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Interview David Attenborough: Der Wurm in der Träne des Nilpferds

Der Tierfilmer David Attenborough im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über Darwin, Dinosaurier, blaugesichtige Affen und die Frage, warum man Tieren nicht sagen kann, was sie tun sollen.

David Attenborough hat 2008 eine mehrteilige Serie über Reptilien und Amphibien gedreht: Life in Cold Blood, Kaltblütig.
David Attenborough hat 2008 eine mehrteilige Serie über Reptilien und Amphibien gedreht: "Life in Cold Blood", Kaltblütig.
Foto: Getty Images

Wenn Sie mit einer Zeitmaschine in der Erdgeschichte zurückreisen könnten, in welche Epoche würden Sie gerne reisen, um sich dort alles anzuschauen?

Wenn ich so weit zurückgehen dürfte, dann würde ich gerne die Dinosaurier sehen. Das ist natürlich ein Klischee, aber trotzdem: Es müsste ungeheuer aufregend sein, einige der Dinosaurier lebend beobachten zu können.

Zur Person

David Attenborough, 83, britischer Tierfilmer und Naturforscher, wurde durch seine preisgekrönten TV-Dokumentationen zu biologischen Themen für die BBC weltberühmt (unter anderem "Spiele des Lebens", "Das geheime Leben der Pflanzen", "Planet Erde"). Nach 50 Jahren als Naturfilmer im Dienste der BBC gilt er als einer der am weitesten gereisten Menschen der Welt. Sir David - der 1985 für seine Verdienste in den Adelsstand erhoben wurde - ist der jüngere Bruder des Regisseurs und Schauspielers Richard Attenborough.

Zum Darwin-Jubiläum in diesem Jahr drehte der überzeugte Evolutionstheoretiker und Kritiker des Kreationismus die Dokumentation "Charles Darwin - Die Entdeckung der Natur".

Wenn wir schon bei der Erdgeschichte sind: Warum haben sich denn ausgerechnet die Menschen so entwickelt, dass sie zum Mond fliegen, Städte bauen oder künstlerischen Tätigkeiten nachgehen können? Warum keine andere Spezies, irgendeine Primatenart zum Beispiel?

Weil Affen keine Schrift kennen.

Gut, aber warum haben gerade wir die Schrift entwickelt?

Die Schrift entstand, als die Menschen so weit waren, sesshaft zu werden. Das wiederum hing von der Fähigkeit ab, Ackerbau zu betreiben und Haustiere zu halten. Lebt man an einem Ort, kann man Aufzeichnungen machen und eine Schrift entwickeln. So entsteht Wissen, und aus Wissen entsteht schließlich Wissenschaft.

Hat uns unser größeres Hirn dazu befähigt, all das zu tun - im Gegensatz zu anderen Arten?

Das war zweifellos eine Voraussetzung, ja.

Waren Sie sich jemals in Ihrem Leben nicht sicher, dass Menschen und Affen miteinander verwandt sind?

Nein, daran hatte ich nie einen Zweifel.

Was hat viele zu Darwins Zeit so ungeheuer an dem Gedanken schockiert?

Das Alte Testament lehrte sie etwas anderes. Darin heißt es ja, dass Menschen nicht mit dem Rest des Lebens auf der Welt verbunden, sondern etwas Besonderes sind.

Kritisieren Sie das?

Nicht unbedingt. Jede Gesellschaft, die wir bisher kennen, hielt es für notwendig, eine Erzählung zu haben, die erklärt, warum wir hier sind. Jede dieser Geschichten ist anders: Die australischen Aborigines denken, dass die ersten Menschen aus dem Maul einer Schlange ausgespien wurden. Die Menschen in Kambodscha glauben, dass die Erde ein riesiger Milchsee war, in dem sich eine große Schlange wild hin und her warf, bis sich die Milch verfestigte. Und die Menschen im Mittleren Osten dachten eben, dass Gott den ersten Menschen aus Ton geformt und ihm Leben eingehaucht hat, um dann eine seiner Rippen zu verwenden, um die erste Frau zu schaffen. Jede Gesellschaft hat und hatte solche Mythen, weil es ihnen an der wissenschaftlichen Einsicht fehlte, es anders zu sehen.

Zählt man das so auf, kommt es einem ziemlich komisch vor…

Ja, die Geschichten können nicht alle wahr sein. Sie widersprechen einander auch. Wenn man aber wissen will, was wahr ist, dann gibt es genügend Beweise und Belege zur Entstehung der natürlichen Welt. Es gibt Fossilien in der Erde. Auch die Form und die Konstitution unserer Körper erlaubt Rückschlüsse. Schaut man sich diese Belege an, ist es völlig klar, dass wir vom Affen abstammen.

Darwins Evolutionstheorie ist demnach nie nur eine Theorie für Sie gewesen?

Was ist eine Theorie? Der Mechanismus, der die Evolution zustande bringt. Und die bisher beste Theorie dazu heißt natürliche Selektion. Aber der Umstand, dass alles Leben so entstanden ist, ist ein historisches Faktum, für das die Beweislage sehr viel besser ist als für viele historische Ereignisse, die wir in unserem Geschichtsunterricht lehren. Dazu kommt, dass viele der Entdeckungen der letzten Jahrzehnte - von der Entschlüsselung der DNA bis zur Kontinentaldrift - , die zu Darwins Lebzeiten noch nicht klar waren, die Evolutionstheorie noch weiter bestätigt haben.

Was sagen Sie dann dazu, dass auf Betreiben von Kreationisten die christliche Schöpfungsgeschichte parallel zur Evolutionstheorie als alternative Sichtweise unterrichtet wird - in einer ganzen Reihe von US-Bundesstaaten zum Beispiel?

Das ist ein intellektueller Skandal. Der Kreationismus ruht nicht auf faktenbasiertem Beweismaterial. Er basiert auf Schriften. Schriften sind aber keine Wissenschaft.

Vor Kurzen haben Sie in einem Radiointerview erzählt, dass Sie Hass-Mails von Zuschauern bekommen, die Ihnen vorwerfen, in ihrer jüngsten TV-Dokumentation zum Charles-Darwin-Jubiläum Gott und der Schöpfungsgeschichte zu wenig Anerkennung zu zollen. Was haben Ihnen die Leute da so geschrieben?

Sie schreiben, ich möge in der Hölle schmoren und erlöst werden.

Was sagen Sie dazu?

Die Kreationisten haben immer schöne Lebewesen wie Kolibris im Kopf, wenn sie an die Schöpfungsgeschichte denken. Ich antworte dann immer, dass ich an ein Kind in Ostafrika denken muss, in dessen Augapfel sich ein Wurm eingegraben hat. Dieser Wurm kann nur auf diese eine Weise existieren - indem er sich durch Augäpfel gräbt. Ich finde es ziemlich schwierig, das mit der Vorstellung von einem gütigen, göttlichen Schöpfer in Einklang zu bringen.

Sie haben über verschiedene Mythen gesprochen. Es gibt zweifellos Mythen, die mehr in Harmonie mit der Natur stehen als die biblische Genesis, in der die Menschen deutlich über die restliche Schöpfung gestellt und aufgefordert werden, sie sich untertan zu machen.

Natürlich.

Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass das Christentum mitverantwortlich zu machen ist für den Zustand der Zerstörung und Ausbeutung, in dem sich die Erde befindet?

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Datum:  12 | 5 | 2009
Seiten:  1 2
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