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Der Rassismus und der Rassismus  der Antirassisten

Im Fall Sarrazin pflegen Gegner und Befürworter naive Stereotypen und verfehlen darum das   legitime Zentrum der Debatte

        

Lob und freundliche Worte, aber wenig Unterstützung vom deutschen Volke.
Lob und freundliche Worte, aber wenig Unterstützung vom deutschen Volke.
Foto: hechtenberg/caro

Um es kurz zu machen: Thilo Sarrazin deklassiert seinen Beitrag, indem er die, in der Tat beunruhigenden, sozialen Fakten mit einem chauvinistischem Vokabular, einem unwissenschaftlichen Intelligenzbegriff und einem latent genetischen Rassismus verbindet. Ist Intelligenz vererbbar? Ja, zumindest anteilig. Bekommen „Unterschichtfrauen“ mehr Kinder als Frauen der Oberschicht? Ja. Folgt daraus, dass unser Land immer dümmer wird? Wahrscheinlich, allerdings nicht aufgrund der Dominanz eines negativen Genpools.

Erstens ist die Spannweite der statistischen Intelligenzunterschiede weit weniger dramatisch, als Sarrazin glauben macht, und zweitens ist Intelligenz eine Folge aus Anlage und Förderung. Ein Vertreter der statistisch „Dummen“ ist bei entsprechendem Fleiß durchaus in der Lage, Leistungen zu erbringen, die dem „Klugen“ leichter fallen. Die wachsende Zahl der Abiturabschlüsse spricht hier für sich. Wenn die wachsende Unterschicht und mit ihr die gesamte Gesellschaft immer dümmer wird, so ist dies nicht das Werk defizitärer Gene, sondern einer hartnäckigen und expandierenden Bildungsferne.

Den eigentlichen Helden werden von Sarrazin Knüppel zwischen die Beine geworfen

Das Erschütternde an den Aussagen von Thilo Sarrazin ist, dass er den eigentlichen Helden der Problematik Knüppel zwischen die Beine wirft. Diese Helden heißen Kevin oder Ayshe. Kevin, der nicht aufgrund, sondern trotz seines familiären Hintergrundes einen Realschulabschluss anstrebt, und Ayshe, die für die Bildung ihrer Kinder putzte und kämpfte und nun gefragt wird, ob sie sich nicht wenigstens ein bisschen über das Abitur ihrer Tochter freut.

Aber auch viele von Sarrazins Kritikern und Heerscharen von selbsternannten Verteidigern der Toleranz versündigen sich an Kevin und Ayshe. Sie verteidigen eine Kuschelsozialpädagogik, die allein auf Einsicht und freiwillige Mitarbeit setzt, obwohl schon ein Blick auf Kevins Zähne genügt, um unterlassende Hilfeleistung zu diagnostizieren. Und Ayshe? Ayshe erhält Lob und freundliche Worte, Widerstände im eigenen Kulturkreis muss sie allerdings ohne Hilfe überwinden. Wer hingegen diese Unterstützung zur Pflicht erklärt, hat mit Anfeindungen einflussreicher Toleranz-Apostel zu rechnen.

Das Phänomen ist gleichermaßen beglückend wie beschämend. Die leidenschaftlichsten Verteidiger der Aufklärung entstammen Kulturen und Regionen, die nicht zur Wiege derselben gerechnet werden können. Sie heißen Ali, Kelek oder Rushdie, treten entschlossen für Menschenrechte, Rechtsstaat, Meinungs- und Pressefreiheit ein und werden dafür beschimpft, verfolgt und mit dem Tode bedroht.

Beglückend ist dieses Phänomen, weil es den universalistischen Anspruch der Aufklärung unterstreicht. Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung mögen erstmals in Europa formuliert worden sein, dies macht sie jedoch nicht zu europäischen Exklusivitäten. Der Vorwurf des Eurozentrismus versäumt in diesem Punkt zwischen der historischen Genese und dem Geltungsanspruch zu unterscheiden.

Scham bewirkt die Erkenntnis, wie wenig Unterstützung dieser Personenkreis erfährt. In der Tat ist hier eine beunruhigende Entwicklung zu verzeichnen. Als vor 21 Jahren die Fatwa gegen Salman Rushdie ausgesprochen wurde, schien die Solidarität der aufgeklärten Welt noch belastbar. Mit der gebotenen Empörung wurde das Todesurteil von höchster politischer Ebene zurückgewiesen, Aufenthaltsrecht und Schutzangebote wurden formuliert, die „Satanischen Verse“ wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, gedruckt und nicht selten nur aus prinzipiellen Überlegungen gekauft und gelesen.

