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Elbphilharmonie Hamburg: Oles Mausoleum

Außer Kontrolle: Hamburgs Elbphilharmonie kostet und kostet. 95 Millionen Euro hatte die Bürgerschaft bewilligt für den Glasbau von Herzog & Demeuron. Mittlerweile rechnet man mit 400 Millionen Euro Kosten. Von Berhard Honnigfort

In der Chemnitzer Firma Fiber-Tech Products GmbH kontoliert Projektleiter Andreas Wesner die letzten der 104 Fassadenelemente für die Loggien der neuen Elbphilharmonie Hamburg.
In der Chemnitzer Firma Fiber-Tech Products GmbH kontoliert Projektleiter Andreas Wesner die letzten der 104 Fassadenelemente für die Loggien der neuen Elbphilharmonie Hamburg.
Foto: dpa

So", brummt der Kapitän ins Mikrofon. "Jetzt kommen wir zu Oles Mausoleum." Die aus der Kaiserzeit stammende Barkasse "Zukunft" der ABC-Reederei stampft munter gegen die kabbeligen Wellen an, die der frische Frühlingswind durch den Hamburger Hafen schiebt. Die Touristen an Bord halten entspannt ihre Gesichter in die wärmende Sonne. Der freche Kapitän zündet sich eine Zigarre an. Die "Zukunft" erreicht den Dalmannkai, an dessen Spitze sich ein gewaltiger Klotz in den Himmel erhebt, umrahmt von Baukränen, 23 Geschosse hoch.

"Oles Mausoleum", wie der glatzköpfige Seemann in Anspielung auf seinen Ersten Bürgermeister Ole von Beust (CDU) spottet - Hamburgs Elbphilharmonie. "Mit 77 Millionen Euro Kosten fing das mal an", brummt der Kapitän, "Nun sind wir bei 323, und wer weiß, wo das noch endet." Er murmelt noch etwas wie "Wenn wir so bauen würden wie die...", dann schippert die Barkasse weiter in die Speicherstadt hinein und zum Grasbrook, wo dem Seeräuber Klaus Störtebeker vor 609 Jahren der Kopf abgehauen wurde.

Bürgermeister von Beust wird gewiss nicht auf dem Grasbrook enden. Doch gewaltige Kopfschmerzen dürfte er schon haben, wenn er an die bombastische Baustelle im Hafen denkt: Ein Traum sollte wahr werden, Hamburg den denkbar besten Konzertsaal der Welt bekommen. Ein architektonisches Juwel am Rand der neuen hippen Hafencity, ein neues Wahrzeichen neben dem Michel, das für Moderne steht, für den Einklang von Kultur und Pfeffersack, Kunst und Hafen. Ganz oben, ganz vorne wollten die Hanseaten in der Liga der Weltkonzerthäuser mitmischen - und das auch noch zum Schnäppchenpreis. Die Elbphilharmonie, ein Kunstwerk aus Glas, elegant und trotzig, es sollte auch das Krönchen werden auf von Beusts Regierungszeit.

Vielleicht wird es das ja einmal sein, rückblickend in hundert Jahren. Das will nicht einmal Peter Tschentscher ausschließen. Er ist ein nüchterner Mann, Oberarzt, SPD-Bürgerschaftsabgeordneter und wird ab Mai den Untersuchungsausschuss leiten, der klären soll, wie aus einer berückenden Idee eine Baustelle außer Kontrolle werden konnte, erst kopfloser Rausch, dann ein Alptraum aus Rechnungen, Kostensteigerungen, Umplanungen, Neuschätzungen und Juristengezänk.

"Man hat sich schlicht und einfach faszinieren lassen", sagt Tschentscher über die Zeit vor sieben Jahren, als der Hamburger Projektentwickler Alexander Gerard die Stadt mit der Idee von einem Konzertsaal auf dem ehemaligen Tee- und Tabakspeicher trunken machte. Damals rechnete man hin und her und kam auf maximal 77 Millionen Euro Kosten für Hamburg, wahrscheinlich weniger. Ein Schnäppchen.

Und es sollte geklotzt werden: Ein Konzersaal für 2150 Menschen, das Orchester in der Mitte, dazu noch ein kleinerer Saal mit 550 Plätzen, schließlich ein dritter. Außerdem ein Fünf-Sterne-Luxushotel, Edelgastronomie und 45 schicke Wohnungen, Wellness und Tiefgaragen.

