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Debatte um den Krieg: Tod in Afghanistan

Erst leugnete der zuständige Minister, dass es überhaupt einen Krieg in Afghanistan gebe. Nun ist das akzeptiert - aber wie viel oder wie wenig ist uns das Leben von Soldaten und Zivilisten wert? Von Christian Schlüter

Sieht aus wie Krieg und ist Krieg: Deutsche Soldaten auf Patrouille.
Sieht aus wie Krieg und ist Krieg: Deutsche Soldaten auf Patrouille.
Foto: ddp

Beinahe kleinlaut ist die Afghanistan-Konferenz in London zu Ende gegangen. Alle Beteiligten schienen froh, dass sie mit dem leidigen Thema eines Krieges und seines ungewissen Ausgangs erst einmal wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden sind. Das war Ende letzter Woche, seitdem werden im Deutschen Bundestag wieder Debatten über Haushaltslöcher und Kopfpauschalen geführt. Business as usual.

In Afghanistan aber sterben weiterhin Menschen, Soldaten und Zivilisten. Wer in den Krieg zieht, muss mit dem Tod rechnen. Nicht nur damit, dass Menschen unglücklicherweise zu Tode kommen, sondern damit, dass eine in jedem Fall in Kauf zu nehmende Zahl von Menschen sterben wird. Das ist eine Frage der Statistik, nicht des Zufalls. Militärs sind gehalten, den Tod für ihre Armeen, die ja auch unternehmerische Großeinheiten darstellen, wie eine betriebswirtschaftliche oder versicherungstechnische Größe zu behandeln.

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Dergleichen ist nicht zynisch. Vielmehr würde verantwortungslos handeln und das operative Ziel gefährden, wer als Militär - und auch Politiker - den Tod nicht ins Kalkül zöge. Aus diesem Grund muss es einen, den Tod "aufwiegenden", möglichst allgemein geteilten Zweck geben, in Hinblick auf den er als "lohnend" erscheint. Der Tod muss "gerechtfertigt" sein, das Opfer einen "Sinn" haben.

Und genau damit tut man sich in Deutschland schwer. Lange haben wir uns daran vorbeigemogelt, den Krieg in Afghanistan überhaupt einen Krieg zu nennen: Wer will den Tod schon als ein durch Krieg willentlich herbeigeführtes Ereignis rechtfertigen müssen?

Einsatz in Afghanistan

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Deutsche Soldaten in Nordafghanistan

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Die Idee von der "Wiedereingliederung"

Dann doch lieber von Unfällen in unübersichtlichen Situationen sprechen. So war lange Zeit, was den Sinn des Todes angeht, von technischen Hilfsdiensten der Bundeswehr die Rede, vom Brunnen, Straßen und Schulen bauen. Vor der Londoner Konferenz erläuterte der deutschen Außenminister seine Idee von der "Wiedereingliederung" ausstiegswilliger Taliban, so als handele es sich bei ihnen um schwer erziehbare Jugendliche.

Technisches Hilfswerk, Polizeiausbildung, Resozialisierungsmaßnahme Schritt für Schritt, mit immer neuen, als "zivil" verbrämten Zielen wurde die deutsche Gesellschaft in den Krieg gelockt. Von der rot-grünen Bundesregierung, von der Großen Koalition und von Schwarz-Gelb. Das ursprüngliche, UN-mandatierte Kriegsziel, nämlich die Taliban und das Terrornetzwerk El Kaida unschädlich zu machen, wurde indes nicht erreicht und spielte in den öffentlichen Diskussionen eine immer geringere Rolle.

Als eines der wichtigsten Ergebnisse der Londoner Konferenz wurde nun das verstärkte Engagement beim zivilen Aufbau verkündet. Hier stellt sich sofort die Frage, ob denn das allgemein propagierte zivile Engagement deutscher Soldaten bisher keine Spuren hinterlassen hat. Konnten sie sich mit ihrer Strategie etwa nicht durchsetzen? Warum aber sollte die Bundeswehr sich dann in Zukunft durchsetzen? Und warum ausgerechnet gegenüber den Amerikanern?

Menschenrechtsverletzungen hingenommen

Deren Führungsrolle stand zu keiner Zeit infrage. Auch die Deutschen sind unter amerikanischer Führung in den Krieg gezogen und haben eine aus ihrer Sicht falsche, weil nicht-zivile Strategie mitgetragen. Wie die anderen Verbündeten haben sie auch Menschenrechtsverletzungen hingenommen oder, de facto, mitgetragen. Die Rede ist etwa von dem bei Kabul gelegenen "Gefängnis der Finsternis" und den anderen, über die ganze Welt verstreuten CIA-Einrichtungen. Sie sind ein wesentlicher Teil des "Krieges gegen den Terror" - jenes Kriegs also, der auch von der Bundeswehr in Afghanistan (und anderswo) geführt wird.

Wer da noch erklärt, unsere Freiheit werde am Hindukusch verteidigt, muss auch sagen, dass uns unsere Freiheit offenbar der Entzug fundamentaler Freiheitsrechte (nicht nur) in Afghanistan wert ist. Wir verteidigen unsere Freiheit, unsere Werte, kurzum: die Menschenrechte, indem wir sie anderen vorenthalten. Mit diesem, gelinde gesagt, Makel ist auch der technische und soziale Hilfsdienst der Deutschen behaftet. Daran ändert selbst die mit einigem neu-feministischen Aplomb vorgebrachte Erklärung vieler Kriegsbefürworter nichts, dass jetzt afghanische Frauen und Mädchen in die von uns gebauten Schulen gehen.

Die Bundesrepublik Deutschland trägt vieles mit. Selbstverständlich könnte, wer nicht naiv erscheinen will, erklären, dass Menschenrechtsverletzungen und andere Makel zu den "Kollateralschäden" eines Krieges gehören. Doch auch darüber findet in Deutschland keine aufrichtige Diskussion statt - von Kritik ganz zu schweigen. Alles soll ruhig bleiben, irgendwie harmlos und handhabbar erscheinen. Auch der in London in Aussicht gestellten Truppenabzug ist nur wieder ein "ziviles" Placebo, so als sei der Krieg eine termingerecht ausführbare Dienstleistung.

Geradezu surreal muten da die auf der Afghanistan-Konferenz beschlossenen Mittel für die Resozialisierung schwer erziehbarer, aber einsichtsfähiger Taliban an. Nicht, weil man offenbar glaubt, ideologisch labile Terroristen "kaufen" zu können. Vielmehr können wir uns leicht vorstellen, dass sich Afghanen für Talibankämpfer ausgeben, um in den Genuss der "Maßnahmen" zu kommen. Wir bekämen es dann mit Fällen von Sozialbetrug oder "Sozialschmarotzern" zu tun - und damit ginge es in Afghanistan beinahe so "zivil" zu, wie bei uns daheim.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  1 | 2 | 2010
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