"Haus der Träume“ – das ist, finde ich, der einzige wirklich passende Name für dieses Gebäude. Ich erinnere mich daran, dass ich jedes Mal, wenn ich seinerzeit, als das Land noch „Irakische Republik“ hieß, daran vorbeikam, an den Handwerksmeister denken musste, der es einst erbaut hatte. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zeit der großen Handwerksmeister (noch bevor Architekten und Ingenieure das Bauen übernahmen), deren intuitive Kunstfertigkeit mehr von der Fantasie als von der Realität bestimmt war.
Auch wer heute das Haus betrachtet, wie es trutzig dasteht, wird trotz der inzwischen vorgenommenen Umbauten nicht umhinkommen, die Fähigkeiten Meister Kathim Ibn Arifs zu bestaunen, dem ein so prunkvolles wie elegantes Gebäude gelang.
Najem Wali, 1956 im südirakischen Basra geboren, lebt seit 1980 als Schriftsteller in Deutschland, zuerst in Hamburg, heute in Berlin.
Zu seinen Büchern zählen der Roman „Die Reise nach Tell al-Lahm“ (2004) und der Bericht „Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel“ (2009).
Gerade ist ebenfalls im Hanser Verlag sein neuer Roman „Engel des Südens“ erschienen, 544 Seiten, 24,90 Euro.
Alles daran ist schön: Die Rundungen der Bögen, die Türen, die Balustraden auf dem Flachdach, die hölzernen Fenster, der ausladende Balkon hoch über dem Tigris. Es wirkt fast, als habe die Hand des Meisters hier, von der historischen Al-Raschid-Straße aus leicht zurückgesetzt, Stein auf Stein sanft gestreichelt und liebevoll geformt. Und als wisse die Hand nicht, dass der Besitzer dieses Hauses, das einer ganzen Großfamilie Platz geboten hätte, sein Leben lang unverheiratet bleiben würde. Ja, es wirkt tatsächlich, als habe jener Bagdader Baumeister mit seinem durch kein Unistudium verbauten instinktiven Gespür erkannt, dass dieses Haus so großzügig sein musste, um den Träumen seines zukünftigen Bewohners Platz zu bieten. Dass es so viele Räume und Etagen umfassen musste wie die Träume des Mannes, der darin schlafen und erwachen würde. Und es wirkt auch, als habe der Baumeister geahnt, dass das Haus dort, am Ufer des Tigris mitten im Zentrum Bagdads, die Zeiten überdauern würde – nicht nur als Zeugnis für das Unvermögen einer ganzen Reihe von Regierungen, es aus dem historischen Gedächtnis zu streichen, sondern vor allem als Zeugnis für die Träume längst vergangener und noch kommender Meister.
Eine Traumfabrik
Ich musste zwangsläufig an all das denken, als ich an einem herrlich beschwingten Mittwoch (der jedoch erst dort zu einem solchen wurde, nachdem ich nämlich zuvor am Nationaltheater knapp einer Autobombe entkommen war) vor einigen Wochen auf dem Balkon jenes Hauses saß – zusammen mit irakischen Filmschaffenden, mit Regisseuren, Schauspielern und Kameraleuten, manche in meinem Alter, andere noch jung.
Es war dies eine der seltenen glücklichen Zusammenkünfte bei meinem jüngsten Besuch in Bagdad. Die Zahl dieser wundervoll anregenden Momente konnte man leider an den Fingern einer Hand abzählen. Bei jenem Anlass also verstand ich mehr denn je, dass dieses Werk eines angesehenen irakischen Meisters, der seine ganze Fantasie und seine kreativen Fertigkeiten hier hineingesteckt hatte, nur dies eine sein konnte: eine Traumfabrik.
Ich wurde zunächst auf das Haus aufmerksam, als ich Anfang der siebziger Jahre zum Studium nach Bagdad kam. Insbesondere für diejenigen unter uns, die aus anderen Städten kamen, war so ein Prachtbau am Ufer des Tigris aufsehenerregend. Um hineinzugelangen oder es genau zu betrachten, musste man sich ihm von der Flussseite aus nähern, so dass sich uns die glückliche Gelegenheit bot, heimlich im Fluss zu schwimmen oder am Ufer zu sitzen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals einer von uns durch den an der Al-Raschid-Straße gelegenen Haupteingang getreten wäre. Doch weiß ich noch ganz genau, dass der Name des ursprünglichen Besitzers, wenn überhaupt, dann nur flüsternd genannt werden durfte.
