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Für ein Springer-Tribunal: Vergessen, was Manipulation ist

Was sind wahre Bedürfnisse?

Nur, was waren eigentlich die "wahren Bedürfnisse"? Und wer konnte sich anmaßen zu entscheiden, welche Bedürfnisse wahr und welche falsch waren? Folgte der Kleinsparer, der sich nach Jahren der Entbehrung endlich das neuste VW-Modell kaufte, den Einsagungen der Werbung oder einem Herzenswunsch?

Und was genau bedeutete eigentlich Adornos geheimnisvoller Satz: "Es gibt kein wahres Leben im falschen"? Hatte es je ein "wahres Leben" gegeben? Ein Nachhall jener intellektuellen Anmaßung zeigte sich in dem Hohn, mit dem der mit einem Reiseprivileg ausgestattete Schriftsteller Stefan Heym seine Landsleute bedachte, als sie nach der Maueröffnung ihre Nasen an den Schaufensterscheiben des Kadewe platt drückten.

Sie wirkte nach in der Geste des Abgeordneten Otto Schily, der eine Banane hochhielt, um das "wahre Motiv" der Begeisterung der DDR-Bürger für die Wiedervereinigung und für Helmut Kohl zu bezeichnen. Sie setzt sich bis heute fort in den Aktionen der Kreuzberger Autonomen, die von ihnen selbst definierte "Luxuskarossen" in Flammen aufgehen lassen.

Sind Adorno und Marcuse obsolet?

Ideologische Anmaßung und Verspätung scheinen dabei Hand in Hand zu gehen. Die Welt, so steht es in allen Zeitungen, geht gegenwärtig dank der Zockerei der Investmentbanker durch die größte Krise seit siebzig Jahren. Man hat nicht gehört, dass in Berlin, Frankfurt oder Hamburg eine einzige Fensterscheibe einer Bank zu Schaden gekommen wäre. Sind nach diesen Einreden die Fragestellungen von Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse obsolet geworden?

Das Gegenteil ist wahr. Die Manipulationskraft der "Bewusstseinsindustrie" hat sich in einem Maß entfaltet, dass ihre Wirkungen kaum mehr wahrgenommen werden. Die größte Gefahr für die Unabhängigkeit des Denkens und der Meinungsbildung geht von dem zunehmenden Konzentrationsprozess der Medien aus. Dieser verläuft nicht so plan, wie ihn sich die 68er vorstellten.

Selbstverständlich gibt es nicht - und gab es wohl nie - das diktatorische Votum eines Springer oder Murdoch, das den verschiedenen bunten Kindern im Medien-Imperium eine politische Linie vorschreibt. Es hat sich als besser und ertragreicher für das Imperium erwiesen, wenn die Kinder miteinander konkurrieren. Allerdings müssen alle Kinder mit ihren jeweils verschiedenen Produkten und Leidenschaften zum Wohl der Firma beitragen und Profit machen.

Gefahr der Medienkonzentration

Ungefähr in den neunziger Jahren entdeckten die Medienbesitzer, dass sich mit Nachrichten-Sendungen Geld machen lässt. In den USA sind Nachrichtensendungen längst zu den meist beworbenen Sendungen des Fernsehens geworden. Die ungeheure Zunahme von Fernsehprogrammen, Zeitungen und Magazinen täuscht darüber hinweg, dass die Medien aus drei oder vier Nachrichten-Quellen und aus den Berichten einer immer kleineren Zahl von Korrespondenten schöpfen, deren Plätze aus Kostengründen zusammengestrichen werden.

Mit anderen Worten entspricht einer immer geringeren Zahl von verlässlichen Nachrichtenquellen ein immer größeres Heer von Nachrichten-Verwertern. Ein fest angestellter Korrespondent, der früher für ein einziges Land zuständig war, muss heute ganze Erdteile betreuen.

Dem ohnehin überforderten Konsumenten, der sich durch Dutzende von Programmen zappt, fällt es kaum auf, dass ihm immer nur Varianten derselben Nachrichten vorgesetzt werden. Nur ahnen kann er, dass es neben den sichtbaren ebenso viele unsichtbare Kriege und Katastrophen gibt, die scheinbar absichtslos durch das Raster der Vorauswahl gefallen sind.

Nach dem Fall der Mauer schrieb ich: "Das bessere, das überlegene System ist jenes, in dem die Wahrheit recherchiert und veröffentlicht werden kann." Inzwischen, zwanzig Jahre später, bin ich mir dieses historischen Vorteils der demokratischen Gesellschaften nicht mehr sicher·

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Autor:  Peter Schneider
Datum:  3 | 9 | 2009
Seiten:  1 2
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