Ähnliche Fragen wirft der Fall des Nigerianers Umar Farouk Abdulmutallab auf. Der Mann stand mitsamt seiner Unterhose bereits in Flammen, als sich der Werbefilmer Jasper Schuringa, der mehrere Reihen hinter ihm saß, auf ihn warf und das Feuer mit bloßen Händen löschte. Wir alle bewundern diesen jungen Mann für seine Tat und fragen uns, ob wir in einer vergleichbaren Situation den gleichen Mut gezeigt hätten. Trotzdem muss die Erkundigung erlaubt sein, warum der Sprengstoff nicht explodierte - wurde die Explosion, wie es immer wieder in den Medien heißt, "vereitelt", oder lag ein technischer Fehler vor? Im zweiten Fall würde das Adjektiv "gescheitert" oder "dilettantisch" der Wahrheit näherkommen. Das Wort "vereitelt" müsste dem Versuch einer Panikmache seitens der Sicherheitsbehörden zugeordnet werden.
Im Internet melden sich selbsternannte Sprengstoffexperten mit der Meinung zu Wort, die Sprengladung von Umar Farouk Abdulmutallab hätte ohne einen geeigneten, hochempfindlichen Initialsprengstoff gar nicht zur Explosion gebracht werden können. Mangels einer solchen Initialzündung hätte der Attentäter seine Ladung allenfalls durch einen wuchtigen Hammerschlag zünden können. Aber ein Hammerschlag in diese Körpergegend? Und wie den Hammer an Bord bringen?
Wie immer, wenn ich im Internet herumlese, habe ich keine Ahnung, was Fakt und was Meinung ist. Aber Sie, lieber Leser, wissen Sie, was richtig ist? Es wäre schön, wenn uns die von uns bezahlten Sicherheitsbehörden mit einer fachkundigen Auskunft versorgen würden. Natürlich würde der Bescheid, dass die Ladung des Attentäters in der Delta-Maschine gar nicht explodieren konnte, den Heldenmut von Jasper Schuringa nicht im Geringsten schmälern. Er würde auch die Einschätzung der Gefahr, in der sich die Passagiere des Deltafluges am 25. Dezember 2009 befanden, nicht grundsätzlich ändern. Leider ist damit zu rechnen, dass zukünftige Attentäter das Problem, Plastiksprengstoff mit einem geeigneten, körpernah transportierten Initialsprengstoff zu zünden, meistern werden.
Aber eine rückhaltlose Auskunft würde mit der jahrelangen Praxis der Sicherheitsbehörden brechen, Fluggäste mit dem Verweis auf eine ständig drohende überwältigende Gefahr als Unmündige zu behandeln, die in Belangen ihrer eigenen Sicherheit nichts zu fragen und gefälligst zu gehorchen haben. Sicherheitsbehörden genießen inzwischen eine falsche, nahezu absolute Autorität - entsprechend unverschämt ist denn auch der Ton vieler Beamter.
Keine Scherze
Eigentlich sollten fliegende Bürger, zu deren Wohl die Sicherheitsmaßnahmen dienen, ein Wörtchen dabei mitzureden haben, wie viele ihrer Rechte sie zugunsten ihrer Sicherheit aufzugeben gewillt sind. Denn es liegt doch auf der Hand, dass die Fähigkeit von Sicherheitsbehörden, die Sicherheit von Fluggästen zu garantieren, endlich ist. Einige Sicherheitsmaßnahmen sind wahrscheinlich ganz einfach sinnlos und dienen nur der Einübung des Gehorsams. Seit Jahren fragen sich Passagiere wie ich, welche Verheerungen sie mithilfe einer Nagelschere oder einer Nagelfeile in einem Flugzeug anrichten könnten.
Ein weiteres Kapitel ist das Verbot der Mitnahme von Flüssigkeiten über 100 Gramm; seit Jahren geht das Gerücht, dass europäische Experten es für überflüssig halten. Aus den USA kommt nun der Vorschlag, die Fluggäste sollten ihre Plätze eine Stunde vor der Landung nicht mehr verlassen dürfen. Wie üblich wird keine Begründung gegeben - man kann nur spekulieren, ob es sich um eine Reaktion auf die Gewohnheit von Terroristen handelt, 59 Minuten vor der Landung aufzustehen und ins Cockpit zu stürmen oder um einen Anschlag gegen ältere Passagiere mit Harndrang.
"Dont joke about security, you could get arrested" warnte ein - inzwischen wieder abgehängtes - Spruchband im JFK-Airport von New York. Also ganz ohne Spaß: Das Verbot, ab einer Stunde vor der Landung die Toilette zu benutzen, kann eigentlich nur dazu führen, dass ältere Passagiere ihre Transatlantik-Flüge künftig in Windeln werden antreten müssen. Weil aber gerade ältere Fluggäste vergesslich oder auch trotzig sind, wird es gerade in den teuren Klassen, in denen sich ältere Fluggäste konzentrieren, in der Stunde vor der Landung ziemlich nass werden.
Peter Schneider, geboren 1940, hat zuletzt veröffentlicht: "Rebellion und Wahn. Mein ´68" (Kiepenheuer und Witsch).