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Für ein Springer-Tribunal: Vergessen, was Manipulation ist

Ein Rückblick auf die Anfänge der Medienkritik- und warum sie Recht behalten könnte. Denn seit mit Nachrichten-Sendungen Geld verdient wird, gibt es immer weniger Nachrichten-Quellen. Von Peter Schneider

Frank Wolff (mit Megafon), zweiter Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), am 14.10.1967 während einer Anti-Springer-Demonstration auf der Frankfurter Buchmesse.
Frank Wolff (mit Megafon), zweiter Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), am 14.10.1967 während einer Anti-Springer-Demonstration auf der Frankfurter Buchmesse.
Foto: dpa

In der Steinzeit der neuen Medien, in den unvorstellbar fernen sechziger Jahren also, als es nur zwei, drei öffentlich kontrollierte Fernsehprogramme und entschieden weniger Fernsehgeräte als Haushalte gab - meist waren es Schwarz-Weiß-Fernseher, in denen man nicht unterscheiden konnte, ob die Demonstranten schwarze oder rote Fahnen trugen -, gab es umso mehr Theorien über die Potenziale und Gefahren der neuen Kommunikationsmittel.

Nie wurde so viel über Fluch und Segen der "Bewusstseinsindustrie" geredet, phantasiert und nachgedacht wie in ihrer Anfangszeit. Manche der damaligen Warnungen lesen sich aus dem Abstand wie die alarmistischen Phantasien über die Gefahren der Eisenbahn im 19. Jahrhundert, als besorgte Zeitgenossen überlegten, ob Menschen ein Tempo von fünfzig Stundenkilometern lebend überstehen würden.

Das Tribunal

Peter Schneider gehörte im Jahre 1967 zu denen, die das legendäre "Springer-Tribunal" vorbereiteten, das der Kritik an manipulativer Medienmacht gewidmet war.

Thomas Schmid, ehemaliger Mitstreiter und inzwischen im Hause Springer an verantwortlicher Stelle beschäftigt, lud kürzlich zu einer Veranstaltung ein, die einer späten Versöhnung der älter gewordenen Achtundsechziger mit dem damaligen Gegner dienen sollte. Die Veranstaltung kam jedoch nicht zustande.

Neben kritischen Einwänden begründet Schneider hier noch einmal, warum die Medien- und Manipulationskritik der frühen Jahre hellsichtig war und nicht überholt ist.

Peter Schneider war beim Springer-Tribunal von 1967 dabei.
Peter Schneider war beim Springer-Tribunal von 1967 dabei.
Foto: Peter Peitsch

Ähnliche Warnungen sind noch bei jeder technischen Revolution laut geworden - ob es sich um das Fliegen, das drahtlose Telefonieren, das Internet oder um Computerspiele handelte. Man kann diese Alarmrufe als Abwehrreflexe jenes äffischen Teils der menschlichen Natur abtun, der allem Neuen mit Misstrauen begegnet.

Spuren einer einstigen Neugier

Man kann in diesen frühen Debatten aber auch die Spuren einer Neugier und Geistesgegenwart erkennen, die uns, den zahlenden Abonnenten, durch schiere Gewöhnung abhanden gekommen ist. Jedenfalls fällt auf, dass das radikale Fragen und Nachdenken über die Folgen großer technischer Umwälzungen immer in die Zeit ihrer Entstehung fällt. Die großen Romane über das Zusammenleben in Millionenstädten wurden - etwa von Alfred Döblin und John Dos Passos - geschrieben, als diese Lebensform noch neu war.

Die hellsichtigen filmischen und literarischen Visionen von George Orwell und Orson Welles über die Missbrauchbarkeit des Radios entstanden in den Jahren, als das neue Medium seinen Siegeszug um die Welt gerade erst angetreten hatten. Die Streitschriften eines Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse über die manipulative Kraft der "Kulturindustrie" wurden verfasst und diskutiert, als das Sitzen vor dem Fernseher noch nicht zur hauptsächlichen Freizeit-Beschäftigung geworden war.