Der fähigste Mann im Kabinett
Man bedenke: Ich rede hier von 1973 und den Jahren danach. Nur gut drei Jahre zuvor hatte das Baath-Regime jüdische und schiitische Mitbürger unter dem Vorwand hingerichtet, diese hätten pro-israelische Spionage betrieben. Schon die Erwähnung eines jüdischen Namens wäre seinerzeit verdächtig erschienen, und zwar völlig unabhängig davon, dass der ursprüngliche Besitzer des Hauses, der hier seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, bereits am 31. August 1932 in Paris verstorben war, also 16 Jahre vor der Gründung des Staates Israel, so dass er mit derartigen Vorwürfen gar nichts zu tun haben konnte. Und es war auch völlig egal, dass dieser Mann bis ins Mark Iraker gewesen war.
Die Grand Old Lady Gertrude Bell schrieb einst über ihn, er sei „der fähigste Mann im ganzen Kabinett. Ein wenig rigide betrachtet er die Dinge nur aus der Sicht des Verfassungsrechtlers, ohne den primitiven Bedingungen im Irak genügend Rechnung zu tragen. Doch ist er durch und durch aufrichtig und unparteiisch. Er ist nicht nur wirklich fähig, sondern verfügt überdies über reiche Erfahrung“. Er legte ein solides Fundament für die irakische Wirtschaft, indem er ein Finanzsystem mit klaren, festen Regeln schuf. Und er war es auch, der, wie aus den Protokollen der Verhandlungen mit den Briten über die Verteilung der Erdöleinkünfte hervorgeht, den irakischen Chefunterhändler darauf hinwies, dass bei der Berechnung der Erdöleinnahmen der Goldstandard zum Maßstab zu machen sei, um den Einnahmenanteil dauerhaft stabil zu halten.
Fünf Mal war er Finanzminister, als seien sich sämtliche Regierungen über seine Kompetenz und Unparteilichkeit einig gewesen. Nach seinem Tod war kein einziges geheimes Konto auszumachen, das auf seinen Namen oder den eines Verwandten eingetragen war.
"Gott gedenkt seiner im Guten"
Und damit nicht genug: Er war so durch und durch Iraker, dass er bis heute einer der ganz wenigen Politiker des Landes überhaupt ist, bei deren Erwähnung, wie ich es aberdutzende Male von meinem Großvater hörte, die Menschen jedes Mal anfügten „Gott gedenkt seiner im Guten“. Wer könnte Sir Sassoon Eskell vergessen, den ersten irakischen Finanzminister (eingesetzt am 27. Oktober 1920 mit der Regierung von Abdelrahman an-Naqib), Sassoon Effendi, wie ihn seine irakischen Zeitgenossen (insbesondere die Bagdadis) zu nennen pflegten, dessen Namen selbst die Versuche aller folgenden Regierungen nicht von dem Haus trennen konnten?
Was an dem zweistöckigen Gebäude seinerzeit besonders meine Aufmerksamkeit erregte, waren die Geschichten, die sich um Sassoon Effendis stattliche Privatbibliothek rankten. Es hieß, die Bücher seien über fast alle Räume des Hauses verteilt, es handele sich um die größte Privatbibliothek des Irak, mit Werken in zahlreichen Sprachen: Arabisch, Türkisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Deutsch, all jene Sprachen eben, die Eskell beherrschte.
Leider ging der Großteil dieser Bücher verloren, als die Bibliothek 1970 vom Baath-Regime im Zuge der Hinrichtungswelle an Juden und Baath-Gegnern beschlagnahmt worden ist. Es hieß zwar, die Werke seien der Bibliothek des Museums von Bagdad einverleibt worden, doch ich persönlich habe sie bei keinem meiner zahlreichen Besuche dort ausfindig machen können.
Eine Theaterspielstätte
An all das musste ich zwangsläufig an jenem wundersamen Mittwoch denken – und auch daran, wie das Haus über Jahre hinweg abgesperrt geblieben war. Sicherlich hatte das Baath-Regime zunächst nicht gewusst, was anfangen damit. Vielleicht hatte es auch gehofft, die Leute würden mit der Zeit den Namen des Besitzers vergessen.
Erst Mitte der achtziger Jahre wurde das Haus in eine Theaterspielstätte umgewandelt. Hier wurde unter anderem 1989 das Stück „Melodie des Schaukelstuhls“ uraufgeführt, das sich mit seinem epochalen Charakter tief in das Bewusstsein des irakischen Theaterpublikums einprägen sollte. Sechs Monate lang stand es auf dem Spielplan.
