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Erinnerungen an eine DDR-Szene: Blicke, die erwidert wurden

Ein säuerlicher Geruch strömte herein - "ah, der Osten", sagte der Verleger trocken und grinste. Wir Studenten, die Mitte der 80er in Berlin waren, wussten nicht, ob verächtlich oder genüsslich. Von Ina Hartwig

Berlin Prenzlauerberg, U-Bahnhaltestelle Ebeerswalder Straße.
Berlin Prenzlauerberg, U-Bahnhaltestelle Ebeerswalder Straße.
Foto: bilderberg

Dirk Nissen öffnete das Fenster. Seine Verlagsräume befanden sich in Kreuzberg, wenig entfernt stand die Mauer. Ein säuerlicher Geruch strömte herein, eine Mischung aus Kohle, gebranntem Kaffee und ätzendem Plastik - "ah, der Osten", sagte der Verleger trocken. Er grinste dabei verächtlich oder genüsslich, man konnte es nicht entscheiden. Wir, die Studenten der Geisteswissenschaften, die Mitte der achtziger Jahre aus Westdeutschland nach Westberlin gekommen waren, hielten die Weltgeschichte für stillstehend. Die ausdruckslosen Gesichter der Grenzsoldaten der DDR, die wir bei jedem "Transit" erblickten, widersprachen dem nicht. Ganz im Gegenteil, ihr Gebaren deuteten wir als Ausdruck von Ewigkeit.

Wer damals Unter den Linden den Vorplatz der Humboldt-Universität betrat mit dem Ziel, das ehrwürdige Gebäude zu besichtigen, den traf der eisige Blick des Pförtners. "Nur mit Genehmigung!" motzte er. Hingegen stand der Hugenottenfriedhof, wie Wolf Biermann den Dorotheenstädtischen Friedhof hingebungsvoll besungen hatte, jedermann offen. An einem nebligen Wintertag war man dort ganz allein mit den Gräbern von Brecht und John Heartfield. Selbst hätte man ein Geheimnis bei sich getragen, man hätte es niemandem anvertrauen können.

Auch so ein Erinnerungsfetzengeber. Sascha Anderson war Teil der alternativen Künstlerszene in Berlin-Prenzlauerberg. In den 90ern wurde er als Stasi-Spitzel enttarnt.
Auch so ein Erinnerungsfetzengeber. Sascha Anderson war Teil der alternativen Künstlerszene in Berlin-Prenzlauerberg. In den 90ern wurde er als Stasi-Spitzel enttarnt.
Foto: dpa

An anderen Tagen hieß das Ziel unserer Tagesausflüge in den Osten "Gastmahl des Meeres"; ein neonhelles Fischrestaurant nahe des Alexanderplatzes, wo die Krautsalat kauenden Soldaten der NVA sehnsüchtige Blicke auf die jungen Westmänner warfen. Blicke, die erwidert wurden.

Man sagt, der Westen habe im Osten eine unwiderstehliche Aura entfaltet. Aber das galt eben auch umgekehrt. Ein Freund, der regelmäßig hinüber fuhr, lieh der Studentin eines Tages eine Literaturzeitschrift mit Zeichnungen und Texten. Die Zeitschrift hieß "Schaden", zirkulierte in wenigen Exemplaren, wurde von Hand zu Hand gereicht. Der Freund hatte sein Exemplar aus Ostberlin mitgebracht: Mit einem Schwärmen in der Stimme erzählte er, wie die Menschen dort um einen Tisch säßen, darauf eine Teekanne, und stundenlang einfach nur sprächen. In "Schaden" stieß die Studentin das erste Mal auf den Namen Sascha Anderson.

Irgendwann, es ging auf 1989 zu, erlaubten die DDR-Grenzsoldaten sich plötzlich den Anflug eines Lächelns. Am 10. November, bei wolkenlosem Himmel, weinte Willy Brandt am Brandenburger Tor, und er weinte nicht allein.

Im Foyer des Deutschen Theaters trat wenig später Allen Ginsberg auf, dieser lebenspralle jüdische Amerikaner und schwule Sängerdichter. Er schlug temperamentvoll auf einem Holzklotz herum und rezitierte seine lüsternen Gedichte als rhythmisches Feuerwerk. Im ost-westlich gemischten Publikum saß ein Mann mit zerwuseltem Haarschopf und Nickelbrille. "Jeder Satellit hat einen Killersatelliten" hieß ein Gedichtband von ihm, verlegt im Westen der Stadt. Allen Ginsberg fand Gefallen an dem schweigsamen Ostdeutschen. Unbefangen strich er ihm übers Haar. Die zärtliche Geste ist den eifersüchtigen Augen anderer Dichter im Saal nicht entgangen. Sascha Andersons Enttarnung als Spitzel stand noch bevor.

Immer eine Plastiktüte dabei, hatte man Heiner Müller in Westberlin schon lange vor dem Mauerfall gesehen. Er besuchte regelmäßig die Paris Bar, rauchte seine Zigarren, schwärmte von einem tollen amerikanischen Romanautor (Pynchon?) und freute sich über die jungen Leute, die seine Gesellschaft teilten. In einem Plattenbau in Ostberlin war sein offizielles Zuhause, die Staatssicherheit - mit der er sprach, wie man längst weiß - passte genau auf ihn auf, den Wanderer zwischen den Welten. Als die Studentin ihm verriet, sie kenne nur ein einziges seiner Stücke und das sei sehr kurz, lachte Heiner Müller: "Es ist mein bestes!" Gemeint war "Herzstück", worin es heißt: "Ihr Herz ist ein Ziegelstein." "Aber es schlägt nur für Sie."

Als die Grenze endlich auch für die Normalsterblichen unter seinen Landsleuten offen war, soll der internationale Theaterstar Heiner Müller gemault haben. Seine Künstlerfreunde, die aus dem Westen, murmelten etwas von verlorener Utopie.

Anfang der Neunziger nach Paris eingeladen, stellte die Dichterin Elke Erb einer kleinen Runde in der Rue d´Ulm (wo einstens Paul Celan gelehrt hatte) ihre herrlich verspielten Gedichte vor. Sie sprach, wie es das Arbeitsgebiet des Instituts vorgab, über die Entstehung der Texte, ihr Keimen und Wachsen. Was für eine Erscheinung: die entrückte Sprache, die schneckenhafte Langsamkeit und die vollkommene Abwesenheit von Eitelkeit. Hinterher saß man in einem Café beisammen. Mit von der Partie: eine junge Deutsche, die sechs Monate vor dem Mauerfall aus Leipzig geflohen war und seitdem ihr Glück in Paris suchte. Sie verständigte sich ohne Worte mit der Dichterin aus der untergegangenen DDR, die dasaß mitten im Quartier latin und staunte wie ein Kind.

Sascha Anderson lebt heute fernab von denen, die er verriet (darunter Elke Erb). Man sieht ihn gelegentlich in Frankfurt am Main in Begleitung eines auffallend schönen Hundes.

Autor:  Ina Hartwig
Datum:  24 | 8 | 2009
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