"Wo bitte geht’s zum Kommunismus?“ hieß es neulich in der Berliner Urania. Unten Bücherstände. Neue Bücher, aber auch sehr, sehr viele alte. Georg Lukács: ZurOrganisationsfrage, Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals, Lenin: Was tun?, Trotzki: Über Deutschland, Rudolf Rockers Biographie von Johann Most, Ausgaben der Zeitschrift 883 – 10 Euro das Stück! – , aber auch Hegel, Adorno, Marcuse, Horkheimer. Nicht die Suhrkamp- und Fischer-Bände, sondern Raubdrucke der sechziger und siebziger Jahre. Dazwischen „Erschossen in Moskau – die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje“ und Oscar Wildes „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“ aus dem Jahre 1904.
Wer sich 1968 an den Bücherständen vorbei den Weg zu einem teach-in gebahnt hatte, der war nun mit einem Mal 40 Jahre jünger. Der Körper spürte: Alles war wie damals, bevor der Verstand es bemerkte. Hunderte von Menschen in Parkas einander in der Enge berührend und doch weit weg voneinander, aber das Gefühl, dass es um etwas ging, hing in der Luft. Verheißung und Drohung zugleich. Wie damals. Die Menge, in der man sich nicht allein fühlt und sich doch noch mehr allein fühlt als eh schon.
Es dauerte eine Weile, bis der Körper aus dem Damals wieder ins Heute zurückfand. Es dauerte so lange, weil es doch auch sehr viele junge Leute gab. Aber dann registrierte man, dass auch viele Alte dabei waren. Das war damals nicht so. Erst da merkte der Körper, dass er selbst einer der alten Körper war. Er schrak auf aus der Vergangenheit.
Oben dann die Veranstaltung. Nur Frauen auf dem Podium. Undenkbar 1968. 1968 war eine Männerveranstaltung. Dann eine Frage von Ulla Jelpke, Jg. 1951, 1971 Mitbegründerin des Kommunistischen Bundes, 1990–2002 auf der Liste der PDS im Bundestag, seit 2005 wieder. Sie ist innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Die Linke. Ihre Frage ging an Inge Viett, Jg. 1944, einst Mitglied der Bewegung 2. Juni und der RAF, dann untergetaucht in der DDR und von 1992 bis 1997 in Haft. Die Frage lautete: „Du zitierst Che Guevara: ,Die Pflicht eines Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen.‘ Ich halte es mehr mit Karl Marx: ,Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.‘ Was meinst Du?“
Die Veranstaltung war ein Tanz der Vampire. Ein Lumpenball. Zusammengestoppelt aus alten Texten und Kostümen. Aus Wörtern, die nichts erklären, nichts klarer machen, dafür aber desto besser als Kampfbegriffe und Schlagwörter als Leuchtsignale geeignet sind. Was heißt Pflicht? Was heißt Revolution? Was ist Befreiung? Was ist die Arbeiterklasse? Die gleiche Frage war Andreas Baader und Gudrun Ensslin vor Jahrzehnten an einem Sonntag in der Buchhandlung Libresso gegenüber der Alten Oper in Frankfurt am Main gestellt worden. Sie hatten sie genau so beantwortet wie jetzt Inge Viett: Man soll die beiden Dinge nicht gegen einander ausspielen. Jeder solle machen, was er für richtig halte. Und wenn die Massen den gewaltsamen Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse nicht verstünden, dann wäre das nicht der Fehler der Revolutionäre, die die Revolution machten, sondern der der Massen.
Der Mensch sei ein Tier, das aus Erfahrung klug werden könne, lesen wir. Wir müssen lernen, das „könne“ zu betonen. Schon 1968 erklärten uns Männer und Frauen um die sechzig, dass wir – die jungen Leute von 1968 – einen Mummenschanz aufführten mit den Bürgerschreckkostümen: Befreiung, Revolution, Arbeiterklasse, Gewalt. Das alles sei schon einmal blutig gescheitert. Nicht, weil man Fehler begangen habe, sondern weil die ganze Richtung der Fehler sei. Viele der 68er hatten gelacht und waren den großen Worten und den gewaltsamen Taten in die Falle gegangen.
Nun in die Jahre gekommen und wissend, dass die besten Absichten der kürzeste Weg zu gemeingefährlichen Dummheiten sein können, sitzen die ’68er in einer aufgeregten Menge, die die Lieder und die Slogans von damals inbrünstig wiederholt, als seien sie Talismane, mit denen man das Böse vertreiben könne. Dabei wissen wir: Die Slogans sind das Böse.
Keine Dummheit ist zu groß, um nicht wiederholt zu werden. Und niemand ist klug genug, niemals dumm zu werden. Unsere Hoffnung liegt darin, das Schlimmste zu verhindern. Die Vorstellung, wir könnten einen Zustand herstellen, in dem das Schlimmste nicht mehr möglich sei, ist ein mörderischer Irrtum. Diesen Zustand gibt es nicht. Bei dem Versuch, ihn zu erreichen, haben wir jedes Mal dem Schlimmsten den Weg bereitet.
Nur in den Allmachtsphantasien der Vietts gibt es einen Weg ins Paradies, den wir uns nur freizuschießen brauchen, um ihn gehen zu können. In der Wirklichkeit müssen wir uns klar werden darüber, wie immer weniger Arbeitende immer mehr Nicht-Arbeitende ernähren sollen. Wie sollen immer weniger Gesunde immer mehr Kranken die Pflege finanzieren? Wie soll der gewaltig ansteigende Bedarf an Energie gestillt werden? Wie soll der Planet die Menschheit ertragen? Da helfen uns Sozialismus, Kommunismus, Revolution etc. null.