Im Grunde ist dieser Abend zum Weglaufen. Aber wohin denn nur? Weit weg, in die Waldeinsamkeit? Oder unter gute Freunde, in die Gemeinschaft aus Gleichgesinnten, unter Menschen, die im gleichen Takt fühlen? Aber auch die warten morgen Abend schon mit Schnittchen und Bierchen, dazu Erdnüssen auf die hohle Hand. Am Samstag Abend versammelt sich die Nation vorm Fernseher, es geht um den Staatsempfang für Lena Meyer-Landrut.
Zu diesem Zweck stehen gewisse Rituale bereit, und wie jeder Kult, der sich verselbständigt hat, wird auch dieser äußert ernst genommen. Der Wettbewerb, für den aktuell das Markenzeichen des Eurovision Song Contest gilt, lebt von einem ungeheuren emotionalen Engagement. Dazu zählt das rücksichtslose Hineinhorchen in den eigenen Körper, warum, so geistlos die Gesamtveranstaltung auch ist, das Fleisch dennoch immer wieder dermaßen schwach wird? Das hat wohl mit der Nahrungskette des Pop-Kults zu tun. Gehört doch zu ihr die Produktion von Sternchen und deren Konsum, wobei der Konsum auf besondere Weise den Kannibalen im Konsumenten anspricht.
Mag die Lust am Gemetzel auf diesem öffentlich-rechtlichen Sende-Richt- und Opferplatz ungeheure Dimensionen offenbaren, verschwiegene, umstrittene, wenig zivilisierte, nicht zitierfähige - zweifellos animiert der Eurovision Contest seine Augen- und Ohrenzeugen zum Outing. Was dem nationalen Masochismus (Germany: one Point) so wenig gleichgültig ist wie dem Patriotismus (Germany: twelve Points), ist der Drang, sich dem Trash rücksichtslos hinzugeben.
Am Anfang standen die Eulenspielgeleien des Guildo Horn
Es mag Millionen Menschen geben, die diesem Schrott in tiefgläubiger Hingabe zugetan sind, auch mag es weiterhin kleine Restbestände von Menschengruppen in diesem Land geben, denen dieser Abend, sein Ritus aus Arie und Rezitativ, aus gesanglichem Vortrag und kommentierendem Nachtrag, vollkommen gleichgültig ist. Das sollte nicht untergehen, und das ist schon deshalb bemerkenswert, weil seit geraumer Zeit bereits alles unternommen wird, um dieser Veranstaltung einen Sinn abzugewinnen, einen neuen Sinn, der nicht schon deshalb ein tieferer Sinn ist.
Wohl am Anfang, so erzählen es alte Chroniken, standen die Eulenspiegeleien eines Guildo Horn, 1998 war das. Mit einem Liedchen wurde an Parodiepotential fest geglaubt: "Guildo hat Euch alle lieb". Dass es mit diesem wahrhaftig göttlichen Segen dann doch nicht so weit her war, zeigte die Nominierung der nachfolgenden Titel. Deutschlands Beitrag, trotz der einen oder anderen Verhohnepiepelungsanstrengung, fand heim, zurück zur Dreieinigkeit aus Schnulze, Schmalz, Schwulst.
Ironie imprägniert gegen das schlechte Gewissen
So sehr der Kitsch Zeremonienmeister des Grand Prix Eurovision blieb - zum Umgang mit dem TV-Angebot zählt seitdem die Ironie. Sie mag vielerlei Motive haben, ernste, bitterernste, bierlaunige - die Ironie, so hat es sich vor deutschen TV-Geräten eingebürgert, ist die Lizenz, um sich zum Trash positiv zu verhalten. Ironie, eine sonst sehr heikle Angelegenheit, ist zu einer knallharten Strategie geworden.
Ironie ist zum Habitus geworden, um diesen Abend als Heimatabend, an dem für das Pathos Deutschlands Ansehen auf dem Spiel steht, begehen zu dürfen. Ironisch ist die Pose, um nicht pathetisch aus dem Rahmen zu fallen. Ironie imprägniert gegen das dumme Gefühl oder ein schlechtes Gewissen. Der Eurovision Song Contest ist eine Entdeckung der Extreme: Glaubensdogma oder Ironiediktat.
Bereits das Arrangement aus Käseigel, Salzlette oder Bierdeckel, im authentischen Stil der Adenauerära, wird in manchem Partykeller als fröhliche Subversion begriffen. Um nicht am eigenen TV-Gerät einsam abseits zu stehen, verabreden sich Freunde und Bekannte, es soll, auch im bildungsbürgerlichen Segment der Gesellschaft, regelrecht zu Partys kommen. Privates Vergnügen nach dem Vorbild des Publicviewings.
Eine Liturgie aus Gesang und Gezappel
Wenn zur Kernkompetenz auch dieser öffentlich-rechtlichen Fernsehshow immer wieder Kunstnebel (wallend), Windmaschine (blasend) und Kunstschnee (rieselnd) gehören, stößt das nicht etwa millionenfach ab, ganz im Gegenteil, man sieht dem Gothic-Gewese gern zu, wie überhaupt einer Liturgie aus Gesang und Gezappel, Musik und Mimik, Chor und Choreografie, ja, eins kommt zum anderen, es ist dann wie beim Reimen, und jedes Detail vervollständigt ein Europa beherrschendes semiotisches System.
Alljährlich kommt dieses System über das europäische Haus wie eine Heimsuchung. Schicksal eben! Wird dagegen Widerspruch laut, dann kann sich die Zähigkeit, mit der das Ritual verfolgt wird, auf die Ironie, mit der es verteidigt wird, verlassen. Und das ist dann tatsächlich so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, denn von welcher der sieben Plagen der Samstagabendunterhaltung lässt sich sagen, dass die Ironie ihr so feierlich zugetan ist, so unverwüstlich. Damit soll nicht gesagt werden, dass die Ironie unumschränkt walten könnte.
Boulevardblätter sprachen von der Balkanisierung Europas
An dieser Stelle ist es Zeit, an vergangene Punkteverteilungskämpfe in diesem Wettbewerb zu erinnern. Gerade an den Rändern Europas schien jahrelang das Punktezuschanzen Usus. Die Praxis erklärte wiederum den Brauch, sich über den Usus aus einer mitteleuropäischen Perspektive zu erregen. Das galt in besonderem Maße für die Boulevardblätter, in denen sich, sobald der Heimatlandbeitrag ein weiteres Mal leer ausgegangen war, Hinweise auf eine Balkanisierung Europas verdichteten. Gerade die Kulturkampftage nach dem Grand Prix waren dann bei uns keine Tage der Ironie mehr.
Nun ist ein offensichtlich lächerliches Wertesystem einer Neuregelung unterzogen worden. Um der Manipulation keine Chance mehr zu geben, wurden für das Abstimmungsprocedere (Germany ...) Anstrengungen unternommen, um eine Farce zu beenden. Doch mit welchen Folgen für die Ironie bisher? Lange wollte man dem Gedanken etwas abgewinnen, dass kaum etwas so kitschresistent mache wie die Ironie. Ein schöner Gedanke, aber ist das noch so? Es tut sich mit dem morgigen Abend ein Abgrund auf.