Kriege, Massenvertreibungen, ethnische "Säuberungen", Terroranschläge, Amokläufe, Folter, Vergewaltigungen, Misshandlungen in der Familie - Gewalterfahrungen jeder Art haben neben den körperlichen auch seelische Folgen. Erschüttert von Empfindungen panischer Angst, tiefer Verzweiflung und absoluter Hilflosigkeit werden nicht nur die Opfer, sondern häufig auch diejenigen, die als emotional teilhabende Zeugen das Geschehen miterleben.
Wenn solche Erschütterungen eine mentale Belastungsgrenze überschreiten und den inneren Reizschutz aufheben, wird ein grundlegendes Sicherheitsgefühl verletzt. Dann sprechen wir von einem Psychotrauma, einer seelischen Verletzung. Psychische Traumatisierung bedeutet stets einen massiven Zugriff der Außen- auf die Innenwelt, der tiefe Spuren im Gefüge von Wahrnehmung, Denken und Fühlen hinterlässt, psychische Funktionen vorübergehend oder auf Dauer stört und das Vertrauen zu sich selbst wie zur Umwelt untergräbt.
Mit diesem hochaktuellen Thema beschäftigte sich eine internationale Forschungskonferenz, zu der das Frankfurter Sigmund Freud-Institut anlässlich seines fünfzigjährigen Bestehens eingeladen hatte. Da außerdem die 1910 gegründete Internationale Psychoanalytische Vereinigung ihren hundertsten Geburtstag feierte und die Konferenz zum zwanzigsten Mal stattfand, hatte die Wissenschaft vom Unbewussten gleich dreifachen Anlass, über "Lange Schatten früher und später Traumatisierungen" zu diskutieren.
In klassischer Weise betrachtete Charles Hanly (Toronto) bereits die normale frühkindliche Entwicklung als Kumulation traumatischer Verlusterfahrungen - vom Geburtsakt über die Entwöhnung von der Mutterbrust bis zum ödipalen Drama. Gegen ein intrapsychisch reduziertes Traumakonzept erhob Werner Bohleber (Frankfurt) sogleich Einspruch, während Horst Kächele (Ulm) Hanlys entwicklungspsychoanalytische Kausalitätsannahme unter Hinweis auf die bei Freud schon erwogene, von den modernen Kognitionswissenschaften inzwischen bestätigte "Nachträglichkeit" von Traumakonstruktionen bestritt. Traumakonzepte wurzeln ihrerseits in unbewussten Theorien von Psychoanalytikern, die sie therapeutisch anwenden - diese ebenso irritierende wie erhellende These demonstrierte Peter Fonagy (London) am Gebrauch von Metaphern im Traumadiskurs: Das häufig verwendete Bild vom Trauma als einem "eingefrorenen" Seelenzustand könnte das Unbewusste des Therapeuten widerspiegeln, der angesichts der grauenvollen Realität, von der der Patient berichtet, in seinem eigenen Denken und Fühlen (und womöglich auch in seiner Gestik und Mimik) "einfriert", weil er selbst traumatisiert wird.
Dass und wie traumatische Erfahrungen von Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden, zeigte Bohleber an Psychoanalysen von Holocaust-Überlebenden der zweiten Generation, die über den Mechanismus der unbewussten Identifizierung am Schicksal der ersten Generation teilhaben. Dazu trug Kurt Grünberg (Frankfurt) ein erschütterndes Fallbeispiel aus dem Jüdischen Beratungszentrum vor, ergänzt durch szenische Videoanalysen aus Interviews mit hospitalisierten Holocaust-Überlebenden (Dori Laub, Yale; Andreas Hamburger, München).
Inzwischen thematisieren solche generationenübergreifenden Forschungsprojekte nicht mehr nur die Spätfolgen der Shoah, sondern auch Gewalterfahrungen, denen Menschen in totalitären Gesellschaften kommunistischer Provenienz ausgesetzt waren; so untersuchte Tomas Plänkers (Frankfurt) mentale Auswirkungen der chinesischen Kulturrevolution. Und Marianne Leuzinger-Bohleber, die rührige Direktorin des veranstaltenden Freud-Instituts, berichtete aus klinischen Langzeitstudien, in welcher Weise auch die depressiven Kinder einer deutschen "Tätergeneration" noch an den traumatischen Folgen von Nationalsozialismus und Weltkrieg leiden.Welche inneren und äußeren Ressourcen stehen zur Verfügung, um Traumafolgen psychisch zu bewältigen? Für diese von der Forschung als "Resilienz" bezeichnete Bewältigungskompetenz haben sich soziale Bindungserfahrungen als entscheidend erwiesen. Eine Erkenntnis, über deren heilsamen Nutzen für die sekundärpräventive Katastrophenpsychologie und -psychiatrie Sverre Varvin (Oslo) berichtete: neben der medizinischen Versorgung seien die persönliche Zuwendung und die Schaffung einer sicheren Umgebung für die Betroffenen überlebenswichtig.
Am Ende ließ der Primatenforscher Stephen Suomi (Bethesda) seine Rhesus-Affen buchstäblich vorführen, wie "gute Bemutterung" eine innere Sicherheit vermittelt, die vor Gefahren der Außenwelt schützt, die Expression "schlechter" Gene unterdrückt und sogar dazu beitragen kann, dass das Sicherheitsgefühl als traumaimmunisierendes Erbe epigenetisch an die nächste Generation weitergegeben wird.
Offen blieb dabei, ob dieses aus dem Sozialgefüge einer uns nahe verwandten Tiergattung gewonnene Wissen auch einer Menschenwelt nützt, die rapide zusammenwächst, zugleich jedoch aus den Fugen zu geraten droht: Ist eine globale Traumavorbeugung durch interkulturelle Bindungen und gemeinsam geschaffene Sicherheitsverhältnisse denkbar?