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Spanien-Geschichte: Die verlorenen Jahrzehnte

Lehrstücke im spanischen Bürgerkrieg: Am 18. Juli 1936 putschte sich Franco in Spanien für 39 Jahre an die Macht. In den drei Bürgerkriegsjahren wurden – nach Schätzung der Kirche – 7000 Geistliche getötet.

        

General Francisco Franco im März 1938.
General Francisco Franco im März 1938.
Foto: Getty images

Seinen Kaffee wollte Emilio Mola Vidal am nächsten Morgen auf der Gran Vía in Madrid trinken. Der Putsch-General – Deckname Director – prahlte, in Spaniens Hauptstadt stehe eine „fünfte Kolonne“ Gewehr bei Fuß, um den vier angreifenden Putsch-„Kolonnen“ die Stadt zu präsentieren. Die Madrilenen aber verteidigten ihre Stadt und die Spanische Republik gegen die Faschisten; ein Gastronom reservierte ironisch einen Tisch im Straßencafé an der Großen Straße und platzierte eine Tasse Kaffee darauf, „für General Mola“.

Dies ist eine der lustigsten Episoden des Bürgerkriegs. Allerdings: Lächerlichkeit tötet nicht. Vielmehr kam Mola ein knappes Jahr später bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und das Gerücht ging um, ein Rivale im Putschistenlager habe dahinter gesteckt: Francisco Franco y Bahamonde habe Mola aus dem Weg geräumt. Franco ist der Name, mit dem sich die Erinnerung an den Militärputsch und den dadurch ausgelösten Bürgerkrieg verbindet. Mola aber hat das Programm formuliert: „Man muss Angst und Schrecken verbreiten. Man muss ohne Skrupel und Schwanken alle jene eliminieren, die nicht so denken wie wir“. Das galt vom Putschtag, dem 18. Juli 1936, bis zum Tod Francos 39 Jahre später.

Die Ansprüche des Bürgertums deckten sich nicht mit dem Aufbegehren der Besitzlosen

Den Putsch, das pronunciamiento, hatten reaktionäre Generale geradezu öffentlich vorbereitet. Der Unterstützung des katholischen Klerus – des größten Grundbesitzers –, monarchistischer Parteien und Verbände, der andalusischen Latifundienbesitzer, konservativer und auch „gemäßigter“ Parteiführer konnten die Aufstandsplaner sicher sein. Hinter ihnen stand die besitzende, konservative, reaktionäre und grundsätzlich demokratiefeindliche Schicht Spaniens, eine durch Wahl besiegte Machtelite.

Wahlsieger war im Februar 1936 die Volksfront gewesen. Zum ersten Mal hatten Republikaner, Liberale, Sozialisten, baskische und katalanische Autonomisten und auch die noch sehr kleine Kommunistische Partei sich zu einem Wahlblock zusammengefunden, und zum ersten Mal hatten auch die prinzipiell staatsfernen Anarchisten und Syndikalisten ihre Stimmen abgegeben. Das Bündnis war keine Einheit. Die Ansprüche des freiheitlichen Besitzbürgertums deckten sich nicht mit dem überfälligen Aufbegehren der Besitzlosen. Das Industrieproletariat – am stärksten in der städtischen sozialistischen Gewerkschaftsbewegung Kataloniens (zumal Barcelonas) organisiert – war revolutionär gestimmt wie auch die landlosen, in bitterer Not mühsam existierenden Landarbeiter Andalusiens. Das Schlagwort „direkte Aktion“ motivierte dort. Klöster und Ortsbehörden gingen in Flammen auf, spontaner revolutionärer Terror.

In den drei Bürgerkriegsjahren wurden – nach Schätzung der Kirche – 7000 Geistliche getötet. Im republikanischen Teil Spaniens dürften an die 50000 Menschen umgebracht worden sein.

