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Wort des Jahres 2010: Das letzte Aufgebot

Der moderne Kleinbürger heißt jetzt "Wutbürger" und probt wieder einmal den Aufstand. Doch es hilft nichts: Diesmal geht es ihm an den Kragen.

Das Wort des Jahres 2010: Wutbürger.
Das Wort des Jahres 2010: Wutbürger.
Foto: dpa

Als die Gesellschaft für deutsche Sprache vor einigen Tagen den „Wutbürger“ zum Wort des Jahres kürte, war die Täuschung perfekt. Ein neues Phänomen scheint das Deutschland des Jahres 2010 heimgesucht zu haben: Überall wird demonstriert und ordentlich Dampf abgelassen. Dabei gehen nicht länger nur die als junge, linke und langhaarige Chaoten denunzierten Störenfriede auf die Straße, die im strengen Sinne des Wortes ja auch Bürger dieses Landes sind, sondern es stören außerdem ganz brave Bürger, also die notorischen Spießer und Zuhausebleiber den Betrieb, sei es beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, beim Protest gegen den Castortransport in Niedersachsen oder gegen die Schulreform in Hamburg.

Neben dem „Wutbürger“ enthält die Liste der Wiesbadener Sprachexperten das bereits erwähnte „Stuttgart 21“ (Platz 2) sowie das Tätigkeitswort „schottern“ (Platz 6); zusammen mit dem „Sarrazin-Gen“ (Platz 3) kommt hier eine Krawall- und Proteststimmung zum Ausdruck, von der uns die Jury zu sagen weiß, die Bevölkerung empöre zunehmend, „dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden“. Stimmt das aber? Wehrt sich der Bürger gegen seine Entmündigung? Und abgesehen davon: Wer ist eigentlich der „Wutbürger“ – eine neue Kategorie oder eher eine olle Kamelle? Schlussendlich: Ist das „Sarrazin-Gen“ vererbbar oder ein ansteckendes Virus?

Ein sprachlicher Jahresrückblick

Für die Auswahl der Wörter des Jahres ist nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks entscheidend, sondern, erklärt uns die Jury, „seine Signifikanz und Popularität: Die Liste trifft den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres und stellt auf ihre Weise einen sprachlichen Jahresrückblick dar“. In der Tat geben die genannten Begriffe einigen Anlass für einen Rückblick, allerdings nicht nur auf das zu Ende gehende Jahr. Dass ein Befindlichkeits- oder Stimmungswandel endlich mit seinem eigenen, „signifikanten“ Vokabular in Erscheinung tritt, hat einen sehr viel längeren Vorlauf. Der Protest und sehr viel mehr noch das Ressentiment gehören seit geraumer Zeit zum guten, ja gutbürgerlichen Ton.

Kennzeichnend ist dabei die zunehmende Unverschämtheit. Es wird beleidigt und verunglimpft, verkürzt und betrogen, vor allem aber: keine Rücksicht mehr genommen. Die Regeln des Anstands sind genauso außer Kraft gesetzt wie die elementaren Prinzipien intellektueller Redlichkeit. Beides rechtfertigt sich hier und da noch mit der Absicht, wachrütteln oder zur Umkehr aufrufen zu wollen, gilt aber längst auch ohne solche Entschuldigungen als legitime Unmutsäußerung. Die hinausposaunte Wut steht und spricht für sich selbst angesichts der gesellschaftlichen Missstände, die sie selber in dramatisch-drastischer Diktion erst in Szene setzt.

Untergang, Überschwemmung und andere Katastrophen. Dabei ist vor allem die bürgerliche Mitte bedroht: Einkommensschwund und Kaufkraftverlust, Globalisierungs- und Flexibilisierungsstress, Abstiegsängste und Terrorgefahr. Die Reichtümer, das Ersparte, der wohlverdiente Lebensabend verschwinden in den schwarzen Löchern der weltweiten Finanz, Banken-, Fiskal- und Staatskrise. Zum Schaden kommen noch der Hohn und weitere Zumutungen, denn während die einschlägig bekannten Krisengewinnler anderer Leute Geld schon wieder auf ihren Spekulationspartys verjuxen, drückt von unten ein neues Prekariat aus Hartz-IV-Beziehern, Niedriglöhnern und Leiharbeitern.

In einem der wichtigsten, bezeichnenderweise kaum gewürdigten Publikationen dieses Jahres, der mittlerweile neunten Folge der „Deutschen Zustände“, einer von dem Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer geleiteten Langzeituntersuchung, ist dann auch von einer „Mischung aus Angst, Wut und Zynismus“ die Rede, von einer Zunahme der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ gemeinsam mit der „Einforderung von Etabliertenvorrechten, die man als Reaktion auf Krisenbedrohung bzw. -betroffenheit interpretieren kann“. Dem Bürger geht es an den Kragen, er möchte möglichst hohe Zäune errichten, um sich alles Bedrohliche von Halse zu halten.

