Die Sicherheitsbehörden der westlichen Welt haben sichtlich Mühe, mit den Ideen islamistischer Terroristen für den körpernahen Transport von Sprengstoff in zivile Flugzeuge Schritt zu halten. Man kann nicht behaupten, dass diese Ideen sonderlich originell sind - bislang folgen sie einer vorhersehbaren vertikalen Logik.
Der Brite Richard Reid hatte sozusagen unten angefangen - vor acht Jahren hatte er, am 22. Dezember 2001, 50 Gramm Sprengstoff im Absatz seines Turnschuhs versteckt und versucht, ein Flugzeug der American Airlines in die Luft zu sprengen. Dank des Eingreifens einer beherzten Stewardess und einiger Passagiere wurde er gestellt und an seinen Sitz gefesselt. Der am 25. Dezember 2009 ebenfalls von Passagieren überwältigte Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab hatte 80 Gramm in seine Unterhose eingenäht. Stolz präsentierte die Bildzeitung ihren Lesern die angesengte Unterhose des Attentäters mit der Ablichtung eines 15 Zentimeter langen Sprengstoffpäckchens - der Inhalt, vermerkte Bild diskret, passe in eine Teetasse.
Unklar blieb, wie es zu der ursprünglichen Fehlmeldung in den Medien kam, der Attentäter habe sein Mitbringsel am Bein getragen. Es wäre nicht das erste Mal, dass das Wort Bein im Angelsächsischen aus Scham für einen gewissen pars pro toto oberhalb des Beins einspringen musste. Mit der Scham ist es angesichts des letztgenannten Verstecks vorbei - die vieldiskutierten Ganzkörper-Scanner werden kommen. Die Niederländer, die den Attentäter an Bord der Delta-Maschine gelassen hatten, haben die neuen Apparate bereits eingeplant. Wahrscheinlich werden sie Millionen von Unterhosen durchleuchten - der zwingenden Annahme folgend, dass jedem aufgeflogenen Attentäter zwanzig weitere folgen, die es mit demselben Trick probieren.
Nur: Wer hatte hier eigentlich versagt? Bedurfte es wirklich eines Nacktscanners, um einem nigerianischen Studenten, den sein eigener Vater bei der CIA als einen potentiellen Attentäter angezeigt hatte, das Betreten der Delta-Maschine zu verweigern? Allein das menschliche Drama des tapferen Vaters, der von seinem Sohn eine letzte E-Mail Botschaft erhalten hatte: "Vergib mir, falls ich etwas Falsches tue. Ich bin nicht länger dein Kind", hätte Eindruck bei den amerikanischen Sicherheitsbehörden machen müssen. Wozu füllen Millionen von Einreisewilligen bereits Tage vor der Abreise brav Formulare aus, wenn ein Hochverdächtiger, der der CIA bereits bekannt war, durchgewunken wird?
Ich möchte gern glauben, dass die neuen Scanner in der Lage sind, eine Sprengladung auf PETN-Basis in der Unterhose zu erkennen - britische Sicherheitsexperten bezweifeln es. Aber werden diese Scanner den Innovationen des körpernahen Sprengstofftransports gewachsen sein, die wahrscheinlich kommen werden? Kann man 80 Gramm Sprengstoff, wie es die Kokainboten Lateinamerikas vorgemacht haben, nicht verschlucken - und die Spitze eines Zündkabels im Bauchnabel unterbringen? Oder den Sprengstoff, statt in eine Unterhose in die Hoden einnähen? Oder ihn unter die Schädeldecke platzieren und durch die Nase zünden? Warum sollten künftige "Masters of destruction" in Vorfreude auf die siebzig Jungfrauen im Paradies nicht auch die inwendigen Körperverstecke nutzen? Eine Sicherheitsbehörde, die es ernst meint, kann sich nicht mit dem Blick auf die nackte Haut des Passagiers begnügen, sie muss auch seine Innereien und seinen Kopf einsehen. Auf die Dauer wird man ohne eine Computer-Tomographie nicht auskommen.
Überflüssiger Schuh-Check
Aber bevor wir die neuen und die kommenden Sicherheitsmaßnahmen abnicken, dürfen wir ein paar Fragen stellen.
Seit dem Attentatsversuch von Richard Reid, seit acht Jahren also, ziehen amerikanische Passagiere in amerikanischen Flughäfen bereitwillig ihre Schuhe aus und lassen sie röntgen, bevor sie ihre Maschine betreten. Diese Praxis war auch in Europa lange üblich; vor ein paar Jahren wurde sie ohne Angabe von Gründen eingestellt. Ich kenne Amerikaner, die sich in Europa schon deswegen unsicher fühlen, weil ihre Schuhe hier nach dem Einchecken nicht kontrolliert werden. Warum, fragen sie mich, seid ihr in Europa so leichtsinnig mit den Schuhen?
Ich gebe zu, dass ich ratlos bin. Eigentlich kommen nur zwei Gründe in Betracht. Entweder lassen die europäischen Sicherheitsbehörden ihre Fluggäste wissentlich ins potentielle Unglück laufen, oder sie haben gute, wissenschaftliche Gründe, auf eine spezielle Schuh-Kontrolle zu verzichten. In diesem Fall müsste man die amerikanischen Sicherheitsbehörden verdächtigen, dass sie ihre Fluggäste seit Jahren einer Prozedur unterwerfen, die so überflüssig ist wie die Impfung gegen die Schweinegrippe.
Um die Frage auf den Fall des Schuhbombers Richard Reid anzuwenden: Warum genau konnte er die Ladung im Absatz seines Turnschuhs mit seinen Streichhölzern nicht entzünden? War dies dem heldenhaften Eingreifen der Stewardess und der Passagiere zu verdanken oder konnte die Ladung aus technischen Gründen gar nicht explodieren? Waren die europäischen Sprengstoffexperten zu der Erkenntnis gelangt, dass vom Turnschuh Reids - und von künftigen geladenen Turnschuhen - keine ernst zu nehmende Gefahr ausging? Oder waren sie ganz einfach, wie Amerikaner es Europäern gern unterstellen, faul und unverantwortlich?