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Ethnologie: Hier Mann, dort Känguru?

Ethnologie nach der Krise: Philippe Descolas Jensen hält in seinen Vorlesungen am Frobenius-Institut in Frankfurt unserer Kosmologie einen Spiegel vor. Von Robin Celikates

Wie Tausende andere Museen dieser Art hat das Naturkundemuseum im argentinischen La Plata zwei getrennte Stockwerke: Auf dem einen werden in schönster Ordnung Fauna und Flora präsentiert, auf dem anderen - sehr viel weniger übersichtlich - die Zeugnisse vergangener Kulturen. In dieser Aufteilung manifestiert sich nicht allein die mangelnde Fantasie der zuständigen Museumsdirektoren. Folgt man dem französischen Ethnologen Philippe Descola, ist sie ein Spiegel unserer Kosmologie, und zwar in doppelter Hinsicht: Über der majestätischen Basis der einen Natur erhebt sich das Chaos der Kulturen - und beide Sphären sind säuberlich voneinander getrennt.

Dass dieser Dualismus, so natürlich er uns erscheinen mag, historisch und kulturell spezifisch statt universell ist, war die Pointe der ersten von Descolas Jensen-Gedächtnisvorlesungen am Frankfurter Frobenius-Institut. In ihnen hat sich der Schüler des großen Ethnologen Claude Lévi-Strauss - und dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl am renommierten Collège de France - vorgenommen, die Produktivität des von ihm maßgeblich geprägten Programms einer vergleichenden Anthropologie der Natur unter Beweis zu stellen.

Der logische Skandal

Dank menschengemachtem Klimawandel, genetischer Manipulation und der Entdeckung (proto-)kultureller Praktiken etwa unter Schimpansen ist inzwischen auch dem Laien klar, dass sich Natur und Kultur nicht mehr so einfach auf unterschiedliche Stockwerke verteilen lassen. Für die Ethnologie ergibt sich daraus eine Identitätskrise, ist sie doch einst entstanden, um den logischen Skandal zu erklären, dass einige Völker die Grenzen zwischen der menschlichen Kultur und der nicht-menschlichen Natur partout nicht akzeptieren wollten - wie jene Aborigines, die daran festhalten, Känguru-Männer zu sein.

Descola will diese Krise nutzen, um die Ethnologie neu auszurichten - und zwar auf jene Identifikationssysteme, die der Unterscheidung von Natur und Kultur vorausgehen, die für unser naturalistisches Weltbild konstitutiv ist. Im Animismus etwa werden trotz unterschiedlicher körperlicher Gestalt psychische Kontinuitäten zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen angenommen; im Totemismus verwandtschaftliche und körperliche Beziehungen über Speziesgrenzen hinweg; und im Analogismus eine sich im Kleinen wie im Großen spiegelnde Ordnung in der Mannigfaltigkeit der Welt.

Wer hier ungläubig nach der Relevanz dieser alternativen Klassifikationssysteme fragt, muss sich von Descola nicht nur über andere Zeiten und andere Kulturen (mehr oder weniger: den Rest der Geschichte und der Welt), sondern auch über sich selbst aufklären lassen: Wir sind zwar alle Naturalisten, oft genug ertappen wir uns aber etwa bei quasi-animistischen Interaktionen mit der Katze des Nachbarn, unserem Computer oder abwesenden Personen.

Als moralische Verurteilung des Dualismus von Natur und Kultur möchte Descola seine Analysen nicht verstanden wissen; schließlich hat diese Trennung eine enorm produktive Dynamik in den Natur- ebenso wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften freigesetzt. Das Plädoyer für einen gesunden Relativismus, für eine Anerkennung der Legitimität unterschiedlicher Kosmologien ist ihm dennoch ein Anliegen. Vielleicht sei es für einen Jäger ja sinnvoller, seine Welt animistisch und nicht naturalistisch wahrzunehmen.

Aber wie frei steht uns die Einnahme einer solchen Perspektive, und kann man sich zu Weltbildern überhaupt auf diese Weise verhalten? Der Ethnologe kann vermutlich schon zufrieden sein, wenn er ein Bewusstsein für die Pluralität der hier möglichen Perspektiven zu wecken vermag. Selbst wenn sich die Trennung von Natur und Kultur als hartnäckig erweisen sollte, würden so zumindest die Naturkundemuseen fantasievoller gestaltet werden. In den nächsten Wochen kann man noch miterleben, wie Descola seine Anthropologie der Natur - die uns, wie jede gute Ethnologie, in der Konfrontation mit dem Anderen auch mit uns selbst konfrontiert - an den Fragen der Verwandtschaft, des Rituals und der Rolle von Bildern ausführt.

Frobenius-Institut, Frankfurt: 8., 15., 16., 22. und 29. Juni.

Autor:  ROBIN CELIKATES
Datum:  3 | 6 | 2009
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