Es ist, als ginge mit der Gewöhnung an die neuen Kommunikationsmittel die Fähigkeit verloren, sich einen anderen Gebrauch dieser Mittel vorzustellen als denjenigen, den ihre Betreiber und Besitzer durchgesetzt haben. Dies in einem Maße, dass uns das Verbot der jungen Demokratie Estland, die Werbe-Einblendungen der Industrie mit verstärkter Lautstärke einzuspielen, wie eine kindliche Utopie erscheint.

Geradezu islamistisches Misstrauen

Das bislang avancierteste Modell einer Mediokratie mitten in Europa ist inzwischen in Italien zu besichtigen. Man kann nicht behaupten, dass die Masse der italienischen Fernsehzuschauer sich deswegen manipuliert fühlt. Die 68er, alle noch in fernseherlosen Haushalten aufgewachsen, griffen die radikalen Fragestellungen von Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse auf ihre Weise auf. Sie sind den damals neuen Medien teilweise mit einem geradezu islamistischen Misstrauen begegnet.

Schon Leute mit Fotoapparaten erschienen ihnen als verdächtig und wurden instinktiv der Staatsmacht zugeordnet - umso mehr galt dieses Vorurteil Journalisten, die sich den Demonstranten mit Fernseh- und Video-Kameras näherten.

Zum Generalverdacht trug die Vorstellung bei, dass stehende oder bewegte Bilder gleichsam automatisch zur Hierarchienbildung beitragen, weil sie Einzelne aus der Masse herauslösen. Nach dieser Logik war allenfalls die Totale demokratisch, die Nahaufnahme im Prinzip verwerflich. Gleiches galt für die Kameraleute des Fernsehens, von denen nicht wenige mit den Rebellen sympathisierten. Wer es für wichtiger hielt, einen Polizisten beim Prügeln zu fotografieren als dem Verprügelten zu helfen, war verdächtig, für die andere Seite der Barrikade zu arbeiteten.

Das Foto von Ohnesorg popularisierte den Protest

Das änderte sich in den Tagen nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg. Plötzlich wurde klar, dass Fotos und bewegte Bilder eine stärkere Aussagekraft besaßen als noch so beredte Zeugen. Wohl kein Foto hat mehr zur Popularisierung der Protest-Bewegung beigetragen als jenes, das den tödlich getroffenen Benno Ohnesorg neben der knieenden, fassungslos und empört aufblickenden Friederike Haussmann zeigt, die Ohnesorgs Kopf hält.

Das Bild ging um die Welt. Die Unterstellung, dass der technische Apparat selber - Fotoapparat oder Kamera - eine falsche, im Prinzip voyeuristische Haltung gegenüber der Wirklichkeit ausdrückte, wich der Einsicht, dass es durchaus darauf ankam, wer den Apparat in wessen Interesse und Auftrag bediente.

Gleichwohl entfaltete Marcuses Unterscheidung zwischen "wahren und falschen Bedürfnissen" eine ungeheure Wirkung. Die neue Unfreiheit, behauptete Marcuse in seinem Werk "Der eindimensionale Mensch", das zu einer Bibel der 68er wurde, manifestiere sich in seinen ihm von außen aufgedrängten falschen Bedürfnissen: "Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder; sie finden ihre Seele in ihrem Auto, ihrem Hi-Fi-Empfänger, ihrem Küchengerät." So übertrafen sich die 68er gegenseitig im Aufspüren "falscher Bedürfnisse".

Nicht nur die neuen Modelle von VW, BMW und Mercedes wurden nach der neuen Lesart als Brutstätten falscher Bedürfnisse erkannt, auch Lippenstifte, Pfennigabsätze, Markenklamotten gleich welcher Herkunft fielen unter das Verdikt. Die Schaufenster des Kadewe, die Opernhäuser, die Frankfurter Buchmesse, ja sogar die Treffen der Gruppe 47 wurden als Elemente jenes "Verblendungszusammenhangs" identifiziert, den Adorno mit diesem unvergesslichen Wort bezeichnet hatte.

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Autor:  Peter Schneider
Datum:  3 | 9 | 2009
Seiten:  1 2
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