kalaydo.de Anzeigen

Das Leben der Roma: Über den zulässigen Höchstwerten

Human Rights Watch berichtet von Rassismus, atmosphärischer und körperlicher Vergiftung: Das bedrohte Leben der Roma im Kosovo. Von Isabel Fonseca

Armut ist alarmierend, aber beileibe nicht das einzige Problem der Roma im Kosovo.
Armut ist alarmierend, aber beileibe nicht das einzige Problem der Roma im Kosovo.
Foto: getty

Vor 20 Jahren sagte Václav Havel, dass die Situation der Roma eine Bewährungsprobe für Europas neu gebildete Demokratien sein wird. Von weltweit vielleicht 16 Millionen Roma leben etwa zehn Millionen in Europa, die meisten im ehemaligen Ostblock. Wie steht es also jetzt um diese lebhafte und schnell wachsende Minderheit?

Ein Unicef-Bericht von 2005 konstatierte folgendes: 84 Prozent der Roma in Bulgarien, 88 Prozent in Rumänien und 91 Prozent in Ungarn leben unterhalb der Armutsgrenze. In Rumänen (wo die Roma ein Viertel der unter 18-jährigen darstellen) steigt der Anteil der Schulabgänger und Analphabeten drastisch. Seit der Abschaffung des Kommunismus und trotz der Millionen von Euro, die von nationalen und internationalen Regierungen sowie aus privaten Quellen investiert wurden, ist der Lebensstandard dieser europäischen Bevölkerungsgruppe in allen wichtigen Bereichen (Gesundheit, Bildung, Arbeit und Wohnung) deutlich gefallen und ihr Überleben teilweise gefährdet. Und die Gewalt hat sich nach Westen ausgebreitet.

Zur Sache

Der Bericht von Human Rights Watch, "Kosovo: Poisoned by Lead, Rights Abused in Titrovica’s Roma Camps", wird am Mittwoch, 24. Juni veröffentlicht.

Von Isabel Fonseca ist erschienen: "Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner." Verlag Droemer Knaur 1998; zurzeit nur antiquarisch erhältlich.

Brandstiftung war vor 15 Jahren vor allem in Rumänien beliebt. In Tschechien bauten lokale Behörden Mauern um einige Roma-Siedlungen, und von tschechischen Skinheads gingen lange Zeit die meisten schweren Gewaltakte in Europa aus. In jüngster Zeit tut sich Italien hervor, wo im letzten Mai in einem Vorort von Neapel eine große Siedlung überfallen und zerstört wurde und die Regierung mit dem äußerst bedenklichen - wenn auch nicht ausführbaren - Vorschlag reagierte, die Fingerabdrücke von allen Roma unter 14 Jahren zu erfassen.

Die schlimmste institutionalisierte Gewalt gegen Roma findet allerdings weiter östlich statt. Ein Bericht von Human Rights Watch, der am 24. Juni veröffentlich wird, dokumentiert einen Fall in Mitrovica im nördlichen Kosovo, der seinen Anfang vor zehn Jahren nahm, nachdem ein ganzes Stadtviertel mit 8000 Einwohnern, die meisten davon Muslime, geplündert und niedergebrannt worden war.

Wanda Troszczynska Van Genderen schreibt in ihrem Bericht für Human Rights Watch, wie die Leute ihre Behausungen fluchtartig verließen aus Angst vor Übergriffen durch ethnische Albaner, die zwar die gleiche Sprache wie die Roma sprechen, diese aber als "Kollaborateure" der Serben betrachten. Etwa 6500 der Geflohenen sind nie zurückgekehrt (wobei ohnehin nur ein Zehntel der Vorkriegsbevölkerung von 200 000 Roma in Kosovo verblieben ist).

Die Kosovo-Truppe hat bei der Vernichtung der Siedlung nicht eingegriffen, aber die Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen reagierte mit schneller Hilfe für die obdachlos gewordenen Menschen und versorgte sie mit Essen und Unterkunft, bis ihre Behausungen wieder bewohnbar waren.

Diese provisorischen Unterkünfte befanden sich jedoch (mit Ausnahme von einem Lager, das in einer alten jugoslawischen Militärkaserne 45 Kilometer entfernt eingerichtet worden war) in der Nähe einer alten Bleimine, gleich neben einem haushohen "schwarzen Hügel", der toxischen Abraumhalde der Mine, einem Ort also, der laut Troszczynska Van Genderen hochgradig verseucht ist.

