In seiner Eröffnungsrede des Berliner Literaturfestivals 2007 sprach der israelische Schriftsteller David Grossman auch über den polnisch-jüdischen Schriftsteller Bruno Schulz, der während des Zweiten Weltkriegs im Ghetto seiner Heimatstadt Drohobycz von einem SS-Offizier in einem Akt bloßer Willkür ermordet worden war. "Wenn man Bruno Schulz liest", so der 1954 geborene Grossman, "wenn man bereit ist, sich von dem kompletten, kompakten Weltbild, das er jeder Seite und jeder Zeile aufgedrückt hat, auseinanderzusetzen, erlebt man, wie auf einmal alle Dinge und Phänomene in ihre Wurzeln zurücksickern, in ihre ursprüngliche Bedeutung, in ihren authentischsten, stärksten Impuls."
In der Verehrung von Bruno Schulz, so darf man vermuten, ist ein Stück weit auch der literarische Selbstanspruch David Grossmans verborgen. Es sind die großen Fragen, die er in seinen Büchern stellt, aber sie kommen nie thesenhaft, sondern immer auf frappierende Weise konkret daher. Im Roman "Stichwort Liebe" etwa geht es anhand der Lebensgeschichte des von den Nazis ermordet geglaubten Großvaters Anschel darum, wie ein gewöhnlicher Mensch sich in den Bestandteil eines Massenmordmechanismus verwandeln kann. "Seit mir klar wurde, dass ich Schriftsteller werden würde", so Grossman, "wusste ich auch, dass ich über den Holocaust schreiben würde."
Die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gilt aber wohl auch dem politischen Essayisten David Grossman, der mit sprachlicher Sensibilität und politischer Unerschrockenheit zu aktuellen Diskussionen, gerade auch über sein Heimatland Israel, seine Stimme erhebt. "Seine Bücher zeigen, dass die Spirale von Gewalt, Hass und Vertreibung im Nahen Osten nur durch Zuhören, Zurückhaltung und die Kraft des Wortes beendet werden kann", heißt es in der Begründung des Stiftungsrats des mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreises. Was die Wirkung seiner literarischen Arbeit angeht, ist Grossman viel zurückhaltender. Im Idealfall, meint er, könne die Literatur unser und das Schicksal anderer, die uns völlig fremd sind, verbinden.
Diese Skepsis hat ihn nicht davon abgehalten, sich fern ab von taktierender Rhetorik in den Palästina-Konflikt einzumischen. Als hätte die Friedenspreis-Kommission noch einen Beleg für politische Entschlossenheit und intellektuelle Souveränität benötigt, schrieb Grossman unmittelbar nach der Eskalation um die Gaza-Flotille am 31. Mai einen Aufsatz, in dem er auch seine eigene Fassungslosigkeit zum Ausdruck brachte.
Es sei einer religiös-fanatischen, israelfeindlichen türkischen Organisation gelungen, Israel in eine Falle zu locken. Was Grossman dabei am meisten erschüttert zu haben scheint, ist die Tatsache, dass Israel so leicht auszurechnen war. "Wie gern würde man hoffen", so Grossman, "dass das Entsetzen über den Tumult zu einer Überprüfung der ganzen Boykottidee führen möge; zur längst fälligen Aufhebung des palästinensischen Elends und damit auch der israelischen Befleckung. Doch lehren uns die in dieser tragischen Region gesammelten Erfahrungen, dass genau das Gegenteil eintreten wird. Der Mechanismus von Gewalt und Gegengewalt, der Kreislauf von Hass und Rache ist am Montag in eine neue Runde eingetreten. Die Wahnsinnsaktion zeigt vor allem anderen, wie tief Israel gesunken ist."
Auch ein politisches Signal
Dass David Grossman mit dem Friedenspreis, der in seiner über 50-jährigen Geschichte längst zu einem ethisch besonders wertvollem Staatspreis geworden ist, ausgezeichnet wird, ist in doppelter Hinsicht ein politisches Signal. Geehrt wird ein Vertreter der israelischen Friedensbewegung. Gemeinsam mit Amos Oz und Abraham B. Jehoshua hatte er 2006 von Regierungschef Olmert das sofortige Ende der Kämpfe im Libanon gefordert. Kurze Zeit später kam Grossmans Sohn Uri im Südlibanon als israelischer Soldat ums Leben. In seinem Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" hat er dieses Schicksal auf bewegende Weise bearbeitet. Der Friedenspreis für David Grossman soll zweifellos als Stärkung der israelischen Intellektuellen aufgefasst werden.
Der Frankfurter Preis ist sich seit seiner Gründung im Jahr 1950 aber auch der besonderen Verantwortung den deutschen Juden und dem Staat Israel gegenüber bewusst gewesen. In der Liste der Preisträger finden sich Namen wie Teddy Kollek, Amos Oz, Fritz Stern und Saul Friedländer. Der erste Preisträger, der jüdische Schriftsteller und Lektor Max Tau, wurde 1950 vor allem auch deshalb ausgezeichnet, weil er als herausragender Vermittler zwischen jüdischem Leben und deutscher Kultur galt, der sein literarisches Wirkungsfeld unmittelbar nach dem Krieg wieder in Deutschland sah.
Die bescheidene Hoffnung, dass Literatur zu verbinden vermag, muss es mit Blick auf die angespannte Lage in Nahost wohl auch diesmal wieder tun.