Die Schweiz macht es vor: Ein Verbot von Minaretten an muslimischen Gotteshäusern. Und das, obwohl die Regierung, die beiden Landeskirchen, die jüdische Gemeinde, die Gewerkschaften und alle großen Parteien außer der rechtspopulistischen SVP sich gegen das Verbot ausgesprochen und die Unternehmer davor gewarnt hatten. In Holland, Italien und Dänemark überlegt man, ein solches Votum ebenfalls zu initiieren. Was wird das für Folgen für Deutschland haben? Auch hier ist das Gefühl des Unbehagens, der Angst vor "den Muslimen", längst gesamtgesellschaftlicher Konsens - trotz politischer und wissenschaftlicher Bemühungen um Aufklärung.
Erschreckend ist, dass der Trend zu anti-muslimischem Rassismus sich nicht vorrangig im bildungsfernen Milieu auslebt - im Bezug auf den Islam ist generalisierende Abwertung genauso im liberal-bürgerlichen Milieu anzutreffen - und sie trifft praktizierende Muslime wie unreligiöse Menschen aus muslimischen Ländern gleichermaßen. "Vom Rand zur Mitte" heißt es in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die belegt, dass rassistische Ressentiments durchaus nicht nur einer versteckten Minderheit über die Lippen kommen.
Die erschreckende Zustimmung zu Thilo Sarrazins aus dem Ärmel geschüttelter "gefühlter Empirie" findet man nicht nur bei den bildungsbürgerlichen Hörern des "Deutschlandradios", sondern gleichermaßen in Spiegel, FAZ und anderen Medien der aufgeklärten Mittelschicht. So steht im Weblog der Welt: "Von einer deutschen Abneigung gegen den Islam kann keine Rede sein. Wer damit die fehlende Integration so vieler Moslems erklären will, macht es sich zu leicht. Die Gründe dürften wohl eher innerhalb dieser Gruppe selbst liegen." Begeisterte Kommentare als Reaktion - "endlich mal ein mutiger Artikel, endlich mal jemand, der die Wahrheit ausspricht. Respekt!"
Als ob es einen Kuschelkurs gäbe
Peter Sloterdijks Wort der "organisierten Feigheit vor der Wahrheit" deckt sich mit Matthias Matusseks empörter Haltung nach dem Motto: "Man wird ja wohl noch". Dabei fällt auf, dass sie alle auf eine vermeintliche Wahrheit hinaus wollen, die endlich mal ausgesprochen werden solle - als ob Deutschland sich auf einem permanenten Kuschelkurs gegenüber den Muslimen befände.
Aber worauf basiert denn diese "gefühlte Wahrheit"? Wer ist hier in Deutschland eigentlich für die Wahrheit zuständig? Nehmen wir doch mal die Forschungsinstitute als Erforscher der empirischen Faktenwelt: Wer beachtet eigentlich die Ergebnisse all der klugen Männer und Frauen, die für das BAMF, für das BMI, für Emnid, Allensbach und Sinus-Sociovision Studien zu Ressourcen, Integrationsbereitschaft und Integrationsfortschritten der "Muslime in Deutschland" erarbeiten?
Wer liest die Antwort der Bundesregierung auf die in den Diskursraum geschleuderte Diffamierung Wolfgang Bosbachs (CDU), der die "Integrationsverweigerer" in Deutschland stärker sanktioniert wissen möchte, und der von der Faktenlage, die ihm seine Regierung daraufhin präsentierte, offensichtlich nichts weiß: 77 Prozent aller zur Teilnahme Verpflichteten nahmen an den Integrationskursen teil; bei der Nichtteilnahme kann nicht von Verweigerung gesprochen werden, vielmehr von diversen Fehl-Gründen wie Fortzug ins Ausland, Schwangerschaft, Eintritt in den Arbeitsmarkt.
Warum geht die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland", die Sonia Haug vor fünf Monaten für das "Bundesamt für Migration und Flüchtlinge" erstellt hat, so sang- und klanglos an die "gefühlte Empirie" der Gesamtgesellschaft verloren? In dieser Studie wird den muslimischen Migranten ein deutlicher Wille zur Integration attestiert, basierend auf dem bisher größten hierzu empirisch erhobenen Datensatz. Die Studie zeigt: Wir haben keine stetig nachwachsenden Kopftuchmädchen in Deutschland: Insgesamt 70 Prozent der Musliminnen in Deutschland tragen kein Kopftuch, und die Zahl nimmt bei der zweiten Generation stetig ab.
Gut 200 Prozent mehr Selbstständige
Warum findet sich keine Antwort auf Sarrazins menschenfeindliche Aussage in Bezug auf die "mangelnde Produktivität der Türken in Berlin", die berichtigt, dass bei der türkisch-deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg und der Handelskammer 9000 kleine und mittelständische Betriebe von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund geführt werden, die ca. 29000 Mitarbeiter haben und einen Jahresumsatz von ca. 3,5 Milliarden Euro generieren.
Warum antwortet niemand mit den Zahlen des "Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim", die im April 2005 die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland untersucht und dabei festgestellt hat, dass im Falle der "Türken" im Untersuchungszeitraum von 1991 bis 2003 eine Steigerung der Selbstständigkeit um mehr als 200 Prozent zu verzeichnen ist - soviel zur Produktivität. 80 Prozent der Migranten aus muslimischen Herkunftsländern können als Einkommensquelle auf Lohn oder selbstständige Tätigkeit zurückgreifen, hält das "Bundesamt für Migration und Flüchtlinge" in der Studie "Muslimisches Leben in Deutschland (2009)" fest.
Mehr als zwei Drittel der "Türken" zeigen laut einer Sinus-Studie ein modernes, individualisiertes Leistungsethos. 63 Prozent der Befragten sind der Meinung: Jeder, der sich anstrengt, kann sich hocharbeiten. In der Gesamtbevölkerung stimmen dem nur 57 Prozent zu. Warum kontrastiert das so stark mit der gefühlten Wahrnehmung der Gesamtgesellschaft, in der fast 40 Prozent das Gefühl haben, sich "durch die vielen Muslime wie Fremde im eigenen Land" zu fühlen - wie Wilhelm Heitmeyer in seiner Studie "Deutsche Zustände" deutlich zeigt? Dazu kommt, dass drei von vier Deutschen verneinen, dass "die muslimische Kultur in unsere westliche Welt" passt und 67 Prozent die Werte des Islams mit ihren eigenen für unvereinbar halten - nicht nur unausgesprochen schwingt da der Gedanke mit, dass auch die Träger dieser Werte in die eigene Lebenswelt nicht passen. Interessant ist, dass auch diese Wahrheit von der Gesamtgesellschaft negiert wird. Deren Selbstwahrnehmung nach kann in Deutschland von einer verbreiteten Abneigung gegen Muslime nicht gesprochen werden.