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Der Unabomber: Einen Terroristen zum Bruder

David Kaczynski ist mit dem Unabomber aufgewachsen und schreibt darüber. Von Franziska Schubert

David und Theodore Kaczynski mit ihrer Mutter.
David und Theodore Kaczynski mit ihrer Mutter.
Foto: privat

Das FBI jagte seinen Bruder, den Unabomber, 17 Jahre lang. Der Terrorist verschickte zwischen 1975 und 1995 insgesamt 16 Briefbomben, viele an Universitäten und Fluggesellschaften. Drei Menschen, die die Sendungen öffneten, starben durch die Explosion. 23 wurden verletzt. Die US-Bundespolizei suchte jahrelang vergeblich nach dem Täter. Die Verfolgung war eine der teuersten Ermittlungen in der US-Geschichte.

Doch am Ende brachten nicht die Behörden Licht in den Fall, sondern David Kaczynski, der Bruder des Serienkillers. Von ihm ist nun auf Englisch erstmals ein Essay über die Tragödie erschienen. Ihm sei wichtig, so David Kaczynski, die Geschehnisse aus seiner Sicht zu schildern. Er fühle sich verpflichtet, seinem Bruder, "auch wenn er schreckliche Dinge getan hat, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen".

Der Autor erzählt in "missing parts" von dem Verhältnis zu seinem hochbegabten Bruder, von ihrer starken Zuneigung zueinander. Und von dem Schock, als er ahnt, was der Ältere getan hat. Bis heute, erklärt er, kann er es nicht fassen, dass Theodore der Unabomber ist - derselbe Mensch, mit dem er in einem Angestelltenviertel Chicagos aufwuchs.

"Ich wollte sein wie er", erinnert sich David Kaczynski. Sein sieben Jahre älterer Bruder sei als Junge pfiffig und prinzipientreu gewesen. Die Klassenkameraden nannten ihn aufgrund seiner Intelligenz "das Gehirn". Ein Spitzname, der ihn aber auch stigmatisierte. Dass Ted kein Durchschnittsamerikaner war, fiel auch dem Bruder auf. Kamen Verwandte zu Besuch, reagierte Theodore darauf oft, als handele es sich um eine feindliche Invasion. "Warum hat Ted keine Freunde?", fragte damals David die Mutter. Sie erzählte, Ted habe mit neun Monaten einen allergischen Ausschlag bekommen. Als die Eltern ihn im Krankenhaus zurückließen, "dachte er wohl, wir würden ihn nicht mehr lieben". Das habe ihn tief verletzt. "Daran musst Du immer denken", mahnte sie, "dass Du Deinen Bruder niemals im Stich lassen darfst, denn das fürchtet er am meisten." Letztlich war es jedoch Theodore, der den Kontakt zur Familie abbrach.

1969 gab er überraschend seine Stellung als Mathematikprofessor auf. In Montana baute sich der damals 29-Jährige die berüchtigte Holzhütte, in der er bis zur Festnahme wie ein Eremit hauste und an Bomben bastelte. Fern der Zivilisation zu leben, übte auch auf den Jüngeren einen gewaltigen Reiz aus. Doch Theodore duldete keine weiteren Nachbarn in seiner Nähe. Der Jüngere konstruierte sich daher ein Blockhäuschen in Texas, in dem er acht Jahre ohne fließend Wasser und Strom lebte.

1989 lernte David Kaczynski seine spätere Frau Linda kennen und verließ die Hütte. Sein Bruder schickte ihm daraufhin einen 20-seitigen Brief voller Anfeindungen. Er wolle nie wieder etwas mit ihm zu tun haben, schrieb er am Ende. Seitdem haben die beiden kein Wort mehr gewechselt. 1977, ein Jahr bevor Theodore Kaczynski die erste Briefbombe versendete und damit einen Universitätsangestellten verletzte, verfasste er die ersten Hassschreiben an die Eltern. Er beschuldigte sie, ihn nicht geliebt und ihm keine sozialen Fähigkeiten beigebracht zu haben.

1995 kündigte der Unabomber an, weitere Menschen zu töten, sollte sein Manifest "Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft" nicht veröffentlicht werden. Als David Kaczynski das Traktat las, dämmerte ihm, dass er der Bruder des Unabombers sein könne. "Plötzlich hatte ich das Gefühl, mein Bruder und ich wären die Hauptcharaktere in einer grandiosen Tragödie." David Kaczynski benachrichtigte das FBI. Der Unabomber wurde 1996 festgenommen. Obwohl er mehreren Gutachtern zufolge schizophren war, drohte ihm die Todesstrafe. Angehörige, darunter sein Bruder, protestierten dagegen.

Wenige Monate nach der Verhaftung seines Bruders lernte er einen Überlebenden eines Unabombers-Anschlags kennen: Gary Wright, einen Computerbesitzer aus Utah, in dessen Körper nach dem Anschlag mehr als 200 Bombensplitter steckten. Die beiden freundeten sich an. Am Abend der Terrorschläge auf das World Trade Center, "als jeder in Amerika herausfinden wollte, was mit seiner Familie und den engsten Freunden passiert war, rief Gary Wright den Bruder des Mannes an, der versucht hatte ihn umzubringen", erinnert sich David Kaczynski. Auch wenn nichts den Verlust von Ted kompensieren könne, betont er, sei Wright für ihn zu einer Art "Blutsbruder" geworden, zusammengeschweißt durch die Gewalttaten seines leiblichen Bruders.

Seit vielen Jahren engagiert sich David Kaczynski bei der Organisation "New Yorkers Against the Death Penalty" für die Abschaffung der Todesstrafe in den USA. Seit er sich mit dem Thema beschäftigt, "ist mir klar geworden, wie privilegiert meine Familie ist. Wir mussten nicht miterleben, wie mein Bruder hingerichtet wird". Der Harvard-Absolvent Theodore Kaczynski "konnte sich gute Anwälte leisten". Seit seiner Verurteilung 1998 verbüßt er seine lebenslange Haftstrafe in einer Einzelzelle in einem Hochsicherheitsgefängnis im Bundesstaat Colorado.

Der Unabomber-Prozess sei ihm damals vorgekommen wie ein Spiel, bei dem derjenige gewinnt, der die Regeln am geschicktesten auslegt, berichtet Kaczynski. "Mit Gerechtigkeit", kritisiert er, "hat es nichts zu tun, dass in US-Todestrakten überdurchschnittlich oft Arme, Afroamerikaner oder Spanischstämmige sitzen." Ihm, David Kaczynski, gehe es darum, das Morden zu stoppen - auch das des US-amerikanischen Staates.

Der Essay "missing parts" ist in den USA in dem Sammelband "Brothers. 26 Stories of Love and Rivalry" erschienen, hrsg. von Andrew Blauner, Vorwort von Frank McCourt, Jossey-Bass Books.

Autor:  Franziska Schubert
Datum:  28 | 12 | 2009
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