Annahme dieser Synchronizität bleibt das Hyperwachstum als Form des chinesischen Modells nachholender Entwicklung unverständlich.
In atemberaubendem Tempo werden seit Jahren alte Stadtquartiere zugunsten vertikaler Wohnsiedlungen, kommerzieller Zentren und breiter Autobahnen beseitigt. Viele alte innerstädtische Siedlungen, die man inzwischen vielleicht bewahren würde - etwa klassische Hutong-Hofhausquartiere in Peking oder die orientalisch-okzidentalen Lilong-Hybride Shanghais - wurden bereits dem Erdboden gleichgemacht. Wo diese Siedlungstypen einst standen, ragen heute Wolkenkratzer und Wohntürme in den emissionsgesättigten chinesischen Stadthimmel.
Aufgrund der hohen Dichte der Kernstädte sucht man verstärkt nach Entlastungsmöglichkeiten. Dabei wird nach europäischem Vorbild auf den Bau von Satellitenstädten zurückgegriffen. So wurde in Shanghai der "Eine Stadt - neun Dörfer-Plan" formuliert. Dieser sieht zur Vermeidung von Pendlerverkehr für die zehn Satelliten ein ganzheitliches Konzept vor, das heißt eine Ausstattung mit Arbeitsplätzen, kommerziellen, öffentlichen und sozialen Einrichtungen. Bekannt geworden ist der Plan insbesondere durch die Vorgabe, nationale beziehungsweise kulturräumliche Themenstädte zu bauen. So gibt es nicht nur amerikanische, britische, nordische etc. Satelliten, sondern auch die deutsche Stadt Anting nach einem Masterplan des Frankfurter Büros AS&P (Albert Speer & Partner).