Bruce Bawer, der andere erfolgreiche Apokalyptiker, beginnt sein Buch mit dem Satz: „We in the West are living in the midst of a Jihad, and most of us don’t even realize it.“ (Wir leben mitten im Dschihad, merken es aber nicht einmal.) Bawer antwortet mit einem Parallelwahn auf die antiamerikanische Paranoia in der muslimischen Welt. Wie viele Rechtsorientierte in den USA kämpft er einen Zweifrontenkrieg gegen die zur Eroberung des Westens entschlossenen Muslime und gegen die Liberalen in den USA und Europa, die seine Lesart der Dinge nicht akzeptieren.
Als ein Sammler aller kleinen und großen Fälle jagt er von Internetseite zu Internetseite und spießt tausend Beispiele auf, die die beiden Seiten des Verhängnisses dokumentieren: muslimische Gemeinheit und liberale Feigheit.
Während sich Caldwell mit dem toten Pim Fortuyn verbündet, begibt sich Bawer in die Nähe von dessen politischen Nachfolger, Geert Wilders, mit dem er ein Interview führte, das dann unter anderem auf der antiislamischen Website wie „Die grüne Pest“ verbreitet wurde.
Dass Wilders’ Vergleich des Korans mit Hitlers „Mein Kampf“ zu einer Anklage wegen Volksverhetzung geführt hat, ist für Bawer Anlass zu klagen, die Redefreiheit in den Niederlanden und im Westen werde zu Tode gewürgt. Wilders gilt ihm als Opfer der islamfreundlichen Verblendung Europas. Wie Caldwell arbeitet Bawer Großereignisse durch, die er als Teilaktionen des Islamdschihad gegen den Westen betrachtet: die 1989 gegen Salman Rushdie ausgesprochene Fatwa des iranischen Präsidenten Khomeini, die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh, die Gewaltdrohungen aus der islamischen Welt wegen der islamkritischen Karikaturen und den Mordversuch am Zeichner einer der Karikaturen, Kurt Westergaard.
All dies sind Ereignisse, die schlimm, nicht zu beschönigen, durch nichts zu rechtfertigen und besorgniserregend sind. Nur bilden sie keinen erkennbaren Zusammenhang, aus dem sich eine globale Bedrohung der westlichen Grundrechte herleiten ließe.
Was diese amerikanischen Autoren und ihren deutschen Mitstreiter Thilo Sarrazin verbindet, ist die spürbare Herkunft ihrer Alarmrufe aus purem Ressentiment. Während Theo van Gogh die „Ziegenficker“ verhöhnte, Sarrazin über „Importbräute“ oder „Kopftuchmädchen“ lästert und den deutschen IQ-Durchschnitt wegen angeblicher türkischer Blödheit in den Keller sinken sieht, findet Bawer nichts verwerflicher als die Mahnung, im Umgang mit Muslimen mit Feingefühl zu sprechen. Mit all ihrer Sensibilität haben seiner Ansicht nach die Gutmenschen nur eines erreicht: „Free speech is in crisis.“
Aber wie möchte Bawer das kühn verteidigte Recht auf freie Rede nutzen? Er möchte vor allem eines: „call a fanatic a fanatic“. Das Ressentiment und die mit ihm verschwisterte Paranoia setzen sich das Krönchen auf, indem sie als Kämpfer für Freiheit oder Gerechtigkeit oder Retter der Welt auftreten. Das ist ein uraltes Muster. Aber Sarrazin ist kein Rassist. Die SPD sollte ihn nicht durch einen Hinauswurf adeln. Wollte man jedes Mitglied, das dummes Zeug redet, aus der Partei werfen, könnte man die meisten Ortsvereine schließen. Sarrazin ist ein Importeur amerikanischer Untergangsbilder. Aus dem sarrazynischen Ressentiment lässt sich lernen, dass die Intelligenz, über die er gewiss verfügt, zu groß ist, um die zeitgenössische Welt zu verstehen.
Manfred Schneider lehrt Germanistik in Bochum. Demnächst erscheint sein Buch „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ (Matthes & Seitz).