Wer in diesem Land abseits der Medien lebt, wird ein anderes Leben führen als jene, die up-to-Date bleiben. Für letztere ist der Alltag eine Kette unberechenbarer Interventionen. So lieferte kürzlich der Yahoo Newsticker das Bild einer strahlenden Anne Will, darunter die Einschaltquote ihrer letzten Talkrunde zu Hartz IV. Millionen Zuschauer werden wieder einmal Sätze gehört haben, die ihnen versichern: Der Feind wohnt nebenan. Oder gar unter ihnen. Möglicherweise frühstückt er auf ihre Kosten.
Selbst wenn das Gesagte nicht so plakativ daherkommt, funktioniert es wie Werbesätze: Lässt man lange genug „Nichts ist unmöglich!“ aus dem Lautsprecher dröhnen, kann der Zuhörer den Slogan auswendig. Im besten Fall kann man sich dem Mantra widersetzen, doch selbst dafür muss man Bezug darauf nehmen. Der Werbesatz bestimmt die Lebenswirklichkeit des Zuschauers mit.
Jagoda Marinic ist deutsch-kroatische Schriftstellerin und lebt in Heidelberg. Sie hat die Erzählungsbände „Eigentlich ein Heiratsantrag“ und „Russische Bücher“ veröffentlicht, beide im Suhrkamp Verlag. Zuletzt erschien der Roman „Die Namenlose“ im Verlag Nagel & Kimche.
Elke Brüns hat die beiden Studien „Nach dem Mauerfall: Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung“ und „Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur“ veröffentlicht. Sie schreibt das Blog „Gespenst-der-Armut.org“.
Die Wirklichkeit dieses Landes, die durch die Medien geformt wird, scheint eine jämmerliche. Weit jämmerlicher, als es im Alltag nachvollziehbar ist. Die Profiteure dieser hysterischen Kultur der Öffentlichkeit sind bekannt. Ohne Rücksicht werden Thesen skandalisiert und wird genbelastetes Schwadronieren auf Bestsellerlisten gehievt. Bad news is good news, die goldenste Regel aller Geldbewussten. Die verarmende breite Öffentlichkeit ergötzt sich an diesen vermeintlich schlechten Nachrichten. Das angeblich hart erarbeitete Geld, das man mit den Ärmsten und Schwächsten nicht mehr teilen möchte, gibt man für Bücher aus, die einem die eigenen Ansichten bestätigen. Dabei könnte diese auch die eigene Frau bestätigen, oder der gelangweilte Nachbar – und das ganz umsonst.
Wo der Feind zu finden ist
Viele Menschen lassen sich einfangen von einer Hysterie, die mit ihren Erfahrungen unter Umständen nicht viel zu tun hat. Ob nun Sarrazin oder Seehofer, die Medienlandschaft zieht statt einer Debatte lieber Skandale auf. Und was predigen diese Dämonen oder Heilsbringer? Dass die Welt in Freund und Feind einzuteilen ist. Amen! Sarrazin liefert zudem Ideen, wo der Feind zu finden sei, er kann ihn, exakter als Google Earth, auf der Landkarte lokalisieren. Plötzlich sieht das ganze Land auf diese kleine Stelle auf Google Earth, die der Dämon-Messias mit Hilfe seiner Himmelschöre besungen hat. Und prompt ist Seehofer zur Stelle, wittert dort seine Wählerschaft.
Solange die Migranten- und Hartz-IV-Debatten tagesfüllend sind, schaffen es nur einige zu dem Bekenntnis: Das interessiert mich nicht, ich lebe in einer anderen Realität. Doch je mehr sich in diese Realität Angst vor Arbeitslosigkeit und Sorgen über das Verschwinden der Mittelschicht mischen, desto eher wird der ehemals Desinteressierte seinen Blick auf diese Stelle der Landkarte richten. Er wird nach der Arbeit müde durch die Sender zappen, sich so eine Debatte anhören, bis er denkt: Der Arme und der Fremde, ja, die interessieren mich.
Der Arme und der Fremde
Der Arme und der Fremde werden so lange durchs Dorf gejagt, bis auch die letzte Sau es mitbekommen hat. Da wünscht man sich fast die alten Zeiten zurück, in denen es keine Integrationspolitik gab. Nun ist das Thema in aller Munde. Und was bringt es uns? Billige Bestseller. Als Reaktion auf sie gut gemeinte Appelle gegen Rassismus. Ungewollt gleichen diese dem Sarrazin-Rassismus, den sie anprangern. Dieser heißt nämlich vor allem: „Ich weiß es, deshalb wird nicht diskutiert.“ Die Ignoranz solcher Appelle, wenngleich der Inhalt menschenfreundlicher, ist dieselbe. Wenn es einen ernst gemeinten Aufruf zu mehr Demokratie und weniger Integration gibt, dann müssen auch Sarrazin und alle seinesgleichen ihren Platz haben in diesem Land. Dann muss auch solchen Bedenken und rationalen wie irrationalen Ängsten Gehör verschafft werden. Auch Populisten, die meinen, sie hätten den Sündenbock ausgemacht, gehören dazu, und man sollte sie nicht mit Mitteln zum Schweigen bringen wie Sarrazin, der vermeintlich genetisch Benachteiligte ausweisen möchte.
Eines sollte trotz der Hysterie klar sein: Die Diskussionen der letzten Monate sind keine Manifestation tiefsitzenden deutschen Rassismus, sondern der Angst. Globalisierte und aus dem Ruder laufende Angst. Doch sollte man Ruhe bewahren, in die eigene Erinnerungspolitik vertrauen. In diesem Land wurde jeder Bürger zu Toleranz erzogen. Das, was derzeit in Deutschland geschieht, geschieht in den meisten westlichen Ländern. Deutschland ist nicht mehr speziell. Es könnte jedoch speziell werden, indem es den Rechtsruck verhindert. Nicht selten entsteht er aufgrund erzwungener statt erworbener Toleranz. Die Menschen möchten das Fremde fürchten dürfen. Und es sollte ihnen gestattet sein. Gerade hierzulande gibt es ein Fundament an Toleranz, eine breite Masse, die mit ihren Ängsten umzugehen weiß.
Es hilft nicht, anderen diese Ängste nicht zuzugestehen. Rechte Positionen lassen sich gut in die Debatten einbeziehen, es gibt die besten Argumente gegen sie. Nur so, nur mit jenen, die vielen in diesem Land offenbar fremder sind als „die Fremden“, bleiben wir eine pluralistische Öffentlichkeit.