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Dario Fo im BE: Jetzt die Vergewaltigung!

Dario Fo, Literaturnobelpreisträger, und Claus Peymann, Regisseur, am vergangenen Freitagabend im Berliner Ensemble. Das Publikum fällt dem Regietheater in den Arm. Von Arno Widmann

Der italienische Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo vor Lebendmasken im Helene-Weigel-Zimmer im Berliner Ensemble.
Der italienische Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo vor Lebendmasken im Helene-Weigel-Zimmer im Berliner Ensemble.
Foto: Andreas Labes

Auf der Anklagebank ein Vergewaltiger, im Zeugenstand die Vergewaltigte und im Zentrum der Advokat. Dario Fo spielt ihn, und er spielt die beiden anderen gleich mit. Ort der Handlung ist ein Gericht in London, vor zweihundert Jahren. Das Bühnenbild ist die leere Bühne. Fo spielt den Advokaten, der in seinem Plädoyer den Vergewaltiger als einen bescheidenen jungen Mann darstellt, der nichts als Studium und Religion im Kopfe habe. Die Frau dagegen, man müsse sie sich nur ansehen, sei die Verführung selbst. Niemand könne sie ansehen, ohne sie zu begehren.

Die kleine Szene ist eine Dacapo-Arie. Zuerst erzählt Fo die Handlung. Dann spielt er sie. In Grammelot, in jener Sprache also, die Fo geschaffen hat, die den Klang, die Skandierung, die Gestik einer realen Sprache - in diesem Falle also des Englischen - aufnimmt, aber nur in ganz seltenen Momenten Wörter dieser Sprache verwendet. Wenn die freilich auftauchen, schlagen sie direkt auf das Zwerchfell der Zuhörer durch. Es ist eine raffinierte Kunst der Verfremdung, die er am Freitagabend im Berliner Ensemble vorführt. Sie hat viel mit Oper, Clownerie, Erzählkunst und Artistik zu tun und fast nichts mit Brecht.

Der erste Durchgang, in dem er die Geschichte auf italienisch erzählt, ist voller Wortspiele und Witze. Der Übersetzer hat nicht den Hauch einer Chance, auch nur einen Bruchteil davon dem deutschen Publikum näher zu bringen. Der zweite Teil, in dem Dario Fo die Rolle verkörpert, scheint unmittelbar verständlich, aber in Wahrheit bedarf er natürlich des ersten Teils.

Wir kennen das aus der barocken Oper. Da wird erst einmal ganz verständlich gesungen von der Schönheit, vom Zorn, von der Liebe. Dann aber in den nächsten Durchläufen werden Verzierungen angebracht, ausufernde Dehnungen oder überschäumend perlende Klänge in allen Höhen und Tiefen, die es unmöglich machen, die Wörter zu verstehen. Der Zuhörer gibt es bald auf, festzustellen in welcher Silbe er sich gerade befindet. Zu grotesk fügen sich nur noch Noten aneinander. Der Sinn wird aufgelöst in virtuosen Klang. Um dann doch wieder aufzutauchen wie ein Verschollener, den man freudig begrüßt. Dann aber wird er wieder verschlungen vom Fluss des Gesanges. Wie die Malibran sang, so spielt Dario Fo.

Auf der Bühne sitzen die Übersetzer und als Gastgeber und Regisseur des Abends Claus Peymann. Franca Rame liegt im Hotel im Bett. Eine schwere Grippe. Geplant war eine Lesung aus Dario Fos Erinnerungen "Die Welt wie ich sie sehe" und aus Franca Rames gerade erschienenen Memoiren "Ein Leben aus dem Stegreif" (beide Rotbuch Verlag) sowie ein Gespräch Peymanns mit Fo.

"Das wird so nicht ablaufen", erklärt Peymann. "Wir machen es mehr - er hält Franca Rames Buch hoch - aus dem Stegreif. Zunächst werden Carmen-Maja Antoni und Veit Schubert aus den beiden Büchern lesen, dann wird Dario uns etwas vorführen, dazwischen - wie es uns gefällt - wieder die eine oder andere Textstelle, dann vielleicht doch ein kleines Gespräch und am Ende können Sie, das Publikum, noch Fragen stellen."

Die Lesung zeigt, dass die Texte von Dario Fo und Franca Rame nicht zum Vorlesen da sind. Sie sind Spielvorlagen. Der Vortragston, dieses Hast-Du-es-verstanden als alles begleitender basso continuo, ist das Gegenteil des Theaters von Dario Fo. Der Literaturnobelpreisträger von 1997 erzählt und spielt. Zwischen ihm und dem, was er sagt, passt kein Blatt. Aber nicht, weil er identisch ist mit der Rolle, sondern weil er die Rolle, einen Menschen also, vorführt und keinen Text. Identifikation ist die Sache dieses Theaters nicht. Fo stellt aus, karikiert, zeigt, demonstriert. Er ist auch als Schauspieler ein Erzähler. Das ist das wahre epische Theater.

Fo hat gerade den ersten, den erzählerischen Teil seiner Advokaten-Arie beendet. "Jetzt kommt der Advokat...", sagt er. Da springt Peymann, der eben noch in sich selbst verschränkt, tatsächlich verklemmt, auf seinem Stuhl saß, auf und sagt: "Halt! Dario jetzt wieder eine Lesung." Er sagt es freundlich, aber man hört, dass er nicht gewohnt ist, dass ihm jemand widerspricht. Fo sieht ihn überrascht an, blickt auf den Übersetzer, sieht Peymann an und setzt sich auf seinen Stuhl. Das Publikum aber hat längst unüberhörbar "Nein!" gebrüllt. Es fällt dem Regietheater in den Arm. Es will den Schauspieler sehen. Peymann wendet sich an den Saal. Er will etwas sagen. Dann aber lässt er die Schultern hängen, dreht sich um zu Fo und bittet ihn weiterzumachen. Der grinst, sagt: "Jetzt kommt der Advokat" und trägt das Plädoyer des Anwalts im schönsten englisch klingenden Grammelot vor. Der Saal birst vor Lachen. Nur zwei Reihen vor mir sehe ich einen strengen Theaterkritiker, der wohl findet, dass hier jener Hanswurst, den Gottsched von der deutschen Bühne vertrieb, wieder auferstanden ist. Sein Gesicht, das ich manchmal im Profil sehen kann, scheint zu sagen: "Erschlagt ihn, es ist ein Komödiant!" Wir anderen aber bejubeln den Komödianten.

Kaum ist Fo fertig mit seiner Arie, kaum beginnt der Beifall nachzulassen, springt Regisseur Peymann - wie Jack Out of the Box - wieder von seinem Stuhl und ruft: "Die Vergewaltigung! Die Vergewaltigung!" Nun soll Carmen-Maja Antoni, so der Herr des Schiffbauerdamms, eine Szene von Franca Rame lesen.

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Autor:  Arno Widmann
Datum:  22 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
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