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China und die Urbanisierung: Aufholjagd aus der zweiten Reihe

In China strömen die Menschen vom Land in die Städte. Regionale Metropolen wie Chengdu machen den Wachstumszentren Konkurrenz. Hier hat man noch Spaß am Kapitalismus.

Eine tief gespaltene Gesellschaft: Wie überall in China hat sich mit dem rasanten Wachstum auch in den Boomstädten die Einkommensschere weiter geöffnet.  Foto: reuters

"Keiner hat mehr Spaß am Kapitalismus, ausgenommen China“, argwöhnte der amerikanische Soziologe Amitai Etzoni kürzlich. Das ungebrochene Tempo jedenfalls, mit dem das Reich der Mitte seinen Urbanisierungsprozess vorantreibt, scheint Etzoni Recht zu geben. Seit Beginn der wirtschaftlichen Öffnung des Landes Ende der 1970er Jahre ist der Anteil der Städter an der Gesamtbevölkerung von mageren 18 Prozent auf 51,3 Prozent gestiegen, wie das nationale Statistikbüro gerade bekannt gegeben hat. Und wenn es nach dem Willen der Zentralregierung geht, dann sollen in 30 Jahren zwei von drei Chinesen in Städten leben. Die derzeitige Bevölkerungsentwicklung vorausgesetzt, wären das nahezu eine Milliarde Menschen.

Galten bislang Metropolen wie Shanghai, Peking, Shenzhen und Guangzhou in der östlichen Küstenregion als Schrittmacher des wirtschaftlichen Wachstums, so schicken sich inzwischen die bislang Zweitplatzierten im chinesischen Städte-Ranking an, ihnen die Spitzenposition streitig zu machen. Regionale Zentren wie Chengdu und Chongqing profitieren vom Modernisierungskurs, den die Zentralregierung den westlichen Regionen des Riesenreichs verordnet hat. Dort leben 30 Prozent der Bevölkerung, die bis dato jedoch lediglich 17 Prozent zum Brutto-Inlandsprodukt beisteuerten. Aber nicht nur in Sachen wirtschaftlicher Leistung und privatem Konsum liegt der Westen des Landes weit hinter den östlichen Boom-Regionen zurück. Auch die Einkommen hinken deutlich hinterher.

Standortvorteil: Apple und Intel ziehen nach Chengdu

Das erweist sich mittlerweile jedoch als Standortvorteil angesichts der wachsenden Konkurrenz aus anderen Billiglohnländern, die Chinas Wirtschaft zusetzt. Nicht nur die Planer in Peking haben das erkannt. Der Computerchip-Hersteller Intel hat sich 2003 für Chengdu entschieden und seither rund 400 Millionen Euro in seinen neuen Produktionsstandort investiert. Der Apple-Zulieferer Foxconn, der immer wieder wegen miserabler Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen gerät, verzichtete auf eine Erweiterung seines Standorts in Shenzhen und lässt seine iPads seit Herbst 2010 in Chengdu zusammenbauen.

Denn in der Hauptstadt der Provinz Sichuan liegen die Lohnkosten im Schnitt um rund ein Viertel niedriger als in Küstenstädten wie Shenzhen oder Shanghai, wie das McKinsey Global Institute ermittelt hat.

Andere Investoren sind dem Beispiel von Intel und Foxconn gefolgt. Inzwischen haben 200 der 500 weltweit führenden Unternehmen eine Filiale in Chengdu und das Wirtschaftsmagazin Forbes zählt die Stadt zu den am schnellsten wachsenden Metropolen des neuen Jahrzehnts. In den ersten neun Monaten des Jahres 2011 stieg das städtische Bruttoinlandsprodukt um 15 Prozent, während sich das Wachstum in Shanghai und Peking mit rund zehn Prozent deutlich verlangsamte. Damit rückt Chengdu nahe an seinen schärfsten Konkurrenten heran, das nur 300 Kilometer entfernte Chongqing, das mit 16,5 Prozent den landesweit höchsten Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt verzeichnete.

Doch solche Wachstumsraten haben ihren Preis. Um die Wirtschaft anzukurbeln, pumpt die Stadtregierung von Chengdu enorme Summen in die Entwicklung der Infrastruktur, gewährt großzügige Investitionsförderung und Steueranreize.

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Autor:  Werner Girgert
Datum:  30 | 1 | 2012
Seiten:  1 2
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