"Das schwäbische Bad" heißt eine frühe Erzählung von Herta Müller, in der die Literaturnobelpreisträgerin die sprichwörtliche schwäbische Sparsamkeit auf skurrile Weise mit den eher problematischen Reinlichkeitspraktiken ihrer Landsleute verknüpfte. Die Banater Schwaben, eine bereits im 17. Jahrhundert in Osteuropa angesiedelte Volksgruppe, in der Herta Müller im rumänischen Nitzkydorf aufwuchs, konnten ihrer Aufnahme in die Weltliteratur eher wenig abgewinnen. Nachdem ihr erstes Buch erschienen war, wurde Müller für die vermeintliche Schmähung ihrer Landsmannschaft beschimpft und sogar auf offener Straße angespuckt.
Im Zusammenhang mit der Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller war zuletzt häufig von den Banater Schwaben die Rede. Nicht immer ging es dabei nur um das Schließen volkskundlicher Wissenslücken. Der Schriftsteller Richard Wagner warf der Landsmannschaft unlängst vor, noch immer aktive Spitzel des berüchtigten rumänischen Geheimdienstes Securitate in ihren Reihen zu haben. So tauche der ehemalige Kulturreferent der Banater Schwaben in den Akten der Securitate unter dem Decknamen "Sorin" auf. Die Beteiligung der Landsmannschaft an der Verfolgung, Verleumdung und Diskreditierung von Herta Müller und anderen Schriftstellern, so Wagner, müsse endlich aufgeklärt werden.
Mit Fällen wie diesem hätte sich in Zukunft gewiss auch die Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung auseinanderzusetzen, die parallel zum schrillen Streit um die Besetzung eines Ratssitzes mit Erika Steinbach ihre Arbeit aufgenommen hat. Wenn jedoch aus dem politischen Theater, das sich inzwischen in viele Nebenrollen verzweigt hat, noch ein gesellschaftlicher Lerneffekt hervorgehen soll, dann muss endlich über den Sinn und die Inhalte einer solchen Stiftung mit angeschlossener Gedenkstätte debattiert werden.
Für Erika Steinbach und den im Bund der Vertriebenen (BdV) zusammengeschlossenen Vertretungen der Landsmannschaften scheint die Sache klar zu sein: Nach über einem halben Jahrhundert soll ein Zeichen her, in dem die gesellschaftlich lange als illegitim betrachtete Darstellung der Leidensgeschichte der Vertriebenen einen sichtbaren Ausdruck erhält. Der zeitliche Abstand und die Sicherung eines oft widersprüchlichen historischen Wissens haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass die Geschichte der Vertriebenen ihren Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen gefunden hat.
Man muss nicht so weit gehen, im Steinbachschen Beharren eine Verklärung der Tätergeschichte und die Verfestigung einer Opfererzählung zu vermuten. Ganz sicher aber geht es um Deutungshoheit. Die Vertriebenenverbände tun sich schwer damit zu akzeptieren, dass die Geschichte, aus der sie oder ihre Vorfahren als Betroffene hervorgegangen sind, nun aus vielerlei Blickwinkeln noch einmal ganz neu und ganz anders erzählt werden soll.
Genau darin aber muss die Aufgabe der Forschungseinrichtungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung bestehen. Sie wird nach Darstellungsformen dessen suchen müssen, was war. Aber es wird auch nachzuerzählen sein, was sich daraus entwickelt hat. Zur historischen Darstellung der Vertreibung, deren Ursachen und Folgen, gehört letztlich auch die Geschichte der Vertriebenenverbände und ihre Rolle in der bundesrepublikanischen Geschichte, die, wie das Beispiel von der Landsmannschaft der Banater Schwaben zeigt, auf sehr unterschiedliche Weise über das Kriegsende hinaus in gelebte Biographien eingegriffen hat. Schon der Name der Stiftung verweist auf eine Prozesshaftigkeit, die kein in Stein gegossenes Geschichtsbild zulässt.
Noch einmal werden in den nächsten Wochen die Stäbchen eines politischen Mikadospiels aufs Brett geworfen. Wer zuerst wackelt, hat verloren. Das war bereits in den vorausgegangenen Runden ein ermüdendes, ein unwürdiges Spiel. Vielleicht ist die Politik aber gar nicht an der Reihe. Wenn die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung eine gesellschaftliche Relevanz erhalten soll, dann muss der Öffentlichkeit zunächst klar gemacht werden, was von dieser Einrichtung zu erwarten ist. Die gesellschaftliche Akzeptanz einer so trockenen Institution wie einer Stiftung wäre wohl auch die letzte Chance für Erika Steinbach und die Vertriebenenverbände. Anstelle der Aussicht auf kleine politische Siege bekämen sie die Möglichkeit, der allmählichen Historisierung ihres Betroffenheitsstatus zu entgehen und ihr Anliegen in eine lebendige Einrichtung zu überführen. Wenn die Vertriebenenfunktionäre daran festhalten, alles bestimmen zu wollen, bekommen sie am Ende gar nichts. Ohne gesellschaftliche Akzeptanz der Stiftung werden die Anliegen der Vertriebenen bald so abgestanden sein wie das Wasser des schwäbischen Bads.