Es ist kurz vor 22 Uhr in Peking. Seit zwei Stunden erzählen vier bekannte chinesische Intellektuelle, wie schwierig die Lage sei. Der Historiker Wang Hui, Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs, spricht so souverän davon, dass ich sicher bin, er zitiert Habermas' Neue Unübersichtlichkeit. Es war ein heißer Tag, jetzt ist es abgekühlt. Im Innenhof des alten chinesischen Hauses kommt Wind auf. In dem kleinen Raum sitzen 50 bis 70 Journalisten aus Deutschland, den USA, Großbritannien und Norwegen. Sie sind Gäste der Frankfurter Buchmesse, die ihnen in einem fünftägigen Crashkurs Chinas Intellektuelle, Schriftsteller, Buch- und Medienmacher näherbringen möchte.
Sie haben jetzt verstanden: Die Lage ist schlechter geworden als noch vor ein paar Jahren. Gleichzeitig aber hat man als Intellektueller heute mehr Möglichkeiten als 2003 oder 2005. Das System hat gelernt sich anzupassen, und es hat gelernt, sich die Leute anzupassen. Die Parole vom Marsch durch die Institutionen, also in die Partei zu gehen, um sie umzukrempeln, hat eher die Leute als die Partei umgekrempelt.
Die drei Herren und die Dame auf dem Podium sind sehr beredt, was das Bejammern der Lage betrifft. Sie nehmen auch kaum ein Blatt vor den Mund. Aber dann gibt es mit einem Mal eine lange Pause. Eine erfahrene Peking-Korrespondentin war aufgestanden und hatte eine ganz einfache Frage gestellt: Worüber müsste man denn vor allem reden, wenn es Redefreiheit für alle gäbe? Nach diesem Satz ist erst einmal Ruhe, eine schnell sich ausbreitende, eine dann wie ein Steinblock mit Händen zu greifende Ruhe.
Die vier erschrecken darüber, dass ihnen keine Antwort einfällt. Xu Xiao, eine kleine, hellwache Frau, eine der bekanntesten Essayistinnen Chinas, hat den rettenden Einfall. Sie lächelt und sagt sehr leise: "Über die Redefreiheit." Alle lachen. Nicht über das Tautologische dieser Antwort, sondern über den dialektischen Befreiungsschlag, über das Münchhausenkunststück, wie man sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen kann. Das Schwindlerische daran entgeht niemandem, aber die Freude am Paradox hat die Oberhand. Der Saal lacht ebenfalls, alle sind glücklich.
Oben und unten sitzen Intellektuelle. Leute also, die ihren Spaß an Worten und dem Spiel mit ihnen haben, Leute, die sich dieses Spiel nicht gerne nehmen lassen, die aber viel hinzunehmen bereit sind, wenn ihnen gestattet wird, es zu spielen. In diesem gemeinsamen Lachen kommen Ost und West zusammen. Ein glücklicher Augenblick, sollte man meinen. Aber manche erschrecken. So klar kann man selten sehen, was die trennt, die etwas bewirken wollen, von denen, die nur wollen wollen, aber nicht sagen können, was.
Ein paar Stunden vor dieser Pause waren wir in einem Bus durch Peking gefahren und hatten an einem vielleicht 50-stöckigem Wolkenkratzer ein halbes Dutzend Männer gesehen, die sich an Seilen nebeneinander hinab ließen. Als wir näher kamen, glaubten wir zu sehen, dass sie die Fensterfront reinigten. Ein aussichtsloses Vorhaben, die paar Männer konnten das nicht schaffen. Während sie den einen Abschnitt säuberten, wurde der, den sie gerade gereinigt hatten, wieder schmutzig. Wir hatten Mitleid, die Älteren unter uns erinnerten an maoistische Durchhalteparolen über das Besteigen hoher Berge, bis jemand bemerkte: Die haben keine Eimer. Das ist kein Putzkommando. Das sind Sportler. Je weniger man weiß, desto mehr neigt man dazu, das, was man sieht, symbolisch zu nehmen.
Da steht zwischen neu aufgerichteten Wolkenkratzern ein windschiefes dreistöckiges Gebäude. "Super 8 Hotel" steht an der Hauswand. Man erinnert sich daran, dass vor vier Jahrzehnten junge Väter die ersten Schritte ihrer Kinder mit einer Super-8-Kamera festhielten, dass man abends zu Käsegebäck eingeladen wurde, die flimmernden Ergebnisse des väterlichen Stolzes zu besichtigen. Kaum später wird dieses Hotel entstanden sein. Das Relikt eines anderen Versuchs, Chinas Anschluss an die Entwicklung in der Welt zu finden.
Man sieht nicht mehr nostalgisch auf das Haus, sondern sehr traurig. Wie viele Menschen haben in China allein in den letzten 60 Jahren immer wieder versucht, ein wenig mehr Freiheit zu haben, etwas mehr zu bekommen vom technischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Fortschritt? Die Wolkenkratzer haben nicht nur das alte Peking zerstört. Sie haben auch, bis auf wenige Zeugen, die Überreste der jüngsten, der allerjüngsten Vergangenheit beseitigt.
Aber das geht dem Besucher erst am Abend auf. Nicht einmal fiel das Wort Sozialismus. Er wird nicht nur nicht propagiert, er wird totgeschwiegen. Nicht nur die Intellektuellen, die Künstler sprechen nicht von ihm. Auch die Funktionäre nehmen das Wort nicht in den Mund. Man will nach vorne. Der Blick zurück könnte einen hindern, sich mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem man einst den Sozialismus anstrebte, jetzt für sein Gegenteil einzusetzen.
Selbst für das Offensichtlichste brauchen wir Zeit. Als wir nach zwei Tagen das erste Mal "Volksrepublik China" hören, wird uns endlich klar, dass selbst der Vizeminister diese Bezeichnung nicht mehr benutzt, sondern stets nur von China oder aber - auch sehr gerne - von "unserem China" spricht. Am Ende der DDR stand der Aufruf "Für unser Land". Es war der Versuch, die DDR und den Sozialismus zu retten gegen eine Bevölkerung, die von beidem genug hatte.