Zwei Nachwuchsschaupielerinnen, die es später zu einigem Ruhm bringen sollten, nämlich Inaam al-Batat (seit 1996 in Deutschland) und Iqbal Naim, wandelten darin als Protagonistinnen kreuz und quer durch das Haus, über Treppen und den Balkon, an Balustraden vorbei. Inaam al-Batat verkörperte dabei eine gealterte, ans Haus gefesselte Sängerin, die nicht aufgeben will, während ihre Assistentin sie zu trösten und zu beruhigen sucht.
Die beiden Frauen zogen so im Haus umher, in ihrem Schlepptau die Zuschauer, von denen einige Aufnahmegeräte bei sich trugen, um Inaams Gesang festzuhalten. Klagend und unermüdlich rief sie darin den Mann ihrer Träume an: „Er muss kommen“, obwohl sie in diesem zerstörten Land vergeblich wartete. Alle warteten mit ihr auf diesen irakischen Godot, als wecke Inaams Stimme die alten, im Haus schlummernden Träume, als hauche sie diesen mit ihren Bewegungen neues Leben ein. Alle waren in ihren Träumen gefangen, die beiden Frauen und das Publikum. Doch entspricht dies nicht genau dem Charakter des Hauses als Traumfabrik?
Kaserne oder Filmzentrum?
Und heute? Über Jahre hinweg trug das Haus den Namen „Haus des Theaterclubs“, eine Spielstätte für experimentelles Theater. Nach dem 9. April 2003 dann wurde das Haus als Herberge für die Soldaten der Bewachung von öffentlichen Gebäuden und Banken in der Al-Raschid-Straße zuständigen Armeeeinheiten. Doch auch die Künstler gaben nicht auf, und so gelang es 2010 jungen Filmschaffenden, das Kulturministerium, dem das Haus offiziell gehört, dazu zu bewegen, zumindest in einem Teil, und zwar dem schöneren, dem Tigris zugewandten, ein Filmkunstzentrum einzurichten. Der Teil, der zur Straße hin liegt, wird weiterhin als Kaserne genutzt.
An jenem seligen Mittwoch also waren die jungen Leute dort guter Dinge und mit gewohntem Feuereifer dabei, ihre cineastische Ausrüstung in das Haus zu schaffen, während Bauarbeiter, sozusagen die Meister von heute, mit den Renovierungsarbeiten begannen. Oday Rascheed (Regisseur des 2006 in Deutschland aufgeführten Filmes „Underexposure“) und Muhammad ad-Daraji (Regisseur des Films „Sohn von Babel“, der bei der Berlinale 2010 zu sehen war) vertrauten mir derweil an, dass sie davon träumten, das ganze Haus zu einem Filmkunstzentrum umzugestalten. Ich wusste aber, dass die Armee einen ganz ähnlichen Traum träumt: nämlich den, es ganz in eine Kaserne zu verwandeln (insbesondere, da der in der Nähe gelegene Tahrir-Platz nun als Ausgangspunkt der jüngsten Demonstrationen und Protestaktionen junger Leute gegen die Regierung fungiert). Es steht also die Armee gegen die Träume einiger junger Leute, deren einzige Waffe ihre Kameras sind.
In den letzten Jahren seines Lebens bemühte sich Sassoon Effendi, sein Lebenswerk durch die Einführung einer nationalen irakischen Währung zu krönen, wozu er auch einen streng durchorganisierten Plan entwarf. Und in der Tat führten seine Bestrebungen, bei denen er von einem anderen Juden, Ibrahim el-Kabir, Generaldirektor des Rechnungshofes, unterstützt wurde, wenige Monate vor seinem Tod im Frühjahr 1932 zum gewünschten Erfolg: Der Dinar wurde statt der bis dahin gebräuchlichen indischen Rupie und der türkischen Lira in Umlauf gebracht. Auch dies war einer jener großen Träume, die von diesem Haus ausgingen.
Wer wie ich an jenem sonnigen Tag mit den jungen Leuten zusammensitzt und ihren Gesprächen lauscht, hört, wie sie wild entschlossen sind, die Filmszene des Irak wiederzubeleben, wie sie davon träumen, dem irakischen Kino zu Weltrang zu verhelfen, der wird feststellen, dass sie mit dieser Begeisterung genau in die Fußstapfen des großen Baumeisters treten und die Wahl gerade dieses Hauses kein Zufall ist. Muss ein solches Unterfangen nicht zwangsläufig von hier aus beginnen, ganz nach Art dieses Hauses als Traumfabrik?
Übersetzung aus dem Arabischen von Nicola Abbas