Den Entwurf lieferte das Architektenduo Herzog & de Meuron aus der Schweiz, bekannt für ihren Vogelnestbau des Pekinger Olympiastadions oder die Arena des FC Bayern. Bauen sollte der Essener Konzern Hochtief. 2006 wurden Verträge unterschrieben. Es gab eine Machbarkeitsstudie des Hamburger Senats, wonach der Bau mittlerweile 204 Millionen Euro kosten sollte, wovon die Stadt 95 Millionen zu tragen hätte. Die Bürgerschaft stimmte zu, 95 Millionen, das klang immer noch nicht schlecht. "Alle waren dafür", erinnert sich Tschentscher.

Doch die Verträge taugten nichts. "Nicht wasserdicht", so Tschentscher. "Die Planung war nicht ausgereift." Kaum war unterschrieben, ging der Ärger los: Auf der einen Seite die weltberühmten Architekten, die nicht nur den tollen Entwurf geliefert hatten, sondern sich jetzt auch um die Ausführungsplanung kümmerten, die Details. Auf der anderen Seite das Bauunternehmen.

Es musste die Pläne umsetzen. Hamburg hatte mit beiden Verträge geschlossen, nur Unternehmen und Architekten, die hatten untereinander keine. "Es gab überhaupt keine synchronisierte Planung", sagt der Abgeordnete Tschentscher. "Den Architekten war egal, was alles kostet. Sie wollten Weltarchitektur. Und das Bauunternehmen stellte für alle Abweichungen Mehrkostenforderungen."

Es war, als hätte man zwei Hunde eine Metzgerei bewachen lassen. 2008, da ist sich Tschentscher sicher, war längst alles eskaliert, das wurde aber geheim gehalten, denn im Februar war Bürgerschaftswahl. Es gebe Probleme mit der Kühlung, hatte ihm der Senat auf Nachfragen versichert. Nichts Schlimmes, zwei bis drei Millionen Euro Mehrkosten. Peanuts also. Im November 2008, nach der Wahl, präsentierte der Senat dann die wahren Zahlen: Der Bau sollte 209 Millionen Euro mehr kosten. Auch der Fertigstellungstermin März 2010 war längst unhaltbar. Damals erwachte Hamburg aus seinem Rausch.

Mittlerweile rechnet man mit 2012 oder 2013, die Kosten für die Stadt sind auf 323 Millionen Euro hochgeschnellt. Der Senat hat das Bauunternehmen verklagt, die GAL beschimpfte den Konzern als "bösartige Heuschrecke" und Fraktionschef Jens Kerstan meinte im Radio, das Projekt sei wohl zu anspruchsvoll gewesen, was Hochtief wiederum eine "ganz üble Verleumdung" nannte.

Reichen 323 Millionen? "Das ist auf keinen Fall zu Ende", sagt Tschentscher. 400 Millionen Euro, tippt er, wird Hamburg zuschießen. Der Innenausbau, der eingehängte Konzertsaal, all das hat ja noch gar nicht begonnen, und Meister Yasuhisa Toyota, der weltbeste Akkustiker aus Japan, lässt auch schon munter ändern. Der Konzersaal soll mit etwa 10000 einzeln angefertigten, unterschiedlich dicken, unterschiedlich gewellten Gipsplatten ausgekleidet werden, jede anders, alle sollen dafür sorgen, dass ein unvergleichlich schöner Klang entsteht.

Und nichts darf stören, kein Geräusch, alles wird gedämmt, die Wasserrohre, die Böden, die Lüftungskanäle. Meister Toyota hat schon ankündigen lassen, dass hier und dort dickere Bleche nötig seien, andere Aufhängungen und deutlich mehr Kalziumsilikat als Dämmstoff. "Es gibt Fachleute, die sagen, das ist überhaupt nicht nötig", meint hingegen der Bürgerschaftsabgeordnete Tschentscher.

Irgendwann, mehr kann man derzeit nicht sagen, wird die Elbphilharmonie fertig. Erst dann wird man wissen, was das alles gekostet hat. Sie wird fantastisch aussehen, soviel steht auch fest. Die Barkasse "Zukunft" wird weiterhin Touristen zur Baustelle schippern. Und ihr brummiger Kapitän wird auch in Zukunft seine Gedanken über hanseatische Verschwendungslust zum Besten geben. An Details besteht ja kein Mangel: Zur Zeit werden die gewaltigen Fenster eingehängt: Über tausend Stück, jedes eine sündteure Einzelanfertigung mit gewölbtem Glas, unterschiedlicher Färbung und Dicke. Für Weltniveau eben.

Autor:  Bernhard Honnigfort
Datum:  27 | 4 | 2010
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