Nein, es ist kein Zufall, dass Argentinien im kommenden Oktober als Gastland der Frankfurter Buchmesse auftreten wird. Das lateinamerikanische Land feiert den 200. Jahrestag der Mai-Revolution, die einst den Beginn seiner Unabhängigkeit markiert hat.
Und zugleich hat jetzt, mit mehr als zwei Jahrzehnten Verzögerung, die politische und juristische Aufarbeitung der Militärdiktatur der 70er Jahre begonnen. Die argentinische Botschafterin in Deutschland, Magdalena Faillace, erwähnt allerdings bei der ersten Präsentation des Ehrengast-Auftritts im Herbst, der traditionell bei der Leipziger Buchmesse organisiert wird, die diktatorische Vergangenheit nicht.
Sie spricht lieber davon, dass die argentinische Kultur sich heute "in den Dienst der sozialen Eingliederung stellen muss", um so "die Kluft zwischen der ärmeren Minderheit und der wirtschaftlich und sozial stärkeren Mehrheit" des Landes zu schließen.
Das Organisationskomitee hat ein Übersetzungsprogramm ins Leben gerufen, mit dessen Hilfe 147 Werke argentinischer Schriftsteller übertragen werden, allein in deutscher Sprache erscheinen bis zum Herbst etwa 100 Übersetzungen. Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, spricht von lateinamerikanischer Literatur als einem "Gütesiegel" - die deutschen Leser erwarteten magischen Realismus und epische Breite, ausgebreitet vor einem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Aber gerade die jungen argentinischen Autoren gingen heute auch andere Wege. Boos ruft die deutschen Leser zu einer neuen literarischen Entdeckungsreise durch Argentinien auf und erinnert an die Worte von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahre 1976: "Bitte seien Sie nachsichtig mit den Deutschen. Sie sind die letzten Entdecker Amerikas".
Die argentinische Reise durch Deutschland wird im Juni mit einem internationalen Kolloquium an der Universität Leipzig zu Borges fortgesetzt. In Frankfurt im Oktober wird nicht nur die Buchmesse Schauplatz des Gastlandauftritts. Die Frankfurter Museen zeigen Ausstellungen der Bildenden Kunst, des Designs, der Architektur und Fotografie des Landes.
Die argentinische Verlagsindustrie hat sich nach Wiederherstellung der Demokratie 1983 langsam wieder erholt. Dann kam Ende 2001 die Wirtschaftskrise, die das Land beutelte. 2009 brachte die argentinische Verlagsindustrie 97 Millionen gedruckte Bücher hervor.