"Großes Volk von Iran", schreibt ein alter Mann in der Heiligen Stadt Ghom. "Mit extremer Trauer erfahre ich von den Massakern Ich bin tief beunruhigt." Der Mann ist ein Großayatollah, also: ein "wunderbares Zeichen Gottes". Er fährt fort: "Ich erkläre deshalb den Mittwoch, Donnerstag und Freitag zu nationalen Trauertagen." Sein Wort hat Gewicht unter den Gläubigen: "Ich unterstütze die friedlichen Aktionen des Volkes, das seine republikanischen Rechte verteidigt " Als hohe religiöse Autorität ist er befugt, eine Fatwa zu erlassen. "Ich erkläre", schreibt der Geistliche, der einmal der zweithöchste Mann der jungen Islamischen Republik war, "dass jede Gewalt gegen das Volk ,haram' ist, also gegen die Prinzipien des Islam gerichtet."
Der Erlass von Großayatollah Hossein Ali Montazeri wird am 17. Juni auf der Homepage von Mir-Hossein Mussawi, dem Anführer der Demokratiebewegung veröffentlicht. Denn als die Basidji, die islamistischen Milizen, begannen auf die Demonstranten einzuschlagen und die ersten Toten geborgen wurden, fürchtet der seit Jahrzehnten unter Hausarrest stehende Geistliche ein Blutbad. Mit der Ausrufung von drei Trauertagen will er der Gewalt Einhalt gebieten und dennoch die Präsenz des Protests aufrecht erhalten.
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Der Geistliche kennt die Feinde der jungen Bewegung. Es sind seine eigenen. Er kennt sie sehr gut, denn er teilt eine über 30jährige Geschichte mit ihnen. Heute ist der 87-jährige Dissident der prominenteste Weblogger des Landes. Auf seiner - inzwischen gesperrten - Website veröffentlicht er seine Lebensgeschichte, seine Meriten, seine Empörung und Kommentare zur Politik auf Farsi, Arabisch, Englisch und Französisch.
1985, noch zu Lebzeiten von Revolutionsführer Khomeini, wählte ihn der Expertenrat, eine Versammlung von 86 hohen Geistlichen, zu dessen Nachfolger. Überall im Land hing sein Bild neben dem von Khomeini. Die beiden haben eine enge Beziehung: Der Bauernsohn aus der Provinz Isfahan hatte Khomeini das Leben gerettet. Als 1963 der Savak, der gefürchtete persische Geheimdienst, den unerbittlichen Widersacher des Schahs inhaftierte und hinrichten wollte, organisierte Montazeri ein Sit-in protestierender Ayatollahs. Er überzeugte sie, dem Schah ein Protesttelegramm zu schicken, in welchem Khomeini als "Oberste Quelle der Nachahmung", als "Größtes der wunderbaren Zeichen Gottes" gerühmt wurde. Nach diesem deutlichen Votum der Religionsvertreter wagte sich der Schah nicht mehr an ihn heran - Khomeini war, fast wie der Papst, unantastbar geworden.
Der Savak nahm Rache an Montazeri und folterte ihn, Khomeini nannte Montazeri fortan "die hohe Säule des Islam", "die Frucht meiner Lebenszeit, die ich liebe", die "Stütze der Revolution". Als Khomeini ins Exil ging, war es Montazeri, der das Netzwerk der religiösen Revolutionäre zusammenhielt. Mit der Flucht des Schahs am 16. Januar 1979 kehrt Khomeini am 1. Februar zurück, Montazeri, dessen Titel als Großayatollah die Medien in Iran heute hartnäckig unterschlagen und den sie stattdessen verächtlich machen, wird einer der Gestalter der Islamischen Republik. Als im Frühsommer 1979 der erste Ministerpräsident, Mehdi Bazargan, einen demokratischen und säkularen Verfassungsentwurf vorlegt, verwirft ihn Montazeri als ungenügend, eben nicht islamisch. Der Kleriker, für den Islam Gerechtigkeit bedeutet, macht sich daran, eine islamische Verfassung auszuarbeiten.
Islam bedeutet für ihn Gerechtigkeit
Dreh- und Angelpunkt des neuen Entwurfs ist die Position des Rahbar, des Obersten Geistigen Führers, als höchster und letzter Entscheidungsinstanz. Sein Wille wird durch den Wächterrat umgesetzt, der zur Hälfte aus Geistlichen, die vom Rahbar ernannt werden, zur Hälfte aus Juristen, die vom Obersten Richter vorgeschlagen und vom Parlament gewählt werden, besteht. Doch der oberste Richter selbst wird wiederum vom Rahbar ernannt. Diese doppelt und dreifach abgesicherte Herrschaft der Religionsgelehrten erscheint Montazeri die Garantie, dass der Weg der Gerechtigkeit von nun an nie mehr verlassen wird.
Mit der Islamischen Verfassung hat er seinen späteren Feinden den Weg geebnet. Denn ein demokratischer Wechsel, der sich gegen die lebenslange Autokratie eines Rhabars stellt, muss sich von nun an per definitionem außerhalb der Verfassung durchsetzen. Khomeini und Montazeri sind die einzigen bedeutenden Geistlichen, die sich voll und ganz hinter das System der Herrschaft der Kleriker stellen. Die anderen Geistlichen bezweifeln die Richtigkeit der Politisierung der Religion und ihre Vermengung mit dem Tagesgeschäft.
Die Macht der Revolutionäre ist jetzt fest installiert, da beginnt für Montazeri ein neuer Kampf. Er ist entsetzt über die Massenerschießungen politischer Gefangener, die der greise Revolutionsführer 1988, ein Jahr vor seinem Tod anordnet. Über den Sender BBC kritisiert er Khomeinis Fatwa gegen Salman Rushdie, seinen Bannfluch gegen den Autor der "Satanischen Verse. "Die Welt muss allmählich denken, dass unser Geschäft in Iran sich nur darum dreht, Leute zu ermorden", bündelt Montazeri seine Befürchtungen.