Das heutige Freitagsgebet in Teheran wird in der ganzen Islamischen Republik Iran mit Spannung erwartet. In der ersten Reihe werden die Reformer sitzen - Mussawi, Karoubi, Chatami und hinter ihnen die Vielen, die in den letzten Wochen auf den Straßen demonstriert haben. Auf der Kanzel wird diesmal nicht der oberste geistige Führer, Ayatollah Chamenei oder einer seiner Einpeitscher stehen.
Die Predigt hält der wohl reichste und neben Chamenei mächtigste Kleriker Ali Akbar Rafsandschani. Über seine Haltung gegenüber der Demokratiebewegung wird viel gerätselt. Vor der Wahl unterstützte er offen Mir Hussein Mussawi, nach der Wahl hüllte er sich in Schweigen.
Jedes Wort Rafsandschanis, des Vorsitzenden des 86-köpfigen Expertenrats, der das geistige Oberhaupt im Iran wählt und theoretisch auch abwählen kann, werden seine Zuhörer auf die Goldwaage legen. Denn in Teheran brennt es: Die aufwühlenden Ereignisse der letzten vier Wochen haben einen Graben aufgerissen zwischen den Machthabern und den Protestierenden. Die Brutalität, mit der die Bassidsch und andere bezahlte Schläger den hoffnungsfrohen Aufbruch niedermachten, die Massenverhaftungen, die durch Folter erzwungene Geständnisse und die zwei jungen Opfer, Neda und Sohrab, die zu Ikonen der Demokratiebewegung geworden sind - all das hat tiefe Spuren hinterlassen, die jetzige Regierung kaum wieder tilgen kann.
Und nun macht sich Großayatollah Montaseri zum Wortführer des Aufstands der Ayatollahs in der heiligen Stadt Ghom. Es ist interessant, mit welchen Argumenten und welcher Sorgfalt er vorgeht. Die iranischen Ayatollahs sind ihrer Tradition nach quietistisch, sie gehen ihren religiösen Aufgaben nach und mischen sich zumeist nicht in die Politik ein. Der politische Islam eines Revolutionsführers Khomeni und seines einst engen Gefährten Montaseri war den schiitischen Gelehrten immer fremd und ist ihnen auch heute nicht willkommen.
Doch in eben diese Tradition stellt sich der kämpferische Geistliche jetzt erneut. Montaseri weiß: Als es 1979 darum ging, den Schah zu stürzen, folgten die meisten Geistlichen dem Vorbild des Imam Ali, dem Schwiegersohn des Propheten: Im Kampf gegen die Tyrannei schlossen sie die Reihen. "Schädigung des Islam, indem der Welt ein besonders grausames, irrationales, aggressives, abergläubisches und tyrannisches Bild dieser Religion, insbesondere des Schiitentums vermittelt wird" - dies ist Montaseris Hauptargument, mit dem er um die Unterstützung der Ayatollahs wirbt.
Als "haram", also gegen die Prinzipien des Islam gerichtet, hatte der Geistliche vor zwei Wochen "die Gewalt gegen das Volk" beklagt. Jetzt hat er mit einer Schärfe nachgelegt, die Khamenei das Fürchten lehren könnte. "Sobald eine der genannten Voraussetzungen (Gerechtigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Führungsfähigkeit) nicht länger erfüllt wird", schreibt der alte Mann über Amtsträger in der Islamischen Republik, "führt dies zwangsläufig und unmittelbar zum Verlust der Autorität. Die von jener Instanz erlassenen Befehle besitzen dann keine Verbindlichkeit mehr - unabhängig davon, ob eine Absetzung bereits erfolgt ist oder nicht."
Für Montaseri , der die letzten zwanzig Jahre in Hausarrest verbracht hat, nicht zuletzt weil er auf die Einhaltung der Menschenrechte pochte, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis Khamenei abtreten muss.
Damit die religiöse Nomenklatura sich erneut in Bewegung setzt, muss Montaseri also zwei Fragen beantworten: Welches sind die Belege dafür, dass eine tyrannische Herrschaft gegeben ist? Hier verweist er auf die Massendemonstrationen und die anhaltenden Proteste: "Die Ungerechtigkeit der Herrschenden muss von einer Gesellschaft deutlich wahrgenommen werden." Und wie haben die Gelehrten und die Gläubigen darauf zu reagieren? "Jeder Mensch hat angesichts der Tyrannei seinen Fähigkeiten und seinem Wissen entsprechend Verantwortung", antwortet Montaseri. Aber: "Gott hat mit den Ayatollahs einen festen Bund geschlossen, dass sie niemals im Angesicht der Tyrannei schweigen dürfen."
Nun müssen die Geistlichen Partei ergreifen und immer mehr schließen sich ihm an. Großayatollah Taheri richtet sogar in aller Öffentlichkeit die Frage an Khamenei: "Wo endet Ihr Totalitarismus?" Bis vor kurzem undenkbar. Khamenei mag sich zwar als Oberster Führer von Gottes Gnaden verstehen, aber die Geistlichen laufen ihm davon.
Und Rafsandschani? Der Haltung dieses Politikers changiert zwischen Opportunismus und Pragmatismus. Aber sein Interesse ist auf jeden Fall der Erhalt und daher die Reform des Systems. Im Gottesstaat hat es viele wegweisende Freitagspredigten gegeben - die heutige wird eine der wegweisenden.