Sicherlich kennen Sie alle, als Fachleute in Sachen Ernst May, die einschlägige Stelle aus den Tagebüchern des Grafen Kessler. Es ist der 4. Juni des Jahres 1930. Der Essayist und Diplomat geht mit dem befreundeten Aristide Maillol ins Frankfurter Stadionbad. Der Bildhauer Maillol ist „begeistert über die unbefangene Nacktheit“ der Badenden. Der alte Herr hat natürlich nicht selbst die Kleider abgelegt, man sitzt auf der Sonnenterrasse. Kessler erklärt dem französischen Gast, der sportive Anblick sei „Teil eines neuen Lebensgefühls, einer neuen Lebensauffassung, die in Deutschland nach dem Kriege siegreich vorgedrungen sei, man wolle wirklich leben, Licht, Sonne, Glück, seinen eigenen Körper genießen.“ Und dann zeigt er Maillol die neue Römerstadt. Maillol ist „fast sprachlos vor Erstaunen“ „und immerfort steigerten sich die Ausdrücke seiner Bewunderung“. Bisher hat er nur moderne Architektur gesehen, die kalt war, „froid“. Man wüsste gern, welche es war, die von Le Corbusier, André Lurçat, Mallet-Stevens in Paris? Die Frankfurter Siedlung aber sei nicht kalt, im Gegenteil. Kessler erklärt ihm, auch diese Architektur sei aus jenem Lebensgefühl entstanden, das die jungen Leute zu Sport und Körperbefreiung treibe und daher ihre Wärme beziehe [...]. Nur wenn man diese neue deutsche Architektur in das Ganze einer neuen Weltanschauung hineinstelle, könne man sie verstehen.
Die neue Architektur als Ausdruck und auch als Bedingung eines neuen Lebensgefühls! Neu war das Wort des Jahrzehnts. Von der Neuen Wohnung war die Rede, von der Neuen Raumkunst, dem Neuen Bauen, der Neuen Stadt, der Neuen Musik, der Neuen Küche, der Neuen Frau. Meist war der Begriff neu den Autoren so wichtig, dass sie ihn mit Großbuchstaben schrieben. Eine Publikumszeitschrift hieß Die Neue Linie, Fachzeitschriften Das Neue Frankfurt und Das Neue Berlin. Auf Plakaten oder in Büchern wurde das Alte, wurden die überfüllten Interieurs, die ornamentüberkrusteten Fassaden des 19. Jahrhunderts gern mit zwei temperamentvollen Strichen durchkreuzt. Ein Neuer Anfang.
Wolfgang Pehnt, Jg. 1931, lebt als Architekturhistoriker in Köln. Er schrieb Standardwerke über die Architektur des Expressionismus oder die „Deutsche Architektur des 20. Jahrhunderts“. Der Text basiert auf einem Vortrag, den Pehnt in dieser Woche zur Einweihung des sanierten Ernst-May-Hauses in der Frankfurter Römerstadt gehalten hat.
Die Römerstadt ist eine Wohnsiedlung der frühen Moderne; sie liegt im Südwesten des Frankfurter Stadtteils Heddernheim – direkt am Fluss Nidda. Ihren Namen erhielt die Siedlungsanlage, weil sie auf dem Gebiet der ehemaligen römischen, der Limesversorgung dienenden Kleinstadt Nidda errichtet wurde. FR
Und ein Neuer Mensch. Was unter dem Neuen Menschen zu verstehen sei, war unterschiedlichen Deutungen ausgesetzt. In den ersten Jahren nach dem Kriegsende 1918 war oft das phantasiereiche Menschenkind mit dem reinen Herzen gemeint. Es war auf Selbstfindung bedacht, aber dem Nächsten zugetan. Es war ein Suchender auf dem Weg zu einer solidarischen Menschengemeinschaft, die auf wechselseitigem Verständnis und gegenseitiger Hilfe beruhte. Wer Nietzsche gelesen hatte – und wer hatte es damals nicht? –, trug den Übermenschen im Sinn, der seiner schicksalhaft vorgezeichneten Bahn ohne Blick nach rechts oder links folgte, ein tatenfroher Demiurg.