17 Jahre später hatte sich das Bild dramatisch gewandelt. 2006 überschlugen sich europäische Staatsoberhäupter und Verleger mit Entschuldigungen und Bekundungen des Bedauerns, als dänische Karikaturisten es wagten, das Recht auf Pressefreiheit zu nutzen. In vorauseilender Unterwerfung wurden in zahlreichen europäischen Ländern sogar Gesetze zur Beschneidung der Religionskritik auf den Weg gebracht. Dass diese schließlich scheiterten, könnte nur eine Atempause im Prozess der Selbstauflösung der europäischen Rechtstaaten sein. Man stelle sich vor, nach den ersten Anfeindungen und Drohungen wäre stattdessen in ganz Europa die dänische Flagge gehisst worden und sämtliche Presseorgane hätten die Karikaturen abgedruckt.

Diese Alternative mag aus Gründen der Diplomatie und der Pietät nicht eben wünschenswert sein, dass sie jedoch vollkommen außerhalb des Möglichen, ja des Vorstellbaren lag, zeigt, wie es um die europäische Verteidigung der Aufklärung bestellt ist.

Heroische Einzelpersonen wie Ali, Kelek oder Rushdie haben nicht nur Gewaltakte und mangelnde Solidarität zu fürchten, sie müssen auch der Versuchung widerstehen, in die Pauschalurteile eines Thilo Sarrazin zu verfallen. Wie immer sie sich entscheiden, die Anfeindungen von Sozialromantikern und postmodernen Kulturrelativisten sind ihnen sicher.

2007 versuchte Pascal Bruckner, ein Vertreter der französischen Nouvelle Philosophie, die Selbstgefälligkeit der Political Correctness zu erschüttern. Seine These vom „Rassismus der Antirassisten“ entlarvt die negative Dialektik multikultureller Toleranz. Die erste Ebene bezeichnet Bruckner als das Paradoxon des Multikulturalismus. Dieser gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den Menschen, aus denen sie sich zusammensetzen, denn er verweigert ihnen die Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen.

Auf der zweiten Ebene offenbart sich ein Kulturchauvinismus, der sich durchaus mit der Rassentrennung der US-amerikanischen Südstaaten oder der Apartheit in Südafrika messen kann. Wer heute behautet, „die Muslime“ seien noch nicht so weit, dass man ihnen die Errungenschaften der Moderne wie Emanzipation oder Meinungsfreiheit zumuten könne, unterscheidet sich wenig von jenen Stimmen, die damals den Schwarzen die Reife absprachen, das Wahlrecht auszuüben.

Man kann sich des unguten Gefühles nicht erwehren, dass Bruckner eine unbequeme Wahrheit formuliert. Wesenskern des Rassismus ist die Reduktion des Individuums auf seine Zugehörigkeit zu einer Rasse oder Kulturgemeinschaft. Es kann zwischen Verfolgungs- und Unterlassungsrassismus unterschieden werden. Die jüngste Geschichte hat die grauenhaftesten Erscheinungsformen von aktivem Verfolgungsrassismus hervorgebracht. Während des Holocausts wurden jüdische Menschen nicht aufgrund individueller Eigenschaften, sondern allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder angeblichen Zugehörigkeit zum Judentum in ihren Menschenrechten verletzt. Die Faustregel des Verfolgungsrassismus lautet: Wir verletzen deine Menschenrechte, weil du einer bestimmten Gruppe angehörst.

Um diese Barbarei nie wieder entstehen zu lassen, wird insbesondere in Deutschland sorgfältig darauf geachtet, rassische oder kulturelle Gruppen nicht zu diskriminieren. Dies ist zunächst sicherlich richtig und beruhigend, wenn jedoch auf diese Weise die Rechte des Individuums vernachlässigt werden, droht ein Musterstück negativer Dialektik. Was, wenn das Individuum vor seiner eigenen Gemeinschaft geschützt werden muss?

Wenn in diesem Fall das Diskriminierungsverbot gegen Gruppen Priorität hat, wird das Individuum erneut auf seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert. Dies wäre dann ein passiver Unterlassungsrassismus. Die Faustregel des Unterlassungsrassismus’ lautet: Wir schützen deine Menschenwürde nicht, weil du einer bestimmten Gruppe angehörst!

Zwangsheirat, Beschneidung, häusliche Gewalt, so genannte Ehrenmorde, all dies mag in mehreren Bevölkerungsgruppen vorkommen. Die Vorstellung jedoch, dass beispielsweise Frauen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft weniger staatlichen Schutz vor diesen Verbrechen genießen als andere, ist unerträglich und eine Gesellschaft, die dies hinnimmt, immanent rassistisch.

Diese Erkenntnis mahnt zur humanistischen Selbstdisziplin. Die Zukunft der multikulturellen Gesellschaft bedarf der Klarheit und Differenzierung. Klarheit darüber, dass die zulässige Pluralität kultureller Lebensgestaltung keine Pluralität der Rechte impliziert. Klarheit darüber, dass kulturelle Werte als Lebensstil praktiziert werden dürfen, sich aber unmissverständlich den Werten und Normen des Gesellschaftsvertrages zu beugen haben. Erst wenn diese Klarheit besteht, kann die notwendige Differenzierung greifen.