Ungleich brutaler tobte der Terror von rechts, unter Franco. „Ohne Skrupel und Schwanken“ wurde „eliminiert“ (Mola). Rund 150000 Mordtaten sind belegt, die Daten sind noch unvollständig. Erst vier Jahrzehnte nach dem Ende des dreijährigen Bürgerkriegs wurden Massengräber wiedergefunden – genauer: konnte öffentlich darüber berichtet werden –, und erst dann konnten Gemeinden daran gehen, die Überreste der Ermordeten und Verscharrten würdig zu bestatten, sofern nicht Lokalgewaltige des konservativen Partido Popular Einwände erhoben.

Die Historie durfte kein Thema sein. Doch sie enthält einige Lehrstücke, auch internationale.

Erstens: Die Republik hatte keine zuverlässigen, solidarischen Verbündeten. Frankreichs Volksfrontregierung, der spanischen politisch eng verwandt, bekannte sich zur „Nichteinmischung“, unterband Waffenhilfe und humanitären Beistand. Die andere europäische Demokratie, Großbritannien, zog diesen Kurs noch rigoroser durch. Opportunismus und die damals gegenüber Hitler betriebene Beschwichtigungspolitik („appeasement“) triumphierten.

Zweitens: Francos Putsch wurde von Anfang an von den beiden faschistischen Mächten Italien und Deutschland gefördert. Italien schickte insgesamt 70000 Soldaten, Deutschland die Legion Condor mit 19000 Mann; sie zeigte auf Berliner Wunsch die Fähigkeit der Luftwaffe, durch Bombenteppiche Städte auszuradieren. Das bekannteste Beispiel für dieses Vorgehen ist Guernica. Die Intervention der faschistischen Mächte drückte dem Bürgerkrieg den Charakter einer weltweiten Auseinandersetzung auf.

Drittens: Die Sowjetunion sandte nach Abwarten Waffen und Geld und ließ sich dafür den Hauptteil der spanischen Goldreserven ausliefern. Sie schickte Berater, Korrespondenten und Geheimdienstler. Deren Aufgabe war, die revolutionären Organisationen und Bewegungen auch durch gezielten Terror kleinzukriegen, die „Bürgerlichen“ unter Kontrolle zu halten und eine Revolution zu unterbinden.

Spanienkämpfer galten als unzuverlässig, die Genossen nahmen sie nicht freudig auf

Viertens: Der Bürgerkrieg war zugleich Revolution. Landbesetzungen, Enteignung von Klosterbesitz, Betriebsdemokratie und die Rätebewegung von Barcelona sind Beispiele. Zur Verteidigung von Revolution und Republik gingen fast 60000 Internationalisten nach Spanien, viele Franzosen, viele von den Diktatoren in ihren Ländern verfolgte Deutsche und Italiener. In den Internationalen Brigaden kämpften sie nicht nur gegen die Putschisten, sondern für die Freiheit in ihrer Heimat. „Unsre Heimat ist heute vor Madrid“, heißt es in einem ihrer Lieder. Den Überlebenden aber dankten es ihre vermeintlichen Genossen in KP-regierten Staaten nicht; Spanienkämpfer galten lange als unzuverlässige Elemente.

Fünftens: So gewaltsam und terroristisch der „caudillo“ Franco die Macht erobert und bis zuletzt verteidigt hat: Der Übergang von seinem Regime zum demokratischen Staat ging erstaunlich sanft vor sich. Der ausersehene Nachfolger, König Juán Carlos, erwies sich in kritischen Situationen als Verfechter des Rechtsstaats. Die rechts-bürgerliche Regierung der ersten Übergangsjahre stellte sich Parlamentswahlen, die sie verlor. Und die PSOE, Nachfolgerin und Fortsetzerin der sozialistischen Bürgerkriegspartei, vollendete auf sozialdemokratische Weise – durch Wahl – den Machtwechsel zur Demokratie.

Die Fronten bestehen freilich weiter. Die Weigerung der Rechts-Partei Partido Popular, die franquistischen Verbrechen aufzuarbeiten, ist Beweis. Francos Regime: Das waren drei verlorene Jahrzehnte.

Autor:  Karl Grobe
Datum:  16 | 7 | 2011
Kommentare:  2
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