Überall auf der Welt, in Israel, in Polen, in den USA und selbstverständlich auch in Deutschland ist der Diebstahl der drei Worte von Auschwitz bedauernd, bestürzt und verstört verurteilt worden. Es ist nicht nur "Vandalismus", es ist nicht nur "peinlich", es ist auch ein Anschlag auf die Erinnerung selbst, wie Avner Shalev, der Präsident der Gedenkstätte Yad Vashem sagt. Er vermutet "eine Eskalation jener Elemente, die uns in die dunkleren Tage zurückführen wollen."
Wie auch immer es ist, durch diesen Diebstahl geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Wie immer, wenn etwas verschwindet, wird das Verschwundene präsent und die Erinnerung deutlicher. Einige Täter, deren Motive weiterhin vollkommen unklar sind und in die man sich auch nicht hineinversetzen möchte, montieren ein Schild ab, ein eisernes Gestänge, aus dem die drei Worte "Arbeit macht frei" geformt wurden, und schon stehen Worte wie "Endlösung" wieder vibrierend im Raum, diese perfide, anmaßende, himmelschreiende Selbstgerechtigkeit, mit der die Nationalsozialisten die Juden vernichtet haben. Dieser verquaste Messianismus, mit dem sie an ihr tödliches Handwerk gingen. Schon ist die Wunde Auschwitz wieder offen. Es handelt sich um den Diebstahl eines Symbols.
"Arbeit macht frei", jedes für sich genommen schöne deutsche Wort, steht zusammengelesen wie nichts anderes für den Nationalsozialismus und die versuchte Vernichtung der Juden. In Dachau und anderen Lagern war der Sinnspruch, so muss man es ja wohl nennen, ebenfalls über dem Eingang oder anderswo zu lesen. "Jedem das Seine" stand entsprechend in Buchenwald.
Warum den Nazis der Spruch "Arbeit macht frei" so gut gefiel, ist nie wirklich bekannt geworden. "Arbeit macht frei", so hieß ein Roman von Lorenz Diefenbach, der, bereits 1873 veröffentlicht, nichts von Zielen oder Ideen der Nazis vorwegnahm. Diefenbachs Buch ist ein vergleichsweise typischer, etwas schlichter Erziehungsroman, in dem ein Krimineller wieder auf den Pfad der Tugend zurückkehrt. Was ihm dabei wesentlich hilft: Er geht einer geregelten Tätigkeit nach.
Das umgedrehte "B"
Ende 1940, kurz nachdem das Lager Auschwitz gegründet worden war, war auch schon der schmiedeeiserne Schriftzug über dem Eingang angebracht worden. Polnische Häftlinge mussten ihn anfertigen. Das umgedrehte "B", das dabei in dem Wort "Arbeit" steht, wurde immer wieder als ein verdeckter, stiller Akt des Widerstands der Häftlinge verstanden.
"Zynismus" ist das Wort, das einem zu der Wendung über dem Eingang am ehesten einfällt, die die Nazis den drei Worten Diefenbachs gegeben haben. Aber "Zynismus" ist viel zu schwach. "Arbeit macht frei", das brachte die Moral, wenn man denn von einer solchen sprechen will, der Nazis auf den Punkt, das ist die Formel der Rechtfertigung, das ist ihr Selbstbild.
Der Diebstahl macht jetzt bewusst, was schon immer klar war, was aber nun viel deutlicher ist: Es handelt sich bei diesem Spruch um ein Symbol von überragender Bedeutung. Er steht nicht nur für Auschwitz, er steht nicht nur für das Vernichtungswerk, er steht nicht nur für die Nazis, er ist, mehr als das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden, mehr als das Brandenburger Tor, das deutsche Symbol schlechthin. Er ist das klarste Zeichen der bitter gebrochenen Geschichte, mit der wir nun mal leben müssen.
"Arbeit macht frei", der Satz ist das wahre Mahnmal. Was man mit verschiedensten Mahnmalen versucht hat herzustellen, hier ist es. "Arbeit macht frei" und "Jedem das Seine" über den Toren von Auschwitz und Buchenwald, darin klingt das Echo des Spruches "Erkenne dich selbst!" an, der angeblich über dem Eingang zur antiken Welt gestanden haben soll. Es ist das Echo eines emphatischen Menschseins, einer Verheißung, es ist dieses Echo eines Entwicklungsversprechens, das den Spruch der Nazis so ganz besonders perfide macht.
Imre Kertesz, der ungarische Schriftsteller, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, der in seinen Büchern die zugleich schärfste, radikalste und versöhnlichste Reaktion auf das Geschehene gefunden hat, hat den Eingang nach Buchenwald sehr genau beschrieben. "Doch dann fiel mein Blick auf dichten Gitterdraht, darauf auf ein prächtiges, sich zwischen zwei mächtigen Steinsäulen öffnendes eisernes Tor mit einem verglasten, irgendwie an die Kommandobrücke von Schiffen erinnernden Aufbau darüber, und gleich darauf schritt ich darunter auch schon hindurch: ich war im Konzentrationslager Buchenwald angekommen."
Messianismus der Nazis
Kertesz hat in seinem "Roman eines Schicksallosen" mit diesem Ton der Verheißung auf den politischen Messianismus der Nazis präzise reagiert. Sein Buch akzeptiert den Messianismus und nimmt ihn ganz naiv auf: "Ich habe in früher Kindheit gelernt, dass ich meiner Heimat am besten diene, wenn ich Zwangsarbeit leiste und mich danach ausrotten lasse." Kertsez hat das Lager als Verheißung beschrieben.
Er erst hat uns das volle Ausmaß der drei Worte von Auschwitz lesen und erkennen lassen. Er hat eine Antwort gefunden. Nun sind diese Worte gestohlen - und noch gestern wurden sie sofort durch eine Replik ersetzt, als ob diese Worte niemals verschwinden dürften.