„Den Islam“ gibt es ebenso wenig wie „den Hartz-IV-Empfänger“

Differenzierung ist mühsam und reicht vom Sprachgebrauch bis in die Sozialarbeit. „Den Islam“ gibt es ebenso wenig wie „den Harz IV-Empfänger“ oder „die Muslime“ und die Integrationsprobleme eines afghanischen Paschtunen, einer irakischen Araberin und eines türkischen Kurden können sich so sehr unterscheiden wie deren Sprache. Auch darf die Bekämpfung der althergebrachten Diskriminierung nicht vernachlässigt werden. Beispielsweise ist nicht zu leugnen, dass der Erfolg eines Bewerbungsschreibens noch viel zu oft vom Familiennamen der Bewerberin bzw. des Bewerbers abhängt.

Allerdings müssen Anstrengung und Differenzierung allen Beteiligten abverlangt werden. So sehr die alteingesessenen Europäer zu Pauschalurteilen neigen, so spärlich sind die organisierten Versuche der Neueuropäer, diesen entgegenzutreten. Ein Vorbild könnten die Großdemonstrationen gegen Rechtsextremismus sein. Diese können braune Schandtaten nicht ungeschehen machen, sind aber von unermesslichem Wert für Zivilgesellschaft und sozialen Frieden.

Auf muslimische Massenkundgebungen gegen Terror und militanten Islamismus oder die Diskriminierung von Christen in arabischen Staaten wartet die europäische Öffentlichkeit bis heute. An organisatorischen Möglichkeiten mangelt es nicht, denn bei anderen Gelegenheiten werden schnell viele tausend Menschen mobilisiert. Die gesellschaftliche Benachteiligung von Immigranten, die ungelöste Palästinafrage, der völkerrechtswidrige Krieg im Irak, all dies verdient beklagt und an den Pranger gestellt zu werden.

Aber es ist auch nur fair, an das Einschreiten westlicher Staaten im Kosovo oder die europäische Unterstützung der Palästinenserbehörde zu erinnern und zu betonen, dass die europäischen Staaten ihren Immigranten mehr persönliche Freiheit, Religionsfreiheit, Bildungs-, Berufs- und Aufstiegschancen bieten als sämtliche Herkunftsländer.

Für Verständigung und Zusammenwachsen bedarf es der Sensibilität von beiden Seiten. Als Beispiel mag hier die geplante Moschee in der Nähe des Ground Zero gelten. Präsident Obama hat die richtigen Worte gefunden, als er das Recht auf freie Religionsausübung verteidigte und zugleich seinen Zweifel daran zum Ausdruck brachte, ob der Standort glücklich gewählt sei. Leider fehlt es an Stimmen aus der Umma, die daran erinnern, dass der Bau ebenso pietätslos ist wie die Errichtung einer serbisch-orthodoxen Kathedrale in Srebrenica.

Weder rassistische Provokation noch politisch korrekte Fremd- und Selbstzensur werden zum Erfolg der pluralistischen Gesellschaft beitragen. Dagegen leisten unabhängige Geister wie Ali, Kelek oder Rushdie allen Teilen der Gesellschaft einen großen Dienst. Sie erinnern mit aller Klarheit an die unveräußerlichen Grundrechte und erweisen allen Beteiligten gerade durch ihre Kritik jene differenzierte Achtung, die mündige Mitbürger verdienen.

Wie viel bequemer ist es dagegen, sich auf die Rolle des Diskriminierten zu reduzieren, in die Pauschalisierungen eines Thilo Sarrazin zu verfallen oder einem scheinbar toleranten Rassismus der Antirassisten auf den Leim zu gehen.

Wie sehr dieser versteckte Rassismus in das Alltagsbewusstsein eingedrungen ist, mag folgendes Gedankenexperiment verdeutlichen: Bitte stellen Sie sich vor, drei Mitbürgerinnen berichten Ihnen von ihrem Martyrium. Die erste wurde noch als Kind genitalverstümmelt, die zweite gegen ihren Willen mit einem ihr fremden Verwandten verheiratet und ist dort physischen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt. Die dritte Frau hat sich widersetzt. Ihr Gesicht wurde mit Säure entstellt und sie muss um ihr Leben fürchten.

Und nun stellen Sie sich bitte vor, die Namen der jungen Frauen lauten Susanne Mayer, Simone Schulze und Stefanie Deutschmann!

Markus Tiedemann ist Professor für Philosophiedidaktik an der Johannes Gutenberg Universität Mainz.

Autor:  Markus Tiedemann
Datum:  2 | 9 | 2010
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