Wenn zu Anfang der Weimarer Republik Nietzsche noch ein Patron der Baukünstler gewesen war, aber auch Wohnungsreformer, Gartenstadtpolitiker, Sozialisten und Anarchisten wie der Fürst Kropotkin, so übernahm in zunehmendem Maße der amerikanische Betriebswissenschaftler Frederick Winslow Taylor diese Rolle. Die Anwendung seiner Lehre von wissenschaftlicher Betriebsführung und Fließbandproduktion ließ sich in den Ford-Fabriken studieren, wo das berühmte Modell T, die „Tin Lizzie“, von 1914 bis 1927 in 15 Millionen Exemplaren produziert wurde. „Fordismus“ avancierte zu einem Schlagwort der zwanziger Jahre.
Taylors Erfolg in der deutschen Bauindustrie beruhte nicht zuletzt auf einem mehrjährigen Experiment, das der Baubranche entnommen war. In seinem wichtigsten Buch „Die Betriebsleitung insbesondere der Werkstätten“, 1909 ins Deutsche übersetzt, beschreibt er, wie die einzelnen Gewerke eines Bauunternehmens durch Fragmentierung des Arbeitsvorgangs, durch Zeitstudien und ein System von Strafen und Belohnungen rationalisiert worden seien.
Zweckmäßige Anordnung der Räume
Ernst May, Frankfurts hünenhafter Baudirigent, erweckte gern den Eindruck, als sei die Industrialisierung des Bauens in seinen Siedlungen bereits vollzogen. Tatsächlich war bei Herstellung und Montage der Elemente noch eine Menge manueller Arbeit im Spiel. Schon aus Rücksicht auf das protestierende Baugewerbe wurde ein Teil der Wohnungen konventionell hergestellt. Vieles, was in dieser Epoche wie eine kleine Wohnmaschine aussah – vor allem im Villenbau –, war herkömmlich aus Hohlblocksteinen gemauert. Erst das Finish, die letzten Zentimeter der Oberfläche aus Feinputz und Anstrich, das schmale Stahlprofil von Fenstern und Türen machten den technoiden Charakter aus.
Aber richtig ist, dass Taylors Forderungen in der Bauproduktion berücksichtigt zu werden begannen – und nicht nur in der Produktion. Rückwirkungen hatten sie auch auf Entwurf und Grundriss. Die arbeitsökonomische Anordnung der Verkehrswege in Haus und Stadt, die zweckmäßige Anordnung der Räume und Einrichtungen, der zeitsparende Verlauf von Ganglinien, die gesonderte Bedienung der verschiedenen Funktionen, jede auf ihre spezielle Art entsprachen dem taylorisierten Denken.
Rationalisierung bedingte ökonomisches Denken, Veränderungsbereitschaft, Wandel der Qualitätsmaßstäbe und, wenn man Kriterien der Handwerkskultur anlegte: Abstriche am Niveau. Aber die Architekten der Avantgarde haben ihre Arbeit und die Menschen, für die sie entwarfen, durchaus nicht nur als Opfer gesehen. Über den Verlusten errichteten sie eine ganze Rechtfertigungsphilosophie. „Alles kommt darauf an, dass unsere Einfachheit, unsere Armut nicht erzwungen erscheint, sondern freiwillig, dass das harte Müssen zu einem freien Wollen gemacht wird“, schrieb Karl Scheffler in einem Buch von 1920, das er unklugerweise „Sittliche Diktatur“ nannte. Die schlanke, spartanische, kühle, technikbewusste Form erschien bald nicht mehr als Ergebnis der Not, auch nicht mehr nur als Ergebnis zeitgemäßer Produktionsmethoden. Sie wurde zum gewollten Symbol der Moderne. „Die Phantasie wird ingenieurhaft sein und die technische Form bevorzugen... Was die Geschichte will, ist also eine Formsetzung größten Stils, die endlich zur Beruhigung und Gesundung führt.“ (Scheffler) Wenige Jahre später, nach der Machtergreifung, schien die Geschichte es sich bereits wieder anders überlegt zu haben, als Scheffler gehofft hatte.
