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Die Argonauten-Sage: Goldrausch

Abenteuer Archäologie: Auch die jüngsten Erkenntnisse über die Suche nach dem Goldenen Vlies lassen Rückschlüsse zu über ein neues Leitmedium im Kulturbetrieb. Von Christian Thomas

Am Sonntag in der ZDF-Sendung Terra X nachgestellt zu sehen: Die Argonauten durchfahren die Symplegaden.
Am Sonntag in der ZDF-Sendung "Terra X" nachgestellt zu sehen: Die Argonauten durchfahren die Symplegaden.
Foto: Mustafa Kocak/ZDF

Schon ungezählte Male ist die mit Barbareien reich ausgestattete Argonautensage von Generation zu Generation weitergereicht worden, und zum Generationenvertrag gehörte der Glaube an eine sagenhafte Fahrt ins Ungewisse, dermaßen fantastisch, dass nicht nur der Schwede Göran Schildt in seinem Büchlein "Das Goldene Vlies. Auf den Spuren der Argonauten", schrieb: "Ich glaube an die Sage als das einzig Sichere, woran wir uns halten können."

Der wahrlich abenteuerliche Reisebericht Schildts, der ein leidenschaftlicher Segler und Laienforscher war, führte den Leser nicht nur in die Fremde. Er nahm ihn in seinem Buch, das 1969 ein Fischer-Taschenbuch war und heute eine Rarität ist, mit an die Stelle, wo es heißt, dass das Goldene Vlies, wie es ja bereits in antiken Quellen vermutet wurde, "seinen Namen von der Goldwäschermethode habe".

So haben es in den letzten Jahren auch Archäologen erzählt, so wird es am Sonntag eine weitere "Terra X"-Folge im ZDF vor Augen führen. Auch sie wird sichtbar machen, wie der Grieche Jason vor rund 3500 Jahren, auf der "Jagd nach dem Goldenen Vlies", mit den Seinen und am Sonntag in historischen Kostümen, vor historischen Kulissen, unter durch und durch altertümlichen Umständen vom griechischen Iolkos in den "Kleinen Kaukasus" aufbrach, nach Kolchis, dem legendären Goldland, heute liegt das in der Nähe von Tiflis. Die Behauptung, das Goldene Vlies sei, wie im Mythos erzählt, ein heiliges Widderfell, ist in dem Moment, in dem der Abspann des Films läuft, in der Tat nur die halbe Wahrheit.

Mit den Mitteln und Möglichkeiten des Halb-und-Halb-Geschichtsfernsehens (Doku und Drama, Recherche und Rollenspiel) werden wir mitgenommen auf weite Fahrt, vom Archaischen zurück ins Heute gezerrt, vom Hier und Jetzt wiederum auf die Spuren der Lebensadern der Natur gesetzt, denn Gold führten die Flüsse im Kaukasus, und das tun sie auch noch weiterhin, wie uns der Film von Gerhard Reker zeigt. Er wäre nicht nur faszinierend, sondern noch glaubwürdiger, wenn er die Goldwäscherthese nicht zur Erkenntnis im Beisein vor allem des ZDF erklärte.

Tutanchamun und die Goldmaske

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Ausfahrt ins Ungewisse

Diese Ansicht hatte bereits der alte Strabon, der zur Zeitenwende lebte, in die Welt gesetzt, und sein Werk wie das von zahlreichen antiken Schriftstellern dürfte auch in den letzten Jahrzehnten von all den Spezialisten im Tornister mitgeführt worden sein, sobald sie sich auf die Spur der kühnen Argonauten setzten, von dem der große Mythenforscher Karl Kerényi vor einem halben Jahrhundert schrieb: "Nach allen Erzählungen nahm Jason nur das auf sich, was er gewissermaßen herausgefordert hatte: den Auftrag zur Rückgewinnung des Goldenen Vlieses aus jenen Haus jenseits der Welt der Sterblichen." Jasons Ausfahrt ins Ungewisse wurde heraufbeschworen durch Thronraub und mörderischen Machtmissbrauch. Zu den Intrigen, denen wiederum die Götter der Griechen nicht etwa stoisch zusahen, sondern in die sie heimtückisch hineinwirkten, gehörte, dass am Ziel des Raubzugs die unwiderstehliche Schönheit Medea dem Argonautenführer beim Diebstahl des Widderfells zur Hand ging, den eigenen Vater betrügend, einen Drachen durch Zauberkräfte ausschaltend.

Seit Jahren haben gerade deutsche Forscher an der Entmythologisierung eines Märchens, das zum Mythos anschwoll, mitgewirkt, darunter Geologen und Philologen. Archäologen aus Frankfurt oder vom Bergbaumuseum in Bochum sind Richtung Georgien aufgebrochen, nicht zuletzt die Volkswagenstiftung zeigte ein bohrendes Interesse an einer Durchleuchtung der Legende - nichts weniger als einem Himmelfahrtskommando. Denn kein Grieche glaubte, Jason werde jemals aus Kolchis zurückkehren, lag doch der Ort nach herrschender Meinung eindeutig am Ende der Welt.

So gut es die Verhältnisse der Bronzezeit zuließen, setzte Jason in seinem Schiff, der Argo, Adelige zu Dutzenden an die Ruderbänke, das machte die Argo zu einer Galeere, die mehr als 1200 Seemeilen zurücklegte. Wahrscheinlich zwei Jahre war die Crew unterwegs, Stürme überstehend, den "permanenten Wind- und Stromtrichter der Dardanellen" (Schildt) wie durch ein Wunder überlebend, am Ufer Raubzüge unternehmend, Kleinkriege anzettelnd, Kinder machend, Gemachte und Geschändete zurücklassend. Ein unerschrockener Regietheaterheld dürfte die Truppe, die ja auch für das Theater entdeckt wurde, als die Elite unter einem Warlord und Kleinkriegspezialisten zeigen. Stück für Stück hat die deutsche Archäologie in den letzten Jahren die Geschichte hinter dieser Legende entschlüsselt. "Terra X" rekonstruiert dieses Vorwärtskommen, dazu schneidet der TV-Film Lesarten des Mythos gegen die archäologische Spurensicherung.

Goldkörnchen aus den Stromschnellen

Darüber werden wir Zuschauer, wie schon die Besucher, die Gelegenheit hatten, vor Jahren die Ausstellung "Das Gold der Medea" in Berlin zu besuchen, Zeugen einer doppelten Erfahrung. Hier eines verzaubernden Transfers in eine fremde Welt, gleichzeitig jedoch werden wir mit jeder Scherbe, die uns diese TV-Dokumentation unter die Augen hält, mit jedem Goldkörnchen, das aus einer Stromschnelle geklaubt wird, Teilnehmer einer Entzauberung. Dialektik der Aufklärung, so darf man wohl sagen.

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Autor:  Christian Thomas
Datum:  22 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
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