kalaydo.de Anzeigen

Claudio Magris: Weit von wo?

Claudio Magris ist ein großer Erzähler. Der Essayist erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er zeigt, wie man Fremdes aufnehmen kann, ohne das Eigene zu verraten, als ein Dolmetscher der Kulturen. Von Arno Widmann

Claudio Magris wird mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen
Buchhandels geehrt.
Claudio Magris wird mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geehrt.
Foto: rtr

Claudio Magris ist ein großer Erzähler. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde gestern aber an den Essayisten, ja an den - wenn man so sagen darf - Politiker Claudio Magris verliehen. Er wurde vom Vorsteher des Börsenvereins als jemand geehrt, der uns gezeigt hat, wie man Fremdes aufnehmen kann, ohne das Eigene zu verraten, als ein Dolmetscher der Kulturen.

Der Laudator Karl Schlögel, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität in Frankfurt/Oder, wies zwar darauf hin, dass man Magris auch als "Meister der Farbe Blau" preisen und feiern könnte, als einen poetischen Metaphysiker des Maritimen. Man könnte auch seine Fähigkeit rühmen, Metaphern zu finden für die Widersprüchlichkeiten unserer Existenz, Metaphern, die im Großen das Kleine und im Kleinen das Große sichtbar machen.

Aber hier und heute, so Schlögel, müsse es gehen um Claudio Magris, den Wiederentdecker Mitteleuropas, jenen Autor, der wie wenige sonst - darunter, das sei erlaubt hinzuzufügen, auch Karl Schlögel selbst - uns auf den fatalen Fehler unserer Sicht auf die Nachkriegsweltordnung hinwies, den Osten als etwas Negatives zu betrachten. Magris hat sich diesem Blick auf die Welt nicht nur entgegengestemmt. Er hat ihn mit seiner Forschungsarbeit und mit seinen Entdeckungsreisen - zum Beispiel die Donau entlang - anschaulichst widerlegt.

Zentrale Grenzerfahrung

Von Triest aus war wohl, so meint der Raumdenker Karl Schlögel, leichter zu begreifen, dass die Spaltung Europas nicht von Dauer sein konnte. Schlögels Preisrede mündete in die emphatischen Sätze: "Europa kann nach dem 20. Jahrhundert eine Portion Schönheit und Zuversicht brauchen. Für dieses Geschenk danken wir Claudio Magris."

Dann sprach der Preisträger selbst. Und mit einem Male öffnete sich die Paulskirche der Welt. Claudio Magris sprach über Biafra und Bhopal. Er machte klar, dass Europa ein winziger Bruchteil der Welt ist. Ein Satz wie der von Gottfried Honnefelder, Europa habe gelernt, in der freien Bewegung der Kulturen miteinander ein gutes Stück seiner Identität zu sehen, würde Magris niemals über die Lippen gehen. Er hofft allenfalls, dass Europa das lernen möge. Magris erinnerte dagegen an die Jugoslawienkriege. Er weiß zu genau um die Zerbrechlichkeit der Welt, in der wir leben.

Der 1939 geborene Magris wurde noch in eine Tradition hineingeboren, für die Triest einer der zentralen Orte des einen großen Mittelmeerraumes und zugleich eines der Zentren des Habsburgerreiches war. Der Eiserne Vorhang machte aus - daran erinnerte auch Schlögel - dem Zentrum Peripherie.

Die Erfahrung der Grenze ist zentral für Claudio Magris. Zu ihr gehört die Erfahrung der Grenzverschiebung, die Erfahrung also, dass unsere Erfahrungen von neuen Gegebenheiten entwertet werden. Magris setzt sich mit Energie und Lust diesen Erfahrungen aus. Der Wiederentdecker Mitteleuropas, der den vorgeblichen Osten des Kontinents uns als seine Mitte begreifen lehrte, hat sich längst aufgemacht in den fernsten Westen und blickt zum Beispiel von Argentinien aus auf sein winziges Triest und unser nicht viel größeres Europa.

Claudio Magris weiß, dass man bereit sein muss, sich vom Eigenen zu lösen, um sein Eigenstes zu erreichen. Die eigene Kultur ist per se nichts Gutes. Sie ist Teil des Allgemeinen. Sie ist nicht nur Opfer, sondern auch Täter.

Magris geht es um die Opfer. In seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1996 erklärte er: "Der Strom der Geschichte schwemmt die kleinen Geschichten der Individuen fort und lässt sie untergehen, die Woge des Vergessens löscht sie aus dem Gedächtnis der Welt. Schreiben bedeutet unter anderem auch am Ufer entlanggehen, stromaufwärts fahren, schiffbrüchige Existenzen auffischen und Strandgut wiederauffinden, das sich an den Ufern verfangen hat, um es zeitweilig auf einer Arche Noah aus Papier unterzubringen."

Autor:  Arno Widmann
Datum:  19 | 10 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.