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Zeitschrift Merkur: Das Ziel war immer, Gedanken zu verbreiten

Die achtziger Jahre waren geprägt von der Wende zur ästhetischen Betrachtung, die Neunziger standen im Zeichen der Wiedervereinigung und die nuller Jahre arbeiteten 9/11 auf: Karlheinz Bohrer und Kurt Scheel hören nach 30 Jahren als Herausgeber der Zeitschrift Merkur auf – eine Bilanz.

Mehrere Jahrzehnte europäischen Denkens an einem Tisch: Kurt Scheel (l.) und Karl Heinz Bohrer.
Mehrere Jahrzehnte europäischen Denkens an einem Tisch: Kurt Scheel (l.) und Karl Heinz Bohrer.
Foto: Paulus Ponizak

Sie haben fast 30 Jahre gemeinsam die Geschicke des Merkur geleitet. Haben Sie nun mit der Ankündigung Ihres Abschieds vom Blatt das Ende einer Ära eingeläutet?

Bohrer: Die Jahrzehnte unserer Zusammenarbeit sind nicht zuletzt durch sehr unterschiedliche geschichtliche Epochen charakterisiert. Die achtziger Jahre, in denen ich als Herausgeber allein für den Merkur verantwortlich war, kann man vielleicht als Jahre eines aesthetic turn bezeichnen. Die Vorherrschaft der sozialpolitischen und sozialgeschichtlichen Perspektive wurde von ästhetisch inspirierten Betrachtungen abgelöst. Daran hat der Merkur durch mich sehr stark teilgenommen. Die neunziger Jahre wurden dann objektiv eingeläutet durch die Wiedervereinigung. Die Themen der neunziger Jahre waren, zum Teil zu meinem Verdruss, die nationale Frage und die Aspekte der Erinnerungskultur. Das dritte Jahrzehnt war schließlich durch den 11. September 2001 geprägt und damit durch die Fragen nach Multikulturalismus und den Clash der Kulturen.

Zu den Personen

Karl Heinz Bohrer (79) und Kurt Scheel (63) haben mehr als 30 Jahre lang gemeinsam die Geschicke der Zeitschrift Merkur gelenkt. Das 1947 gegründete Monatsheft ist seit Jahrzehnten die bedeutendste Plattform für europäisches Denken, wie es im Untertitel heißt.
Der Literaturwissenschaftler Bohrer hatte die Herausgeberschaft 1984 übernommen, wenig später kam Scheel als Redakteur zum Merkur. Seit 1991 sind beide als Herausgeber tätig. Zum Ende des Jahres endet die Ära Bohrer/Scheel in der Redaktion in der Berliner Mommsenstraße.
Neuer Herausgeber des Merkur, der von der Klett-Cotta-Stiftung getragen wird, wird ab Januar 2012 Christian Demand sein. Demand hat bisher vor allem mit Texten zur Kunst auf sich aufmerksam gemacht. tt

Scheel: Eine Zeitschrift wie der Merkur lebt natürlich von den Ideen, Vorlieben und Abneigungen der Herausgeber. Wenn Bohrer und ich also nun aufhören, dann kann es gar nicht anders sein, als dass ein anderer Merkur dabei herauskommt.

Wie haben Sie sich zur aktuellen Zeitgeschichte verhalten, die, wie Sie sagen, den Merkur stark beeinflusst hat?

Scheel: Es war ja von uns in keiner Weise zu verdrängen, dass nach 1989 und 2001 andere Themen in den Vordergrund rückten. Darauf haben wir natürlich reagiert.

Bohrer: Zurückblickend kann man sagen, dass wir die drei genannten Epochen sehr spezifisch beantwortet haben. Die ästhetische Epoche kam mir sehr gelegen. Anders bei Kurt Scheel, der literarisch sehr bewandert ist, von seinem intellektuellen Temperament aber stärker geprägt durch politische und soziologische Kenntnisse und auch Ambitionen. Ich kam hingegen von einer philosophischen Theorie, die allerdings als Medium politischer Urteile – also alles, was man mit Originalität, Individualität, Freiheit etc. verbindet – ganz und gar nicht unpolitisch ist. Gewiss war es aber auch so, dass meine Herausgeberschaft anfangs von meinen Universitätserfahrungen geprägt war. Wenn man so will, ist mein Buch „Plötzlichkeit“ für mich zu einer Art Fibel des intellektuellen Verhaltens in den achtziger Jahren geworden. In diesem Sinn ist die Tendenz des Merkur kein Report über die Ereignisse der Zeit, sondern ein permanenter Kommentar, manchmal auch ganz unabhängig von dem, was geschah.

Zu diesem Gestus der begleitenden Kommentierung stellten dann die neunziger Jahre aber eine deutliche politische Zäsur dar.