Der stillgelegte Minenkomplex in Trepca war lange Zeit schon berüchtigt für seine hohe Toxizität und deswegen völlig ungeeignet selbst für eine vorübergehende Benutzung. Die Nähe zu den Abraumhalden und die schlechten Zustände in den Lagern (dürftige Beheizung und Trinkwasserversorgung, keine durchgehende medizinische Behandlung der Bleivergiftungsfälle, schlechte Nahrungsmittelversorgung - nach Aussage einer örtlichen Krankenschwester nur Brot und Tee) mussten zwangsläufig zu schweren Erkrankungen führen. 2004 fingen Menschenrechtler an, wegen der rapiden Verschlimmerung des Gesundheitszustandes der Lagerbewohner, besonders der Kinder, deren Körper das Blei schneller aufnehmen, zu protestieren. Sie machten Fälle publik von Kindern mit schwarzem oder blutendem Zahnfleisch, Kopfschmerzen, Wachstumsstörungen, hohem Blutdruck, Epilepsie, dauerhaftem Durchfall, Erbrechen, Verwirrung, Krämpfen, hochgradiger Nervosität und "Hysterie".

Rassismus spielt eine Rolle

Jetzt, zehn Jahre nachdem die Vereinten Nationen sich des Kosovos angenommen haben und nach einer Serie von unnatürlichen Todesfällen, Fehlgeburten und unzähligen neugeborenen Kindern mit schweren Hirnschäden (mehr als die Hälfte der Lagerbewohner sind unter zehn Jahre alt; jedes im Lager geborene Kind ist hirngeschädigt) sind noch etwa 700 Roma übrig. Seit 2007 haben die Vereinten Nationen die medizinische Versorgung der Vergiftungsfälle eingestellt. Es werden keine systematischen Bluttests mehr durchgeführt; die wöchentliche Verteilung von Milch, Obst und Gemüse findet ebenfalls nicht mehr statt - obwohl man da vielleicht von Glück reden kann, denn die Bleibelastung liegt beim örtlichen Gemüse 176 Mal höher als der zulässige Höchstwert.

Das biblische Ausmaß des Leids, das das Volk der Roma seit Jahrhunderten erduldet, geht einher mit einer ebenso großen Gleichgültigkeit von außen. Da eine europäische Minderheit das Opfer dieser Verbrechen ist (für mein Gefühl ist das kein zu starker Ausdruck), muss man davon ausgehen, dass Rassismus eine Rolle spielt. Man denke an die Zwangssterilisationen von Roma-Frauen in Ungarn, Tschechien und besonders in der Slowakei. Zwar gibt es keine offizielle Verordnung mehr vom Staat, wie das unter dem kommunistischen Regime der Fall war, aber die Umstände, unter denen die "Einwilligung" für den Eingriff (normalerweise während der Geburt) heutzutage erfolgt, sind doch höchst fragwürdig: Die meist sehr jungen Frauen sind häufig des Lesens und Schreibens unkundig und werden nicht selten während der Geburtswehen mit der Entscheidung konfrontiert.

Unter einem wichtigen Gesichtspunkt sind die Bleivergiftungen aber noch schlimmer: Die Lager wurden von den Vereinten Nationen errichtet, und die Vereinten Nationen tragen zusammen mit den Behörden im Kosovo die Verantwortung für diese Menschen, eine Verantwortung, der sie sich bewusst entziehen, trotz vieler Proteste von Europaabgeordneten, Roma- und Menschenrechtsvertretern, Umweltfachleuten, Anwälten, Journalisten, der Center for Disease Control and Prevention in den USA, dem Dänischen Flüchtlingsrat (DRC), dem Mercy Corps, der Norwegian Church Aid, der WHO und zumindest einer Baronin.

Schuldzuweisungen und Gerüchte kursieren um dieses traurige Kapitel. Die Vergiftungen seien nicht durch die Abraumhalden, sondern durch geschmolzene Autobatterien (natürlich gestohlene) verursacht. Die Roma haben eine Umsiedlung in andere Unterkünfte abgelehnt. Das ist wahr und außerdem nachvollziehbar, da die angebotenen Alternativen entweder ebenfalls in dem verseuchten Gebiet lagen oder ansonsten zu weit entfernt von jeder Arbeits-, Bildungs- und Fürsorgemöglichkeit. Die Gerüchteküche ist ebenso toxisch wie das Minengelände selbst. Nur eine Tatsache bleibt bestehen: Die Roma sind immer noch dort.

Autor:  ISABEL FONSECA
Datum:  23 | 6 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.