Worte in den Himmel schreiben. Worte, die alle lesen können, die den Kopf nach oben richten. Das Firmament als Riesentouchscreen. Davon träumen Verliebte und Werbetexter. Doch nahende Herbststürme und fallende Kurse degradieren die imaginierten Botschaften zu Interimsphantasien.
Dem Schweizer Grafiker Ruedi Baur ist es nun mit seinem soeben in Köln eingeweihten Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz gelungen, dem Himmel dauerhaft eine Botschaft einzuschreiben: Eine Hommage an diejenigen, die sich weigerten mitzumachen im System des allgegenwärtigen Krieges, der ein Vernichtungskrieg Deutschlands war.
Das Denkmal thematisiert durch seinen bewegenden Text nicht nur "fahnenflüchtige" Soldaten der Wehrmacht. Es gilt der Erinnerung an die 20.000 in Folge von Wehrmachtsgerichtsurteilen hingerichteten Deserteure, an die so genannten Wehrkraftzersetzer, Kriegsdienstverweigerer und Kriegsverräter.
Der erinnerungspolitische und juristische Umgang mit den Folgen der NS-Militärjustiz reiht sich in nach 1945 in der Bundesrepublik skandalöse Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein. Erst 2002 hatte der Deutsche Bundestag die Deserteure rehabilitiert, die verurteilten "Kriegsverräter" davon aber noch ausgenommen. Vor allem aus der Union waren lange Zeit Befürchtungen zu hören, dass dadurch auch Soldaten rehabilitiert werden würden, die ihre Kameraden verraten hätten. Somit würden pauschal und ungerechtfertigt Opfer zu Helden gemacht.
Erst eine neue Studie des Historikers Wolfram Wette und ein Gutachten des früheren Verfassungsrichters Hans Hugo Klein brachten Bewegung in die politische Debatte. Beide Arbeiten belegten den perfiden Charakter des Kriegsverräterparagraphen der Nationalsozialisten, der es ihnen erlaubt hatte, Soldaten und Zivilisten wegen missliebigen Verhaltens mit dem Tode zu bestrafen (siehe FR vom 26.8.2009).
So konnte Wette beispielsweise keinen Fall nachweisen, in dem ein als "Kriegsverräter" Verurteilter zum Nachteil einer anderen Person gehandelt hatte. Der heute in der letzten Sitzung der Legislaturperiode des Bundestages zur Entscheidung "Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege" ist die längst überfällige - für zahlreiche Opfer zu späte - juristische Anerkennung von erlittenem Unrecht.
Opfer, Helden, Überlebende: In der offiziellen Denkmalskultur können die Verfolgten der nationalsozialistischen Militärjustiz als Vergessene gelten. Es gibt nur knapp mehr als ein Dutzend Denkmäler für Deserteure in Deutschland. Die meisten von ihnen konnten erst nach jahrelangem Widerstand gegen die Lokalpolitik verwirklicht werden und stehen auf kirchlichem oder privatem Grund. Zudem ist deren monumentale Formensprache überwiegend auf Betroffenheit und Andacht gerichtet - und nicht selten künstlerisch laienhaft geprägt.
In Köln konnte nun ein anderer, erstaunlicher Weg beschritten werden. Ausgehend von einem Stadtratsbeschluss vom September 2006 wurde im Kölner NS-Dokumentationszentrum eine bürgerschaftlich getragene Projektgruppe eingerichtet, die den Denkmalsprozess maßgeblich begleitet hat. Der schließlich im Januar 2009 von der Stadt ausgeschriebene und im April entschiedene Einladungswettbewerb kürte den Entwurf von Ruedi Baur zum Sieger. Nicht nur das: Mit der Entscheidung, das Objekt ins Zentrum der Stadt zu rücken, zwischen Stadtmuseum und NS-Dokumentationszentrum, wertete man die Bedeutung des Denkmals erheblich auf. Zum ersten Mal hat sich eine Stadt derart eindringlich für ein solches Erinnerungszeichen eingesetzt.
Nun wird also der Blick des Betrachters nach oben gerichtet. Denn dort hat Baur ein dauerhaftes Graffiti aus 15 cm hohen, farbigen Aluminiumbuchstaben in den Himmel gestanzt. Ein einfaches, drei Meter hohes Metallgerüst wird oben von einem Text-Dach abgeschlossen: eine Pergola als Denkmal. Mit ihrer halb offenen Kettentextstruktur bietet sie eine zurückhaltende Rankhilfe für die Gedanken des Einzelnen. Fernab von traditionellen Gedenkformen und schweren zeichenhaften Materialisierungen vermag das Kölner Denkmal mit seiner mutigen Leichtigkeit und Farbigkeit Flaneure oder Köln- Besucher anzusprechen.
Das Dach bietet keinen Wetterschutz, man stellt sich hier nicht unter, sondern greift ins Freie. Die monumentale Frage nach Opfern oder Helden wird sediert. Es geht um die Verbindung von gestern und heute, um Zivilcourage. Baur hat einen flexiblen Erinnerungsraum geschaffen, der die Wichtigkeit der kleinen widerständigen Gesten und Handlungen betont. Bewusst nicht auf Perfektion abzielend, setzt dieser Ort durch seine Pathosabwesenheit neue Maßstäbe des Gedenkens. Unaufdringlich und kraftvoll führt es den Betrachter zur Frage: Was mache ich hier?