Bohrer: Das lag daran, dass wir mit unserer entschiedenen Befürwortung der deutschen Wiedervereinigung in einen absoluten Widerspruch zu den Mehrheitsintellektuellen in Deutschland gerieten. Jürgen Habermas hat seinerzeit in der ZEIT eine grundsätzliche Absage an die Wiedervereinigung formuliert, nachdem sein ehemaliger Assistent Ulrich Oevermann kurz zuvor im Merkur ein Plädoyer dafür abgegeben hatte. Nach dem 11. September 2001 ist ein ganz analoger Dissens aufgetreten.

Wie sah der aus?

Scheel: Im Novemberheft 2001 hat jeder von uns ein Editorial geschrieben, in dem wir auf die Attentate in den USA Bezug genommen haben. Die Tendenz dieser beiden Editorials lautete: Was nun kommt, ist eine weltpolitisch bedeutende Angelegenheit, die wir sehr ernst nehmen müssen. Das war grimmig formuliert und hat zu erstaunlichen Reaktionen in der deutschen Presse geführt. Das Feuilleton ist über uns hergefallen und hat uns Kriegstreiberei vorgehalten. „Der Merkur macht mobil“, lautete eine Überschrift in der FAZ. Das war der Beginn eines Auseinanderdriftens und des Aufkommens von Animositäten zwischen den deutschen Feuilletons und dem Merkur, die es vorher nicht gegeben hat. Daran hat sich bis heute auch nichts geändert.

Bohrer: Mich hat das eigentlich nicht besonders beschäftigt, obwohl mich dieser hysterische Ton durchaus überrascht hat. Unsere Editorials galten im Grunde nur einer Frage. Nämlich der, dass eine, nennen wir es arabische Form der Kulturkritik am Westen nichts mit einer Kulturkritik im adornoschen Sinn zu tun hat. Wir haben uns, zweifellos mit einer gewissen Kälte, von einer Sentimentalität des intellektuellen Umarmens distanziert und darauf aufmerksam gemacht, dass wir es vielmehr mit einer tödlich werdenden Feindschaft gegenüber dem Westen zu tun haben. Danach haben wir die Diskussion, zum Beispiel über den Irakkrieg, gar nicht sehr intensiv fortgeführt. Der Merkur ist keine politische Zeitschrift. Aber allein die ironische Infragestellung dieser neuen Erscheinung eines aggressiven Panislamismus hat die Leute bereits provoziert. Vielleicht umso mehr, weil bei dieser Kritik die Vermutung ausgesprochen wurde, dass eine müde gewordene deutsche Linke in den vergangenen zehn bis 15 Jahren geschlafen hat. Plötzlich wurden dann aber gewisse Sehnsüchte kulturkritisch-utopischen Denkens, die sich im Abseits befanden, durch die Lunte dieser neuen Aggression der arabischen jungen Männer entfacht. Man dachte: Hey, wir haben ja ein neues Motiv. Gegen den alten Feind Amerika, gegen den Kapitalismus haben wir eine neue Munition. Genau das aber haben wir nicht akzeptiert.

Sie haben gesagt, der Merkur sei keine politische Zeitschrift. Gerade in Ihren Themenheften haben Sie aber auf den Vorwurf reagiert, zu einem Leitmedium der Konservativen geworden zu sein. Fühlten Sie sich durch die Kritik herausgefordert?

Bohrer: Ich nicht. Ich habe durch mein Interesse an Imagination und künstlerischen Konstruktionen möglicherweise indirekt reagiert. Ich habe stets auf der Nachdrücklichkeit eines imaginativen ästhetischen Diskurses bestanden. Das provokanteste Unternehmen war gewiss das Heft mit dem Titel „Kapitalismus oder Barbarei?“. Das wurde zum Teil mit erstaunlichem Hass verfolgt, wie wir es beispielsweise bei einer Diskussion im Literaturhaus Stuttgart erlebt haben.

Scheel: Ich fühlte mich durchaus herausgefordert. Aber mit Konservatismus hatte das nichts zu tun. Es ging nach 1989 und in noch stärkerem Maße nach 2001 darum, sich der Grundlagen der westlichen Zivilisation zu vergewissern. Den etwas altfränkischen Untertitel „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ haben wir für uns immer als Zeitschrift für westliches Denken übersetzt. Durch die weltgeschichtlichen Ereignisse und die Tumulte, die diese auch unter den deutschen Intellektuellen hervorgerufen haben, fühlte ich mich aufgefordert, an dieses westliche Denken zu erinnern. Man muss sich noch einmal vergegenwärtigen, wie umstritten die deutsche Wiedervereinigung war. Jürgen Habermas hat beispielsweise vom D-Mark-Nationalismus gesprochen. Heute will man das nicht mehr so genau wissen. Der Punkt nach 9/11 für uns war: Eine bestimmte Form von sentimentalem Antikolonialismus und Antiimperialismus spielen wir nicht mit. Der Araber als der neue edle Wilde, das kommt für uns nicht in Frage. Bei aller Kritik und Selbstkritik, für die wir in Europa ja berühmt sind: Es gibt ein paar Dinge, die wir ernst nehmen müssen, und das sind: Demokratie, Freiheit, Menschenrechte – und wenn man ehrlich mit sich ist – auch Kapitalismus. Es gibt weltweit nun einmal keine freiheitliche Gesellschaft, also eine Gesellschaft, die wir für akzeptabel halten, die nicht kapitalistisch ist.

