Arme sprechen nicht über ihre Armut, sie filmen sie nicht und sie schreiben auch nicht darüber – oder erst, wenn sie nicht mehr arm sind. Armut beschämt, niemand will sich zu ihr bekennen. So zeigt das preisgekrönte Video „Armut kennt viele Geschichten“ von Isabel Prahl die kindliche Imagination als Rettung aus dem sozialen Stigma der Armut: In der Schule nach dem „schönsten Tag der Woche“ befragt, erzählt ein Junge von seiner Fahrt zu Onkel Peter, der in einer Burg lebe, dass man danach noch viel Essen geschenkt bekommen und abends Schiffe auf dem Wasser gesehen habe. Dabei sieht man die Fahrt des Jungen und seiner Mutter ins überfüllte Jobcenter, zur Lebensmitteltafel und schließlich in ein Waschcenter, wo der Junge vor den Bullaugen der Waschmaschinen ein Papierschiffchen kreisen lässt.
Auf der anderen Seite gibt es ein Repertoire von Armutsbildern – vom Säufer, der selbst schuld ist am Elend, über den listigen Sozialschmarotzer bis hin zum vernachlässigten, wahlweise auch dicken Kind. Wie also individuelle Armut zeigen und damit die Stereotype umgehen, die den gesellschaftlichen Diskurs prägen, ohne die von Armut Betroffenen zu entblößen? Der Band „Gesichter der Armut“ (hrsg. v. Alban Knecht, Verein zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit, 134 S., 16 Euro) ist ein solches Experiment. Ein anderes ist das Foto von Smilla Dankert, das sie kürzlich auf ihrem Blog „anders anziehen“ veröffentlichte – der bezeichnende Titel lautet „Durststrecke“. Welche Bilder machen wir uns von Armut? Und: Können wir uns überhaupt Bilder machen?
Studierende des Studienganges Sozialwesen der Hochschule für angewandte Wissenschaften München haben sich auf die Spurensuche begeben: Wie sieht ein Leben in Armut aus? Ihre Begegnungen haben sie zu vierzehn „Miniaturen“ verarbeitet – verschiedenen Geschichten, die dem abstrakten Begriff Armut ein persönliches Gesicht geben sollen.
Bemerkenswert ist zunächst, dass nur vier der vierzehn Studierenden einen in Armut lebenden Menschen persönlich kannten. Sie standen vor dem Problem, Personen anzusprechen – und damit auch vor dem Problem, jemanden als Armen adressieren zu müssen.
Mikrosozialexperiment sozialer Annäherung
Damit wird das Buch noch in ganz anderer Weise interessant, als der Titel es nahelegt. Denn aufschlussreich sind nicht nur die Lebensgeschichten, die vorgestellt werden. Tatsächlich ist es fast aufschlussreicher, wie die Studierenden ihre Aufgabe bewältigen.
Manche bleiben eher „außen vor“ und lösen sich auch sprachlich kaum von den Formeln, mit denen Armut beschrieben wird. Andere hingegen identifizieren sich so stark, dass sie versuchen, das Gehörte aus der Innenperspektive der Betroffenen zu erzählen. Damit sagen die Geschichten immer auch etwas über die AutorInnen aus, über ihren Umgang mit dem Thema. Es handelt sich mithin nicht um die authentischen Stimmen der Armen, sondern um Darstellungen, die durch eine Erzählinstanz vermittelt sind. Zwischen den Armen und der Leserschaft stehen die imaginierenden, selektierenden, mitleidenden AutorInnen, die den Geschichten ein stimmiges Narrativ zu geben versuchen.
Man kann dieses Buch als ein Mikrosozialexperiment in dem Sinne begreifen: Wie nähert sich eine Gesellschaft den Armen an, was sieht sie, hört sie, was hält sie für mitteilenswert, um das Phänomen Armut zu verstehen? Sehr gelungen sind deshalb die Geschichten, die die Spannung einer Annäherung an das Unbekannte der Armut nicht durch Distanz oder Einfühlung aufheben, sondern diese Spannung zum Bestandteil der Erzählung machen, diejenigen also, die die eigene Position reflektieren.
Die Sozialminiaturen berichten von Jobverlusten, Verschuldung und Alkoholproblemen. Neben diesen eher bekannten Problemlagen finden sich auch Berichte, die unglaublich klingen: Ein russisches Ehepaar lebt 18 Jahre in einem bayerischen Flüchtlingslager, eine afrikanische Familie, emigriert auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, wohnt seit Jahren in einer Sozialwohnung ohne Dusche und Heizung. Gestrandet als Arme in einem reichen Land – keine Behörde, keine Wohnungsgesellschaft, niemand hilft weiter.
Der Herausgeber Alban Knecht spricht zu Recht davon, dass die Geschichten zeigen, „wie universell der Wunsch nach Anerkennung“ ist. Den Armen zuzuhören bedeutet, ihnen die Würde der Anerkennung zurückzugeben. Doch es bedeutet nicht, dass die Armen hier unverstellt ihr Gesicht zeigten. Diese Einsicht bestimmt die Herangehensweise von Veronika Schlumprecht: Sie beschreibt die Fotos, die in der Küche ihrer Interviewperson hängen. Damit reflektiert sie, wie die Familie sich repräsentiert sehen möchte: glücklich, umgeben von Verwandten und Freunden und auch mal auswärts im Urlaub – mag es auch nur ein nahe gelegener See sein. Schlumprecht ist bewusst, dass die Armut hinter den lustigen Fotos anders aussehen mag, aber sie respektiert, dass auch Arme sich nicht entblößen möchten.
Armut als individuelle Lebenserfahrung
Das Buch wirft also die Frage auf, wie man Armut als individuelle Lebenserfahrung vermitteln – ihr ein persönliches Gesicht geben – und damit fixierte Bilderwelten auflösen kann. Die Fotos von Smilla Dankert illustrieren dieses Problem. Auf ihrem Blog „anders anziehen“ porträtiert sie Menschen, die eine besondere Ausstrahlung haben, unter den Fotos finden sich kleine Lebensminiaturen. Eines der Fotos ist immer ein Gesichtsporträt, die Fotografierten blicken direkt in die Kamera und damit die Betrachter an. Die Ausnahme bildet das hier gezeigte Bild – es steht alleine für sich.
Die BlogleserInnen haben dieses Foto mit großer Betroffenheit kommentiert. Es hat wohl auch deshalb so viele, positive und emotionale Reaktionen hervorgerufen, weil es kein Gesicht der Armut zeigt – und gerade dadurch der Person ihre Würde belässt. An die Stelle des Betrachters ist ein anderes „Gegenüber“ getreten – der Hund. Durch ihn wird gleichermaßen ein intimer Schutzraum zwischen die Blicke der Betrachter und den Abgebildeten eingezogen, wie er auch das verkörpert, was ihm dem Mann auf dem Foto in sozialer Hinsicht fehlt: Zuwendung.
Annäherungen an die Armut des Einzelnen verwickeln die Nichtarmen ebenso in ambivalente Gefühle wie die Armen selbst. Das schützende Stereotyp fehlt. Zwischen diesen Polen – dem Wunsch, der Armut ein individuelles Gesicht zu geben und damit den stigmatisierenden Zuschreibungen etwas entgegenzusetzen, und demjenigen, Armut sichtbar zu machen und zugleich die Würde des Einzelnen zu wahren – bewegen sich die wenigen Gegenbilder zum öffentlichen Diskurs.
Elke Brüns hat die Studien „Nach dem Mauerfall: Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung“ und „Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur“ veröffentlicht. Sie schreibt das Blog „Gespenst-der-Armut.org“.