Eine Argumentationslinie pro Neues Bauen wurde mit wahrnehmungspsychologischen Begründungen bestritten. Die puristischen Räume mit ihrer sparsamen Einrichtung sollten einfache Wahrnehmungsbilder erzeugen, sollten Konzentration und geistige Arbeit ermöglichen. Man erhoffte sich die „Vermeidung ständigen und unproduktiven Verlustes an Nervenkraft“ und verschrieb den Bewohnern eine „Abgewöhnungskur“, eine Entlastung, die in der Befolgung von Normen lag.
Unruhige und geordnete Räume
Je karger die Umgebung, desto größer der innere Reichtum. Abgelöst von Zufälligkeiten, befreit vom Strandgut der einzelnen Lebensgeschichten, bedient von den unsichtbaren Geistern der Technik, sollte der Mensch sich auf die tieferen, bleibenden Erfahrungen konzentrieren. Der unruhige Raum macht zerstreut, der geordnete, gereinigte befähigt zu Meditation und innerer Sammlung. Hygiene der Wahrnehmung war ebenso gewollt wie die physische Hygiene im staubfreien Interieur. „Das so erschaffene Haus wird sein: klar, sachlich, bequem, wesentlich, sparsam, beglückend, strahlend hell, entlastend.“ (Fritz Block)
Ein anderer Argumentationsstrang war aus sozial-ethischen Motiven geflochten. Die Einheitlichkeit der Häuser, ihre Reihung zu Zeilen von gleichem Abstand und gleichem Lichteinfallswinkel sollte den Willen zu demokratischer Gleichbehandlung ausdrücken. In der Wiederholung identischer Formen stellte sich die erhoffte, hierarchiefreie Gesellschaft her. Von „Enteitelung“ und „Zuchthalten“, „gelebter Objektivierung“ und „Ich-Überwindung“ sprach Walter Gropius, von der „wahren Gemeinschaft“, die in der „Befriedigung gleicher Bedürfnisse mit gleichen Mitteln“ bestehe, sein Nachfolger im Amt des Bauhaus-Direktors, Hannes Meyer. Ästhetische Gestaltungsmittel des Neuen Bauens waren ausdrücklich auf gesellschaftliche Verhältnisse bezogen. „Jedes Element oder Bauglied muss gleichzeitig helfend und geholfen wirksam sein, stützend und gestützt“, heißt es bei Bauhausmeister Josef Albers. Damit war natürlich nicht nur ein bautechnisch-konstruktiver Zusammenhang beschrieben, sondern ein moralisch-sozialer.
Der Neue Mensch war eine Idealkonstruktion, die Vision einer nahe geglaubten Zukunft. Gegenwart war der alte Adam: der Normalbürger mit seinen Lebensgewohnheiten, seinen Überforderungen, seinen überlieferten Denkmustern. Man kann in Bruno Tauts Buch „Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin“, erschienen 1924, nachlesen, was von den Bewohnern der neuen Siedlungen erwartet wurde, wenn ihr überfüllter Möbelwagen vor der neuen Haustür stand: eine Art Ritualmord an den vertrauten Gegenständen des bisherigen Lebens. Kissen, Decken, Nippes und der gestickte Haussegen: weg damit. Von den übrig gebliebenen Möbeln wird abgesägt, was nicht unbedingt nötig ist, Aufsätze, Verzierungen, Troddeln, Teppiche und Tischdecken sind fast immer überflüssig. Die Wohnküche weicht der Arbeitsküche, der Laborküche − in Frankfurt sechseinhalb Quadratmeter groß. Die gesparte Fläche kommt dem Wohnraum zugute. Als Ergebnis verspricht der Autor „herrliche Raumbefreiung“.
Anpassungsschwierigkeiten
Auch in Frankfurt waren die Anpassungsschwierigkeiten für die neuen Bewohner nicht gering. Sie alle kennen die Karikatur, die das Weihnachtsbäumchen auf dem Flachdach zeigt, weil es nicht in die Stube passt. Die Bauten fügten sich nicht den Gewohnheiten der Nutzer, sondern setzten eine andere Wohnkultur voraus oder wollten zu ihr erziehen.
