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Reformdebatte der Katholischen Kirche: Die Kirche steht sich selbst im Weg

Aufhebung des Zölibats, Zugang von Frauen zum kirchlichen Amt - das Memorandum von Theologieprofessorinnen und -professoren zur Krise der katholischen Kirche will eigentlich nichts Neues. Doch Rom geht auf diese drängenden Anliegen nicht wirklich ein.

Kardinäle bei der Einsegung neuer Bischöfe im Petersdom im Vatikan Anfang Februar 2011.
Kardinäle bei der Einsegung neuer Bischöfe im Petersdom im Vatikan Anfang Februar 2011.
Foto: dapd

In einer Erwiderung auf das Memorandum von Theologieprofessorinnen und -professoren zur Krise der katholischen Kirche hat Kardinal Walter Kasper als deren eigentliche und tiefste Ursache die „Gotteskrise“ benannt. Zugleich wirft er den Unterzeichnern des Memorandums vor, ihre Reformforderungen enthielten nichts Neues und blieben zudem im Oberflächlichen stecken.

In der Tat: Die Forderungen, die das Memorandum erhebt, sind nicht neu. Der Ruf nach einer dem Geist des Evangeliums entsprechenden innerkirchlichen Rechtskultur, die Forderung nach mehr synodalen Strukturen und stärkerer Beteiligung der Ortskirchen bei der Auswahl von Bischöfen sind nicht neu. Ebenso stehen die Vorschläge, auch verheiratete Männer zu Priestern zu weihen und den Zugang von Frauen zum kirchlichen Amt – zunächst auf der ersten Stufe, dem Diakonat – zu öffnen, seit langem auf der Agenda. Neu ist allenfalls die Forderung, den Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit größerem Respekt zu begegnen, ohne deshalb ihre Lebensform der Ehe gleichstellen zu wollen.

Zur Sache

In der Debatte über einen Reformappell katholischer Theologieprofessoren an ihre Kirche hat Kurienkardinal Walter Kasper in der FAZ in seinem Artikel "Kommen wir zur Sache!" die Verfasser und Unterzeichner scharf kritisiert.


In einem ungewöhnlichen Schritt widersprechen drei Schüler des früheren Tübinger Professors Kasper ihrem Lehrer. Hans Kessler ist emeritierter Professor für systematische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Eberhard Schockenhoff (Moratheologie) und Peter Walter (Dogmatik) sind Professoren an der Universität Freiburg.

Dass diese Anliegen in den wesentlichen Punkten nur die seit langem vorgetragenen Forderungen einer früheren Theologengeneration aufgreifen, kann man nicht uns als Unterzeichnern zur Last legen. Es ist vielmehr die bedauerliche Konsequenz daraus, dass Rom auf diese drängenden Anliegen vieler Ortskirchen (keineswegs nur der deutschen) nicht wirklich eingeht. Dadurch hat sich in der katholischen Kirche ein großer Problemstau ergeben, der sich durch Nicht-Befassen und fortgesetztes Totschweigen nicht auflösen lässt. Auch besteht zwischen der von Kardinal Kasper zu Recht diagnostizierten „Gotteskrise“ und der vom Memorandum beschriebenen „Kirchenkrise“ ein engerer Zusammenhang, als ihn der Kardinal in seiner Entgegnung aufzeigt. Kann die katholische Kirche angesichts des nicht nur von Beobachtern, sondern auch von vielen Gläubigen festgestellten Reformbedarfs überhaupt als ein Lebensraum in den Blick geraten, in dem es sich lohnt, über Gott und den Menschen nachzudenken? Wird die Kirche noch als ein Ort erfahren, an dem Gott öffentlich wirksam wird – nicht nur in der Ästhetik liturgischer Formen oder einer vagen Transzendenzsehnsucht, sondern auch in seiner befreienden Kraft?

Gefahr der Fundamentalisierung

Stimmt die Vermutung, dass das immer weniger der Fall ist, bedeutet dies: Das Erscheinungsbild der katholischen Kirche selbst verschärft die grassierende Gotteskrise. Selbstverständlich kann es, wenn es darum geht, in die Zukunft zu schauen, nicht angehen, sich dem „Zeitgeist“ (was immer das sei) anzubiedern. Wenn wir es recht sehen, so besteht die Hauptgefahr, die vom Zeitgeist droht, darin, dass Kirche und Theologie sich in einem schlechten Sinn fundamentalisieren – will sagen: dass sie sich aus der Selbstverpflichtung moderner Gesellschaften zurückziehen, ihre Überzeugungen öffentlich und diskursiv zu begründen. Sollten also historisch gewachsene Strukturen und theologische Überzeugungen, für die in der Gegenwart nur noch Traditionsargumente angegeben werden, mit dafür verantwortlich zeichnen, dass die Gottesfrage aus der Öffentlichkeit verschwindet, so ist innerkirchliche Reform angezeigt. Das muss dann auch gesagt werden dürfen. Zudem ist zu fragen, ob vergangene Zeiten ihre vermutete Glaubensstabilität nicht stärker als heute institutionell erzeugten Gewohnheiten und Zwängen verdankt haben.

