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Héctor Abad in Kolumbien: Ein Glas sauberes Wasser

Das Buch "Brief an einen Schatten - Eine Geschichte aus Kolumbien" ist der seltene Fall einer Liebesgeschichte von Vater und Sohn. Erzählt von dem Arzt und Gesundheitspolitiker Héctor Abadn Sohn. Von Arno Widmann

Heute abend um 19 Uhr kommt Héctor Abad ins Instituto Cervantes in Frankfurt am Main. Niemanden ergreift diese Meldung. Es sei denn, er hat das Buch des kolumbianischen Journalisten und Schriftstellers über seinen Vater gelesen. Dann wird er sehen, dass er sich frei macht, um den Autor eines ganz außergewöhnlichen Buches zu hören und zu sehen.

"Brief an einen Schatten - Eine Geschichte aus Kolumbien" erzählt von dem Arzt und Gesundheitspolitiker Héctor Abad und seinem Verhältnis zu seinem gleichnamigen Sohn. Es ist eine innige Beziehung. Das Buch ist also der seltene Fall einer Liebesgeschichte von Vater und Sohn. Der Sohn erzählt, wie der Vater ihn streichelte und küsste und wie er sich nach den Liebkosungen des Vaters sehnte. Er tut das lächelnd und so, dass der Leser die Sehnsucht des kleinen Jungen, der inzwischen ja auch älter als ein halbes Jahrhundert ist, mit empfindet. So sehr, dass er zum ersten Mal in seinem Leben es bedauert, seinen Vater nicht geliebt zu haben.

Héctor Abad:

Brief an einen Schatten - Eine Geschichte aus Kolumbien.

Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg, Berenberg Verlag, 199 S., 24 Euro

Aber mitten in dieser Liebesgeschichte geht es auch um Kolumbien, und darüber hinaus um die Zerstörung einer Gesellschaft, um einen Staat, der schon lange nichts war als eine Beute, um die sich Großgrundbesitzer, Politiker, Rauschgiftkartelle und die anderen Kriminellen, die sich für Befreiungsbewegungen ausgeben, stritten und streiten. Héctor Abad Vater, der Held dieser Erzählung, wurde am 25. August 1987 ermordet. Er hatte sich zu entschlossen für sauberes Wasser, saubere Milch und auch für politische Aufklärung Organisation eingesetzt.

Die Kirche verfolgte ihn über seinen Tod hinaus. Der Erzbischof von Medellin verbot dem Gemeindepfarrer eine Messe abzuhalten. Der Verstorbene sei nicht gläubig gewesen und niemals zur Messe gegangen. Der Bruder des Ermordeten, ein Priester des Opus Dei, hielt doch eine Totenmesse und erklärte, "im Jenseits werde niemand diesen gerechtigkeitsliebenden Mann verurteilen, wie einige hier auf Erden das getan" hätten. Der damalige Bischof ist heute Kardinal in Rom und Vorsitzender des Päpstlichen Rates für Familie.

Der Kampf für ein besseres Leben der Menschen ist in Kolumbien - und sicher nicht nur dort - immer wieder auch ein Kampf darum, ob das Christentum eine Religion der Liebe oder des Gehorsams, der überkommenen Ordnung oder einer erst noch herzustellenden Gerechtigkeit ist.

In einer Welt, in der die Gewalt immer wieder alle und jeden ergreift, in der Opfer endlich auch einmal Täter werden wollen, zeigt sich deutlicher als bei uns, dass Gesellschaft nicht nur etwas ist, in das wir hineingeboren werden, sondern vor allem etwas, das wir erst einmal herstellen müssen.

Ein Glas sauberes Wasser ist nicht zu haben, wo das Recht des Stärkeren regiert. Am hartnäckigsten muss um die einfachsten Dinge gekämpft werden. Denn sie sind es, die wir alle brauchen. Wir hatten das in letzten Jahren vergessen. Darum ist der Kolumbianer Héctor Abad auch für uns so aktuell.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  28 | 5 | 2009
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