Vor 25 Jahren wurde dadurch, dass das Deutsche Architekturmuseum (DAM) eröffnet wurde, der Grundstein zum Frankfurter Museumsufer gelegt. Groß war das Ansehen des Ensembles bereits nach wenigen Jahren, sagenhaft sein Ruf in der Welt der Künste. Urbar gemacht hatte man eine urbane Brache, doch es kam der Tag, da zog einer der Gründungsväter eine Bilanz, die eine Schadensbilanz war: "Noch immer sehen wir zu, wie die kulturelle Infrastruktur Frankfurts nahezu brachliegt." Und der Vorwurf, den Heinrich Klotz erhob, lautete weiter: "Mit einer kleinbürgerlichen Gleichgültigkeit gegen Kultur haben die Parteien im Römer einschließlich der Oberbürgermeisterin Petra Roth das vorhandene kulturelle Potential ungenutzt und missachtungsvoll links liegenlassen."
Was ist aus der kleinbürgerlichen Gleichgültigkeit in Frankfurt geworden, hat sie möglicherweise gar Zuwachsraten zu verbuchen? Vor zehn Jahren veröffentlichte der Gründungsdirektor des DAM, Heinrich Klotz, drei Wochen vor seinem Tod mit 64 Jahren, dieses Fazit in der FR-Kolumne Times mager. Am vergangenen Freitag, als der Festakt zum 25-jährigen Jubiläum des DAM anstand, war das Lebenswerk von Klotz in vielen Vorträgen präsent. Nicht dass man seine bitteren Worte Fazit zitiert hätte, wohl aber war Klotz´ Enthusiasmus, seine ruhelose Beharrlichkeit und schwärmerische Überzeugungskraft, Gegenstand vieler Beiträge.
Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt. Die Ben-Willikens-Ausstellung bis zum 13. Dezember.
Klotz war dermaßen anwesend, dass die Abwesenheit der Oberbürgermeisterin an dem Tag, an dem es um nichts weniger als das Ganze der Kulturpolitik ging, umso mehr ins Auge fiel. So war es der amtierende Kulturdezernent der Stadt, Felix Semmelroth, der die Notwendigkeit der Modernisierung des Frankfurter Museumsufers anmahnte. Das Magistratsmitglied beschwor das Vorhaben geradezu dramatisch. Mit Blick auf die Museen appellierte er an "den Mut der Vernunft", an die Selbstbehauptung Frankfurts als Kulturstadt. Wie schon in der Begrüßungsrede des Direktors des DAM, Peter Cachola Schmal, wurde die Zahl 47 zur Schreckens-Chiffre. Denn nach neun Monaten des Jahres 2009 liegen in Frankfurt die Bruttoeinnahmen aus der Gewerbesteuer um 47 Prozent unter denen des Vorjahres.
Trotz des Diktats der Krise beharrte Semmelroth auf den "Folgekosten" einer epochalen Tat, und ohne dass von weiteren Zahlen die Rede gewesen wäre, Frankfurts Grundsteuerminus, Einkommenssteuerminus oder Umsatzsteuerminus, machte er das Auditorium mit dem Gedanken vertraut, dass die Sanierung und der Umbau des Frankfurter Museumsufers "in den nächsten Jahren ganz erhebliche Mittel" kosten werde. Im Grunde ließ Semmelroth die Zuhörenden zum Zeugen einer alles andere als kleinbürgerlichen Anstrengung und antizyklischen Marktstrategie werden - unausgesprochen: zur Modernisierung der von Klotz angemahnten Potentiale, zur Re-Kultivierung von Brachen.
Für diejenigen, die anwesend waren, wird der halbe Tag im DAM auch wegen der Vorträge von Michael Schumacher und Arno Lederer in Erinnerung bleiben. Jener erläuterte mit Verve seine Absichten zur Erweiterung des Städel-Museums, Lederer unterlief listig alle Erwartungen an eine antiquarische Renaissance historischer Rekonstruktion. Hans Hollein, zum Festvortrag gebeten, ließ allein sein Lebenswerk gelten und Revue passieren, Roland Burgard, der ehemalige Leiter des Frankfurter Hochbauamtes, beschrieb die "Kunst des öffentlichen Bauherrn" im Zeitalter einer beinahe unbekümmerten Postmoderne.
Auch gab Bernward Kraus, als Chefsanierer des von Oswald Mathias Ungers einst umgebauten DAM, zahllose Einblicke in ein besonderes Haus, das mit einem Male als ein Ballungsraum der Mängel erschien, als ein Ensemble enormer Schwachpunkte - als eine Baustelle vom nächsten Jahr an. Dass im DAM ab sofort Ben Willikens Triptychon "Das Abendmahl", nach dem Vorbild von Leonardo, zu sehen ist, bedeutet eine Rückkehr aus dem Exil des DAM-Archivs. Von Leonardos "Abendmahl" hatte der soeben 70 Jahre alt gewordene Willikens, den Christoph Vitali würdigte, Ende der 1970er Jahre allein die Kulisse übernommen, doch bereits die Öffnungen, links und rechts, mit gepanzerten Stahltüren verschlossen.
An dem Tisch kein Jesus, gerahmt von Jüngern, kein Judas, kein Verrat, der dargestellt würde. Willikens schuf einen leeren Raum, hinter dem sich eine weitere, gleißende Leere auftat. Mit der Rückkehr von Willikens´ "Abendmahl", das der Architekt Ungers aus seinem "rationalen Manifest" (Schmal) zu verbannen wusste, ist es zur Revision einer makellosen Moderne gekommen, mit der Rückkehr ins Auditorium des DAM zur Einkehr eines monumentalen Manifests der Trostlosigkeit.
Nun, an der Stirnseite des Hörsaals, die nackte Not jedweder Transzendenz. Kein Ausweg, in die sich die Metaphysik flüchten könnte.
Als das DAM am 1. Juni 1984 eröffnet wurde, war es, wenige Tage vor der Einweihung des Filmmuseums, der Grundstein des Frankfurter Museumsufers. Es wäre der Mühe wert gewesen, darauf hinzuweisen, dass Heinrich Klotz, dessen Witwe in der zweiten Reihe, auf dem brettharten Ungers-Gestühl Platz genommen hatte, am 1. Juni 1999 starb. Wenn Felix Semmelroth Frankfurts Museumsensemble als urbanen "Nukleus" bezeichnete, wenn DAM-Direktor Peter Cachola Schmal Frankfurts Magistrat wegen einer "grandiosen Stadtmarketingkampagne" in die Pflicht nahm, dann war es Frankfurts ehemaliger Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, der, im Rücken das Bild von Willikens, am Diesseits einer Hoffnung in "Zeiten der metaphysischen Obdachlosigkeit" festhielt. Auf dass der "Main mehr sei als nur eine Wasserscheide" steuerte Hoffmann, auch er damals ein Bewegungskünstler und mit Klotz´ Enthusiasmus und Erbe weiterhin auf Du und Du, auf das Credo einer "praktizierten Bildungsgerechtigkeit" zu.
Da, für einige Momente, erschien das Museumsufer erneut als die Ansiedlung einer ästhetischen Erziehung, erst recht in dem Augenblick, als der 1925 in Bremen geborene Hoffmann daran erinnerte, was Rainer Maria Rilke zur Einweihung der dortigen Kunsthalle, 1902, hinterlassen hatte. Weil den schönen Worten das Verhältnis von Geist und Geld gleichgültig sein konnte, überdauerten sie makellos: "Hier wachsen Menschen, hier in diesem Haus wird mancher sehend für sein ganzes Leben."