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Evolutionstheorie: Menschen und andere Tiere

Die Verhaltensbiologie zwingt uns, Grenzen zwischen Mensch und Tier neu zu überdenken. Doch fällt es leichter, sich als Basis-Version eines Engels zu begreifen, statt als Turbo-Version eines Affen.

Die Schimpansin Fifi an ihrem 60. Geburtstag im  Taronga Zoo am 21. May 2007 in Sydney, Australiien.
Die Schimpansin Fifi an ihrem 60. Geburtstag im Taronga Zoo am 21. May 2007 in Sydney, Australiien.
Foto: Ian Waldie/Getty Images

Wir sind Wesen mit Geschichte. Das aber teilen wir mit aller Kreatur jedenfalls, wenn wir den Begriff Geschichte nicht einengen auf die letzten paartausend Jahre Kultur-Geschichte, sondern die Jahrmilliarden Jahre währende Natur-Geschichte hinzu nehmen. Dementsprechend zweifeln aufgeklärte Zeitgenossen auch nicht mehr an, dass wir über einen äonenalten Strom mit anderen Lebensformen verbunden sind. Gleichwohl fällt es leichter, sich als Basis-Version eines Engels zu begreifen, statt als Turbo-Version eines Affen. Und so unterscheiden wir quasi reflexhaft "Menschen" von "Tieren" nicht nur in unserer Alltagssprache, sondern auch, indem wir beflissen Human- oder Kulturwissenschaften von Naturwissenschaften trennen.

Dabei wurde die Tier-Mensch-Trennung bereits mit Ausformulierung der Evolutionstheorie vor anderthalb Jahrhunderten fragwürdig. Zunächst belegte die vergleichende Anatomie, dass die Grenze unscharf ist. Ähnlichkeiten im Körperbau sind, im wahrsten Wortsinne, nicht von der Hand zu weisen denn sowohl Makaken wie Menschen besitzen fünf Finger an jeder Hand, samt Hautleistenmustern und Plattnägeln. Dass unsere "hardware", also unser Körperbau, der eines Tieres ist, lässt sich allerdings leichter akzeptieren als die andere Konsequenz der Evolutionsbiologie: dass unsere "software" eine Geschichte hat, unsere "geistigen" Dimensionen, die sich in Denk- und Verhaltensmustern äußern.

Zum Autor

Volker Sommer ist Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London. Zum Thema hat er veröffentlicht: "Schimpansenland", C.H. Beck 2008; "Darwinisch denken" Hirzel 2007; "Biologie in unserer Zeit", Heft 3/2009.

Entsprechend begriffen frühe Vertreter der darwinschen Theorie den Menschen zwar als Tier, betonten jedoch "einmalige" Charakteristika wie Sprache, Technologie oder Kultur und behaupteten so eine "Sonderstellung" des Menschen. Allerdings wurde das Konzept der Einzigartigkeit durch Fortschritte der Verhaltensbiologie relativiert. Trennungen bleiben in Mode, bis ein nicht-menschliches Tier entdeckt wird, das das leistet, was allein die Krone der Schöpfung auszeichnen soll. Verhaltensbiologen wurden damit so etwas wie Gleichstellungsbeauftragte zwischen Menschen und anderen Tieren.

Nehmen wir den berühmten Homo faber. Demnach macht Werkzeugbenutzung das spezifisch Menschliche aus bis die britische Primatologin Jane Goodall beobachtete, dass wilde Schimpansen Zweige zurichten, um damit nach Insekten zu angeln. Reaktion der Tier-Mensch-Dualisten: Die Messlatte wurde höher gelegt. Zu den revidierten Behauptungen gehörte: Allein Menschen fertigen Geräte voraus- schauend an, bewahren sie für erneute Benutzung auf und können verschiedene Artefakte in logischer Folge einsetzen. Neuere Befunde der Freiland-Primatologie widerlegen dies. Nehmen wir jenen wildlebenden Schimpansen, der sorgfältig Vegetationsteile auswählt, und sie, mit offenbar in die Zukunft gerichteter Intention, über weite Strecken zum Einsatzort transportiert. So, wie wir dem Werkzeugkasten verschiedene Schlüssel entnehmen, werden die Geräte dann nacheinander eingesetzt, um an Honig zu gelangen, der in unterirdischen Bienennestern lagert oft mehr als einen Meter tief verborgen. Zunächst kommt eine dünne, starre "Probebohrungs-Sonde" zum Einsatz, dann ein dicker, fester "Grab-Stock", gefolgt von einem biegsamen "Angel-Stock". Schließlich wird ein "Honig-Löffel" hergestellt. Dazu wird das Ende eines Werkzeugs bürstenartig aufgefächert was die Oberfläche vegrößert und damit die Ausbeute.

Bienen nisten gern in Baumhöhlen. Schimpansen zeigen wiederum große Geduld, um diese Behausungen aufzubrechen und hämmern mit Knüppeln oft mehr als tausendmal darauf ein. Zeitweilig beginnen sie diese Arbeit morgens, unterbrechen über Mittag, und fahren am Nachmittag fort. Außerdem legen sie geeignete Hölzer in den Baumkronen für zukünftige Wiederbenutzung ab.

Zu den zäheren Versuchen, das Einzigartige der conditio humana zu belegen, zählt die Behauptung, allein Menschen seien "kulturfähig". Was aber macht eine Kultur aus? Zu den klarsten Kriterien zählt, dass Menschen je nach Wohnort unterschiedlichen Sitten folgen. Wir wissen jedoch, dass sich auch die Gebräuche von Tierbevölkerungen je nach Lebensraum unterscheiden können.

In den Gewässern von Monkey Mia vor Australien spießen beispielsweise Delfine mit ihren spitzen Kiefern Schwämme auf, mit denen sie anschließend den sandigen Untergrund nach Nahrung durchkämmen. Das "Schwammfischen" findet sich nur hier. Seeotter beuten Nahrung gleichfalls unterschiedlich aus. Entlang der kalifornischen Küste paddeln sie rückwärtig auf dem Wasser, balancieren dabei eine Muschel auf dem Bauch, und zertrümmern sie mit einem in den Vorderpfoten gehaltenen Stein. Otter weiter nördlich zeigen diese Technik nicht.

Wie zu erwarten sind speziell auch Affen im Sinne der lokalen Variation von Verhalten "kulturfähig". So kommen in manchen Gruppen von Kapuzineraffen in Costa Rica periodisch bizarre Spiele in Mode. Dabei werden ausgewählten Partnern die Zehen gelutscht, ihnen werden Finger in die Nase gesteckt oder gar unter Augäpfel geschoben. Die Penetrationen sind sicherlich nicht unbedingt angenehm, erfordern aber einiges Vertrauen. Genau das ist wohl die Funktion der Intimitäten: Wer sie teilt, signalisiert Bereitschaft zu Allianz in anderen, meist aggressiven Kontexten.

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Autor:  Volker Sommer
Datum:  10 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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