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Chile: Einigkeit, Standhaftigkeit und Planung

In den eingeschlossenen chilenischen Grubenarbeitern leben die Ausdauer und der Überlebenswille ihrer Vorväter fort: Sie weigerten sich seit jeher, einen mehr als wahrscheinlichen Tod in der Dunkelheit zu sterben.

Drei der 33 eingeschlossenen Bergarbeiter von Copiapo, Chile.
Drei der 33 eingeschlossenen Bergarbeiter von Copiapo, Chile.
Foto: dpa

Menschen wie die 33 Grubenarbeiter, die zurzeit im Bergwerk Mina San José verschüttet sind, führen ein Leben, in dem sie stets darauf gefasst sein müssen, einmal in eine solche Situation zu geraten. Man könnte fast sagen, dass ihnen diese Art von Überlebenskampf im Blut liegt. Und genauso steht es um ihr Land.

Geschichten von Menschen, die unter der Erde in der Dunkelheit nach Mineralien graben und dann durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall auf Gedeih und Verderb dieser Dunkelheit ausgeliefert sind, gehören zum Erbgut Chiles; sie sind ein zentraler Bestandteil der Geschichte des Landes. Das war eines der ersten Dinge, die ich lernte, als ich 1954 im Alter von zwölf Jahren in Chile ankam. „Schlagt eure Bücher auf; heute lesen wir die Geschichte El Chiflón del Diablo,“ sagte unser Spanischlehrer am ersten Schultag. „Der Teufelstunnel von Baldomero Lillo, von 1904.“

Zur Person

Der chilenische Dramatiker und Essayist Ariel Dorfman, geboren 1942 in Buenos Aires, lebt heute in Santiago de Chile und in North-Carolina/USA. In den siebziger Jahren arbeitete er für Allende und musste nach dem Militärputsch ins Exil gehen. Sein bekanntestes Stück ist „Der Tod und das Mädchen“, verfilmt von Roman Polanski mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley.

Weitere Bilder und Texte zum Grubenunglück: www.fr-online.de/chile

Es ist die Beschreibung eines Grubenunglücks, ganz ähnlich jenem, das sich viele Jahre später, am 6. August 2010, in San José ereignete. In dieser klassischen Geschichte, wie auch in vielen anderen, die Baldomero Lillo zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb und die jedes Schulkind in Chile lesen muss, wird die Erde als ein gieriger Schlund beschrieben, der alle verschlingt, die sich in ihn hinein wagen. Allerdings konnten jene 33 Bergleute, als sie in der Schule diese Geschichten lasen, nicht ahnen, dass sie eines Tages die beschriebenen Schrecken am eigenen Leib erfahren würden. Sie wussten nicht, dass sich nach über hundert Jahren die Arbeitsbedingungen für Bergleute, das hohe Risiko und die skrupellose Ausbeutung, im Grunde nicht verändert hatten.

Chile ist aus dem Bergbau heraus entstanden. Es waren die Konquistadoren, die auf der Suche nach Gold in sengender Hitze durch unwirtliches Ödland zogen und die ersten Städte gründeten. Bald wurde nicht mehr nur Gold abgebaut, sondern auch Eisen und Kupfer, letzteres ist immer noch Chiles Hauptexportgut; im Süden errichtete man die Kohlebergwerke, die von Lillo beschrieben wurden und die so wichtig waren für die Schiffe auf dem Weg zum Goldrausch in Kalifornien. Viele der seit 1849 in Kalifornien angewandten Techniken wurden übrigens von chilenischen Bergleuten aus Copiapó eingeführt, nicht weit vom heutigen San José. Tausende von Bergarbeitern machten sich damals in die USA auf, um dort ihr Glück zu suchen.