Tatsache dürfte jedenfalls sein, dass ein ausgeprägter Gerechtigkeitswille und eine Achtsamkeit für die Gescheiterten und Trostlosen in der Gegenwart keineswegs selbstverständlich mit der katholischen Kirche identifiziert werden. Eher gilt ein moralischer Rigorismus, der sich nur schwer seiner Gründe zu vergewissern vermag, als „typisch katholisch“. Dieser Befund diskreditiert keineswegs die Arbeit vieler Katholiken, die ihre Freude am Glauben nicht verschweigen, aber sich auch da kümmern, wo es Not tut. Und doch bleibt es dabei, dass die katholische Kirche nicht nur aufgrund der Aufdeckung von sexueller Gewalt durch Priester und kirchliche Mitarbeiter im letzten Jahr massiv an Kredit verloren hat und dass ihr nicht nur die „Lauen“ den Rücken kehren. Ob wirklich schon realisiert ist, inwieweit systemische Probleme diesen unsäglichen Missbrauch provoziert haben, sei dahingestellt.

Auch darüber hinaus sind jedoch viele katholische Christen enttäuscht. Sie können die Gründe nicht mehr nachvollziehen, die angegeben werden, wenn es etwa um die Verweigerung der Eucharistie im Fall der wiederverheirateten Geschiedenen geht oder um das Verbot, gleichgeschlechtliche Neigungen in einer verantworteten Partnerschaft zu leben. Sicherlich sind dies theologisch heikle Themen – hier wird auch sorgsam abzuwägen sein. Aber man kann sich diesen Diskussionen nicht durch apodiktische Abwehrhaltungen entziehen. Und sollte man zu theologisch gut begründeten Überzeugungen gelangt sein, so muss man auch entsprechend handeln. Dies war etwa 1993 der Fall, als die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz – darunter Walter Kasper als Bischof von Rottenburg – dafür eintraten, wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten zuzulassen. Diese Initiative wurde von Rom ausgebremst. Kasper erklärte seinerzeit: Die Zurückweisung der Vorschläge durch Rom ändert nichts daran, dass sie wohlbegründet sind. Handelt aber die Kirchenleitung nicht, dann handelt das Kirchenvolk an der Basis und entscheidet selbst.

Keine Freiheitskultur

Ein noch viel grundsätzlicherer Verdacht als bloße Säumigkeit in Reformfragen läuft darauf hinaus, ob die katholische Kirche es denn mit der Freiheit überhaupt so ernst nimmt, wie sie behauptet. Was ist das für ein Begriff von Freiheit, der diese zumindest amtskirchlich bestimmt? Dass die Kirche nach innen keineswegs eine Freiheitskultur ausgeprägt hat, wie andere gesellschaftliche Systeme sich dies zumindest als Ideal voraussetzen, kann kaum bestritten werden. Partizipative Möglichkeiten bleiben einem strikt hierarchischen System untergeordnet. Von Zutrauen in die Freiheit der Einzelnen ist nur solange etwas zu spüren, wie es nicht ans Eingemachte geht. Sprich: Erst wird zentral reguliert, und dann können die verbliebenen Freiräume genutzt werden. Aber ist damit das für die Moderne grundlegende Ideal von möglichst großer Selbstbestimmung überhaupt erahnt? Man hat Zweifel. Und ob sich die innerkirchliche Realität dem amtskirchlichen Regulierungsanspruch fügt, tut nichts zur Sache. Wobei auch nicht zu verschweigen ist, dass immer wieder einmal harsch eingegriffen und ausgegrenzt wird. Gesellschaftlich jedenfalls bleibt ein tiefes Unbehagen, ob die Erscheinungsgestalt der katholischen Kirche tatsächlich glauben lässt, dass im Zentrum des von ihr gelebten Glaubens der die Freiheit des Menschen liebende Gott steht.

Dabei ist doch gerade laut katholischem Kirchenverständnis die sichtbare Gestalt der Kirche nicht nur Funktion, sondern soll den Geist des Evangeliums darstellen. Und genau dies ist das Zentrum des gegenwärtigen Konflikts. Was ist der Geist der Frohbotschaft? Wie vermag dieser Geist unter den gegenwärtigen Lebens- und Wissensbedingungen Gestalt anzunehmen? Deshalb kann man nicht unter Hinweis auf eine „Gotteskrise“ die im Memorandum angemahnten Punkte ignorieren. Zumindest sollte man sie im Dialog angehen.

Die „Gotteskrise“ sitzt unseres Erachtens nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Zentrum der Kirche selbst, weil vom Freiheitszutrauen, das Jesus den Menschen seiner Zeit entgegenbrachte, so wenig zu spüren ist. Der offene und vom gegenseitigen Vertrauen geprägte Dialog ist das Gebot der Stunde. Und dass Differenzen bleiben werden, ist auch hinzunehmen.

Autor:  Hans Kessler, Eberhard Schockenhoff und Peter Walter
Datum:  24 | 2 | 2011
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