Vor beinahe 50 Jahren war ich in der Hauptstadt bei einem Fußballspiel im Nationalstadion, als ein mächtiges unterirdisches Grollen die sechzigtausend Fans in Angst versetzte und einige Sekunden später plötzlich die Berge verschwanden. Ich übertreibe nicht - das ganze Stadion fing an zu schaukeln, stieg in die Höhe und versperrte mir die Sicht auf die Anden. Dann hörte das Schaukeln glücklicherweise wieder auf, und das Stadion stabilisierte sich.
Wir waren gerade Zeugen der schwersten seismischen Aktivität geworden (9.6 auf der Richter-Skala), die jemals aufgezeichnet wurde. Schon bald erfuhren wir, dass das Epizentrum des Bebens 650 Kilometer von Santiago entfernt und das dortige Ausmaß der Zerstörung gewaltig war. Auf das Beben, das ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht und Tausende von Menschenleben gekostet hatte, folgte ein Tsunami, der entlang der Küste noch mehr Verwüstung anrichtete.
Ariel Dorfman ist ein chilenischer Schriftsteller und Dramatiker, der zwischen 1973 und 1990, den Jahren der Pinochet-Diktatur, im US-amerikanischen Exil lebte. Heute wohnt er zeitweise in Chile, zeitweise in den USA. Er wird in diesem Jahr in Südafrika die Mandela-Vorlesung halten.
Unseren Text übersetzte Andrian Widmann aus dem Englischen.
Monate später reiste ich in die Region und sah die Masten gesunkener Schiffe, die etliche Kilometer landeinwärts aus dem Valdivia-Fluss herausragten, und die Überreste von riesigen Eisenschmelzöfen in Corral, die von der Gewalt des Wassers bis zur Unkenntlichkeit verbogen worden waren. Die Zahl der Todesopfer war schockierend. Überlebende berichteten, wie flüchtende Männer, Frauen und Kinder wie Treibholz auf das Meer gewirbelt wurden.
All diese Erinnerungen kommen jetzt wieder, Jahrzehnte später, wenn ich erneut zusehen muss, diesmal aus der sicheren Entfernung meines neuen Zuhauses in Amerika, wie ein Erdbeben mein Land zerstört. Ich rufe mir die Erinnerungen an das Große Chile-Erdbeben von 1960 zurück, um das neue Beben in einen historischen Kontext zu stellen und mir selbst gewissermaßen einen zitternden Boden unter den Füßen zu schaffen, von dem aus ich versuche, die Bedeutung der jüngsten Ereignisse zu erfassen. Es ist geschmacklos, Katastrophen zu vergleichen, als ginge es um Spezialeffekte in einem Horrorfilm - diese hat so und so viele Milliarden gekostet und jene so und so viele Menschenleben. Trotzdem könnte eine Betrachtung der Dinge, die sich in dem halben Jahrhundert seit dem letzten Erdbeben in Chile verändert haben, uns zur Beantwortung der momentan wichtigsten Frage führen: Wie geht es weiter?
In Chile herrscht heute ein viel größerer Wohlstand als noch vor 50 Jahren. Seine Wirtschaft gilt als die dynamischste und am weitesten entwickelte in Lateinamerika - und das, obwohl die ungerechte Verteilung des Reichtums immer noch verheerende Folgen hat. Durch diesen relativen Wohlstand (das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist heute 15 Mal höher als 1960!) sind wir bei der jüngsten Katastrophe in der Lage, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, da uns jetzt personelle und technische Mittel zur Verfügung stehen, von denen wir damals nicht mal zu träumen wagten. Unsere wunderbare, bald aus dem Amt scheidende Präsidentin Michelle Bachelet ging sogar so weit, die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft als unnötig abzulehnen (seither hat sie ihre Meinung geändert, und ausländische Hilfsmaßnahmen sind jetzt im Gange).
Größerer Wohlstand, größerer Egoismus
Paradoxerweise wirken sich Chiles technologischer Fortschritt und sein Güterreichtum jetzt eher negativ aus; die vielen Autobahnen, die Masse an Flugzeugen, Autos und Hochhäusern machen Land und Leute verwundbar und die Wirtschaft anfällig. Je reicher man ist, desto tiefer kann man fallen. Je mehr Straßen man baut, desto mehr Risse im Asphalt gibt es auch. Der Reichtum wurde auch nicht ohne schwere soziale und ethische Konsequenzen erwirtschaftet. Im Jahr 1960 fand die Nation zusammen, um das Land neu aufzubauen. Ich brachte nach dem Erdbeben einen Monat damit zu, Geld, Nahrungsmittel, Decken und Matratzen zu sammeln, die zusammen mit einem Heer von eifrigen Freiwilligen (meist Studenten) in den Süden des Landes geschickt wurden. Es war eine Zeit, in der ich viel über Solidarität gelernt habe. Diejenigen, die selbst so schwer betroffen waren, gaben und taten so viel, opferten sich auf für ihre verletzten Landsleute.
Inzwischen herrscht in Chile größerer Wohlstand, aber auch größerer Egoismus. Heute haben wir eine individualistische Gesellschaft, die das Ideal der sozialen Gerechtigkeit aus den Augen verloren hat, wo der Einzelne ständig auf der Jagd nach immer mehr Konsumgütern ist, was zu Überbelastung und einem allgemeinen Desinteresse an sozialer und kultureller Ordnung führt.
Wie alle großen Unglücksfälle kann auch die derzeitige Tragödie in Chile als eine Prüfung gesehen werden, als eine Gelegenheit, uns selbst genauer zu betrachten und zu überlegen, was wir hier wirklich wieder aufbauen - nicht nur die zerstörten Krankenhäuser, beschädigten Straßen und gebrochenen Knochen, sondern auch unsere angeschlagene Identität.
Ich bin überzeugt, dass die Fähigkeit zur Solidarität und das Gefühl für die Gemeinschaft, die im Zuge des Erdbebens, das 1960 mein Land in Schutt und Asche legte, zutage traten, auch heute noch in den meisten Menschen vorhanden sind und dass auch diesmal vor allem diese Eigenschaften dazu beitragen werden, unser Land aus dem Chaos zu befreien - so wie es uns schon oft gelungen ist, wenn die Naturgewalten sich gegen uns stellten.
Vor 50 Jahren gelang es den Menschen in Chile, den Tod und die Zerstörung zu überwinden, und ich kann nur hoffen, dass uns das jetzt - unter großen Schmerzen, Mühen, aber auch mit Enthusiasmus - wieder gelingt.