Das für die Entwicklung Chiles wichtigste Mineral jedoch war Salpeter. Diese Art von Salzablagerung, die sich in der Atacama findet, der trockensten Wüste der Welt, galt als hervorragendes Düngemittel und wurde außerdem zur Herstellung von Sprengstoff und Kriegsgerät verwendet. Hunderte von Siedlungen wurden aus dem ausgedörrten Wüstenboden gestampft, um Megatonnen von Salpeter abzubauen, der nach Europa verschifft wurde, wo die Industrielle Revolution in vollem Gange war und man verzweifelt versuchte, die Landwirtschaft anzukurbeln. Und dann, wie es so häufig in Lateinamerika und auch anderswo geschieht – man denke an den Kautschuk im Amazonas oder das Silber von Potosí – ging die Nachfrage für Salpeter plötzlich zurück, und übrig von all dem geschäftigen Trubel blieben nur Geisterstädte, Häusergerippe auf dem Wüstenboden und die Ruinen zerstörter Träume und Leben.

Aber der Salpeter-Rausch hatte nicht nur Verödung zur Folge. Weltweit ist man erstaunt über die Effizienz, mit der die Verschütteten in San José ihr Schicksal in die Hand nehmen. Sie haben eine Rangordnung erstellt, teilen sich in Schichten ein und haben mit all den in ihrem langen Arbeitsleben erworbenen Fähigkeiten eine Überlebensstrategie entwickelt.

Ich muss sagen, dass mich das nicht im mindesten überrascht. Die chilenischen Arbeiter haben sich angesichts großer Herausforderungen schon immer so verhalten und auf diese Weise überlebt. Findigkeit und Durchhaltevermögen sind das Vermächtnis der Salpeter-Arbeiter und all derer, die zur Zeit von Baldomero Lillo im Bergbau schufteten, die ersten Gewerkschaften gründeten, die ersten Lesegruppen veranstalteten und die ersten Zeitungen für die chilenische Arbeiterklasse herausbrachten. Die Erfahrung, was Einigkeit, Standhaftigkeit und Planung bewirken können, wurde vom Vater auf den Sohn, auf den Enkel weitergegeben, wobei jeder männliche Nachkomme lernen musste, wie er unter den katastrophalen Arbeitsbedingungen seiner Zeit überlebte.

Natürlich hatten die 33 Grubenarbeiter Glück im Unglück, als sie im August den Einsturz überlebten. Aber es ist nicht nur Glück, was sie bis jetzt am Leben hielt. In ihnen leben die Ausdauer und der Überlebenswille ihrer Vorväter fort, der Geist derer, die sich weigerten, einen mehr als wahrscheinlichen Tod in der Dunkelheit zu sterben.

In San José ist also tatsächlich ein Wunder geschehen, aber nur die glückliche Wendung der Ereignisse zu bejubeln, wäre kurzsichtig. Die Geschehnisse, die immer noch im Gang sind, haben eine sehr viel tiefere Bedeutung und größere Tragweite. Wie ist es möglich, dass mehr als ein Jahrhundert, nachdem Baldomero Lillo mit seinen Geschichten die unmenschlichen Zustände des Bergbaus anprangerte, diese Zustände immer noch andauern? Wie viele Unglücksfälle müssen sich noch ereignen, damit der Gesetzgeber einschreitet und es den Arbeitern ermöglicht, unter Tage zu gehen, ohne ihr Leben sinnlos aufs Spiel zu setzen?

Die 33 Bergleute sind inzwischen zu nationalen, ja sogar internationalen Helden geworden, da ganz Chile und ein großer Teil der Weltöffentlichkeit an ihrem Schicksal Anteil nehmen und darauf hoffen, man möge sie bald aus der Dunkelheit befreien. Durch einen der Zufälle, die in der Geschichte so oft vorkommen, sind die Bergleute genau zu der Zeit verschüttet worden, als die neuesten Statistiken belegten, dass die Armutsrate in Chile zum ersten Mal seit dem Ende der Pinochet-Diktatur nicht nach unten, sondern drastisch nach oben gegangen ist.

Darf man hoffen, dass die Leiden der Verschütteten das Gewissen des Landes anrühren und Chile in hundert Jahren ein Ort sein wird, wo die von Baldomero Lillo beschriebenen Zustände und Schicksale wie das der 33 Bergleute von San José der Vergangenheit angehören? Wo solche Geschichten nur noch Legenden vergangener Zeiten sind? Das wäre tatsächlich ein Wunder.

Übersetzung aus dem Englischen: Andrian Widmann

Autor:  Ariel Dorfman
Datum:  6 | 9 | 2010
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