Es hat sich in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten ja vieles zum Positiven entwickelt. Es gibt mehr Schönheitssinn in der Politik, es gibt mehr Fernerinnerung, mehr Interesse an der deutschen Geschichte, also nicht nur am Nationalsozialismus, und es gibt einen gelassenen, selbstbewussten Patriotismus. Hat sich dieser Wandel mit der intellektuellen Hilfe des Merkurs vollzogen?

Bohrer: Nein, das glaube ich nicht. Ich meine auch, dass der Merkur gar nicht danach schielen darf, in dieser Weise Erfolg zu haben. Er müsste dann vom Erfolg sofort wieder ein bisschen abrücken. Stil und Ironie sind Ende der neunziger Jahre von jungen Leuten ja explizit ausgerufen worden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt haben sich dieser Stil und diese Ironie, die in Deutschland ja tatsächlich gefehlt haben, bereits banalisiert. Heute würde ich Ironie und Stil nicht mehr unbedingt als notwendig empfinden, sondern ganz im Gegenteil: einen neuen Ernst.

Scheel: Wir haben keine Agenda gemacht, wie der Merkur die deutsche Öffentlichkeit erziehen will. Andererseits haben wir, von heute aus gesehen, wohl mehrfach einen ganz guten Instinkt bewiesen. Zum Beispiel haben wir noch vor dem 11. September ein Doppelheft gemacht mit dem Titel „Nach Gott fragen“. Wir haben also Religiosität thematisiert, ehe sie zu einer gesellschaftspolitischen Hauptsache wurde.

Ist es ein Charakteristikum des deutschen Intellektuellen, dass er erspüren will, was in der Mentalität sich ankündigt, während es beispielsweise französischen Intellektuellen eher darum geht einzugreifen?

Bohrer: Eins ist klar. Die Sartre'sche Konzeption des engagierten Literaten hat es in der Form in Deutschland nie gegeben. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass die deutschen Intellektuellen historisch gesehen in einem machtfernen Raum lebten. Die kleinen Fürstentümer machten in einem emphatischen Sinne ja keine Politik. Das war in Frankreich selbst vor der Französischen Revolution ganz anders. Der deutsche Geist lebte eher in einer Sphäre, die ihn gar nicht sehr provozierte, von der zweifellos reaktionären Spießigkeit dieser Kleinstverhältnisse einmal abgesehen. Positiv gesehen kann man sagen, dass die große Begabung der deutschen Intellektuellentradition in ihrer philosophischen Neugier besteht. Es wurden immer wieder Dinge zur Sprache und in die Sprache gebracht, wie das in anderen Nationen nicht der Fall ist.

In der langen Blattgeschichte hat der Merkur zweimal sein äußeres Erscheinungsbild und sein Layout sehr geringfügig verändert. Haben Sie nie über einen inhaltlichen Relaunch nachgedacht?

Scheel: Wir haben natürlich immer wieder darüber diskutiert. Wir waren uns aber sehr einig darin, dass es für den Merkur keinen Zweck hat, mit dem Speck nach dem Schinken zu werfen. Autorenfotos, Abstracts für die längeren Artikel, alle Möglichkeiten einer vermeintlichen Verbesserung der Leser-Blatt-Bindung sind natürlich diskutiert worden. Wir haben es aber immer auch als Chance verstanden, gezielt elitär zu sein. Sowohl in der Komplexität der Themen als auch in deren Inszenierung. Wir wollten da nichts auflockern. Wir sind die Ritter der Bleiwüste, haben wir uns gesagt. Inzwischen gibt es den Merkur aber auch online. Wir stellen von jedem Heft zwei aktuelle Beiträge kostenfrei ins Netz. Das Ziel dieser Zeitschrift war nie, Geld zu verdienen – der Merkur wird von der Klett-Stiftung getragen –, sondern immer, Gedanken zu verbreiten, die wichtig sind, die jedenfalls wir für wichtig halten. Und das gelingt uns heute besser als vor 20 oder 30 Jahren. Deshalb bin ich auch ganz optimistisch, dass ein so altmodisches Konzept wie das einer Kulturzeitschrift eine Zukunft hat.

Wie viel Kontinuität darf sich Ihr designierter Nachfolger Christian Demand erlauben, wie viel Innovation sollte er sich leisten?

Scheel: Wenn es stimmt, dass der Merkur von den Ideen und Neigungen – bis hin zu den Idiosynkrasien – seiner Herausgeber gelebt hat, dann muss das auch für die Zukunft gelten. Wir können da nichts prognostizieren, und es wäre auch völlig unangebracht, gute Ratschläge zu erteilen. Christian Demand wird seinen Merkur machen müssen. Es gibt eine Tradition, die er kennt und vielleicht auch mit sich trägt. Aber inhaltlich und auch stilistisch sind da keine Vorgaben zu machen.

Interview: Harald Jähner und Harry Nutt

Datum:  30 | 5 | 2011
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