Die asketischen Räume des Neuen Bauens, die technische Versorgung, die Mobilität und Offenheit der angezielten Lebensweise, das Pathos eines reformierten Daseins, die exponierten Dachterrassen, die Einbaumöbel waren eher auf flexible Intellektuelle zugeschnitten, wie sie am ehesten in der Römerstadt vorzufinden waren, die in der sozialen Hierarchie der May-Siedlungen obenan stand. Denn für die Arbeiter, Angestellten oder gar Arbeitslosen in Westhausen oder Goldstein bedeutete ein etwaiger Umzug nicht eine Reise aus einer Bleibe in die andere, bei der man nur die Koffer mitnimmt, aber nicht die Möbel. Wer sich sein bescheidenes Hab und Gut mit einem großen Teil seiner Lebensarbeit erwirtschaftet hat, der trennt sich nicht leicht wieder davon, und handele es sich auch um Gelsenkirchener Barock.
Aber profitierten Arbeiter und Angestellte etwa nicht von den neuen Angeboten, so fremd sie ihnen erschienen? Die Schimpfworte über die „öden Kästen“, die „Affenkäfige“, die „Strafkolonien“ stammen nicht von Mietern, sondern von interessengesteuerten Parteivertretern. Licht, Sonne, Luft, Grün, Hygiene waren Stichworte auf der Seite der Avantgarde. Was damit gemeint war, kam auch in Wirklichkeit den Leuten zugute.
Nicht zuletzt boten die Gärten, ursprünglich nur durch niedrige Hecken abgegrenzt, Gelegenheit zu nachbarlichen Kontakten, ebenso wie die Zentralwäscherei, die Gemeinschaftshäuser oder die Vereinslokale. Oft waren öffentliche Freiflächen zugänglich. Viele der neuen Bewohner kamen aus erbärmlichen Wohnverhältnissen. Für eine Familie, die zu fünft eine Einzimmerwohnung im Slum bewohnt hatte, bedeutete eine Dreizimmerwohnung von 60 qm in den Frankfurter Siedlungen das Paradies auf Erden. Und bedeutete auch noch eine Verbesserung, als die Wohnungsgrößen in der Weltwirtschaftskrise auf 48 oder gar 42 qm schrumpften. Beiläufig: das ist die Quadratmeterzahl Wohnfläche, die heute durchschnittlich auf einen Bürger der Bundesrepublik entfällt – auf einen, nicht auf fünf!
Mit mehr als Befremden, nämlich mit Zorn, lese ich, wenn heute ein renommierter konservativer Schriftsteller über zwei ganze Druckseiten einer großen Tageszeitung die „herrlichen“, weiträumigen Wohnungen großbürgerlicher Wohnquartiere der Kaiserzeit mit ihren Flügeltüren und Kronleuchtern rühmen und alles, was danach kam, für Industrieschrott erklären darf. Verehrter Nostalgiker, sind Ihnen je die zeitgenössischen Wohnungsenquêten deutscher Ortskrankenkassen vor Augen gekommen?
Gegen das Wohnungselend, das sich in ihnen spiegelt, wo es keine Flügeltüren und Kronleuchter gab, sondern feuchte Kellerwohnungen und asphaltierte Hinterhöfe mit Mülleimern, wo Schlafgänger und Tuberkulosekranke lebten, haben Planer wie Ernst May und Kommunalpolitiker wie Ludwig Landmann gestritten. Das war, was sie und ihre Gesinnungsfreunde leidenschaftlich bewegte. Was zählen dagegen alle Übertreibungen, Ideologisierungen und schließlich Kompromisse mit der wirtschaftlichen Notlage, die auch auf das Konto der neuen Architektur gingen!
Die Architekten des Neuen Bauens hätten über die Grenzen der Länder hinaus ein warm empfindendes Herz für alle Menschen in Not, behauptete Ernst May. Diese Annahme war ein Stück Selbstdarstellung, vielleicht auch Selbststilisierung der Moderne. Aber vielleicht war es auch die Wärme, die Maillol spürte, als er mit dem Grafen Kessler durch die Römerstadt spazierte.