Die von allen politischen Parteien beschworene Mitte soll eine Trutzburg sein und beschreibt doch nicht viel mehr als ein Sammelbecken der Angst. Man hat zwar noch einige Besitzstände und Privilegien zu verlieren, weiß aber auch, dass es der Tendenz nach abwärts geht und man alsbald zu den Schwachen gehören wird, zu deren Ungunsten die große Umverteilung jetzt schon geht. Die Politik jedenfalls wird nicht mehr helfen, sie wickelt nur noch ab, sich selbst, den Staat und ihre angestammte Klientel. Der Bürger ist sich zunehmend selbst überlassen, er wird von der Politik im Stich gelassen – und verliert die Contenance. Also gibt er sich politik- oder parteiverdrossen, demonstrationsfreudig, ausländerfeindlich...

Trauriger Solipsismus

Der „Wutbürger“ empört sich nicht so sehr gegen seine Entmündigung, sondern gegen seine Enteignung durch die Politik. Seine Wut gilt dem Verrat am Prinzip des unverdrossenen Wohlstands, sie ist insofern eine Enttäuschung, nur selten weicht sie der Ernüchterung. Deswegen „buht, schreit, hasst“ der „Wutbürger“, wie Dirk Kurbjuweit den Begriff im Spiegel prägte: „Er bindet, verpflichtet sich nicht, sondern macht sein Ding. Was wird aus meinem Land, ist eine Frage, die sich Bürger stellen. Was wird aus mir, ist die Frage, die sich Wutbürger stellen.“ Das aber beschreibt keine neue Kategorie, sondern den guten alten Kleinbürger, den Bourgeois, der gegen die gute alte Citoyenherrlichkeit wütet.

Wie auch immer, die Lärmerei wird nur einen kleinen Aufschub gewähren. Wohlstand für alle war einmal. Wir erleben das Ende einer Epoche: der historisch einmaligen Phase eines sozialstaatlich eingehegten Kapitalismus. Jetzt beginnt das große Rette-sich-wer-kann. Eigennutz und Grobheit werden zur ersten Bürgerpflicht, und das nicht nur in Deutschland. So hat, was momentan zur Euro-Krise stilisiert wird, nur wenig mit dem Zustand einer Währung zu tun, vielmehr entlädt sich an dem Symbol für die ungebremste Wohlstandsentfaltung eine Enttäuschung. In Europa hat längst ein Verteilungskampf begonnen, ein Abwehrkampf der Habenden gegen die Habenichtse.

Manchmal kommt das allgemeine Unbehagen noch etwas unstet daher. In Stuttgart etwa setzte man den gutbürgerlichen Demonstranten ein staatspolitisches Einpersonenstück namens „Schlichtung mit Heiner Geißler“ vor, und nur wenige Wochen später war der meiste Ärger verpufft. Bei Wind und Wasserwerfer zu demonstrieren, ist auf Dauer aber auch sehr anstrengend. Sehr viel bequemer und deswegen andauernder sind da schon die für den eigenen Lebenswandel folgenlosen, da ihn ja zumeist verteidigenden Wertedebatten. Und damit sind wir endlich bei den Selbstverständigungsroutinen des in arge Bedrängnis geratenen Bürgertums angekommen: ihrem eigentlichen, ihrem eigensten Metier.

Es darf geschimpft und gepöbelt werden. Dabei geht es immer – ausnahmslos! – gegen die Schwachen. Unseren Boni-Bankern hat man bis heute kein Haar gekrümmt, dem Hartz-IV-Prekariat ruft man auf seinem Abstieg auch noch ein „römisch-dekadent“ oder „selbst schuld“ hinterher. Das Bürgertum aber begehrt, an dem allgemeinen Elend nicht schuld zu sein: Sähe es sich als Erfinder und Jahrhunderte langer Nutznießer jener kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die heute in der Vielfalt ihrer Erscheinungen alles Bürgerliche, nicht zuletzt auch den demokratischen Rechts- und Sozialstaat zermalmt, dann gäbe es wohl mehr Zerknirschung und weniger große Klappe.

Von nachhaltiger und sorgfältiger Argumentation aber keine Spur. In diesem Milieu hält sich jetzt schon erstaunlich lange eine Spielart der Ausländerfeindlichkeit, die so genannte Islamkritik. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erfreut sie sich größter Beliebtheit und dient nach dem Untergang des Sowjetreichs all jenen Kalten Kriegern als neue Heimstatt, denen es nicht so sehr auf Erkenntnisgewinn, aber dafür umso mehr auf klare Freund-Feind-Unterscheidungen ankommt. Die größte Klappe hat hier zweifelsohne der Journalist Hendryk M. Broder, er bietet deftige Unterhaltung, ist gewissermaßen der Ballermann im Debattenbetrieb.

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Autor:  Christian Schlüter
Datum:  21 | 12 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  15
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