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Europa und die arabische Revolte: Für eine Sprache der Anerkennung

Was soll die „Zurückhaltung“ Europas gegenüber dem arabischen Freiheitskampf ? In ihr tritt eine seit langem bestehende Komplizenschaft mit arabischen Despoten zutage, eine Komplizenschaft, die von der europäischen Öffentlichkeit stets nachsichtig hingenommen worden ist.

Ein Arbeitsmigrant aus Bangladesch rasiert sich in einem Flüchtlingslager an der tunesisch-Libyschen Grenze.
Ein Arbeitsmigrant aus Bangladesch rasiert sich in einem Flüchtlingslager an der tunesisch-Libyschen Grenze.
Foto: REUTERS

Der Freiheitskampf der arabischen Völker markiert, wie immer die Revolten in den einzelnen Ländern im Maghreb und Vorderen Orient ausgehen werden, eine weltgeschichtliche Zäsur, die zu Recht schon in das Licht der Kantschen Geschichtsphilosophie gerückt worden ist. Ein solch elementarer Kampf um Freiheit und Demokratie prägt sich tief in das kollektive Bewusstsein eines Volkes ein – oder wie Kant treffend formulierte: „Es vergisst sich nicht mehr.“ Da Revolutionen den Kontingenzen historischer Ereignisse nicht entrinnen und somit auch der Aufstand „eines geistreichen Volkes“ scheitern kann, lenkte Kant den Blick auf die Resonanz, die die Französischen Revolution in der europäischen Öffentlichkeit auslöste. Die an Enthusiasmus grenzende „Teilnehmung“ der Zuschauer „dem Wunsche nach“ – und nicht die Wirren der Revolutionsereignisse selbst – waren daher für Kant ein bedeutsames Indiz für eine „moralische Anlage im Menschengeschlecht“, auf die sich die Hoffnung auf Fortschritt stützen kann.

Vor diesem Hintergrund offenbart sich in diesen Wochen ein bedrückender Kontrast zwischen dem Enthusiasmus und bewundernswerten Mut der arabischen Völker und einer lethargischen und zuweilen auch zynischen Reserviertheit der europäischen Politik. Obwohl vor unseren Augen plötzlich eine Demokratisierung des Vorderen Orients in Gang kommt, die manche – trotz aller Skepsis gegenüber der Bush-Administration – paradoxerweise vom Krieg gegen den Irak erhofft hatten, scheint Europa heute wie erstarrt und auf die Sicherung wirtschaftlicher Interessen und die Sorge um eine Destabilisierung des Ölmarktes fixiert zu sein.

Der Autor

Hans Schelkshorn lehrt Philosophie an der Universität Wien und ist Gründungsmitglied von Polylog - Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren. Die Arbeitsschwerpunkte Schelkshorns sind Ethik (Diskursethik, lateinamerikanische Befreiungsethik), Modernetheorien. Die im Beitrag angedeutete Alternative zwischen Fukuyama und Huntington hat er ausführlich in „Entgrenzungen. Ein europäischer Beitrag zum philosophischen Diskurs der Moderne“ (Velbrück 2009) dargestellt.

Die erschreckende Unfähigkeit, den Befreiungskämpfen in praktischer Solidarität und philosophischer Zeitgenossenschaft beizustehen, muss selbst als ein denkwürdiges Geschichtszeichen für den Zustand unserer moralischen Anlagen gedeutet werden, das einer kritischen Selbstbesinnung bedarf.

Keine Zuschauer mehr

Im Zeitalter der Globalisierung gibt es anders als zur Zeit Kants keine bloßen Zuschauer mehr. Europa ist seit Napoleon einer der wichtigsten Machtfaktoren in der arabischen Welt. Trotz politischer Dekolonisierung greift Europa bis heute unter dem Schutz des Desinteresses der Öffentlichkeit in neokolonialer Manier in die Politik der Maghreb-Staaten und des Vorderen Orients ein. Dazu kommen wirtschaftliche „Verflechtungen“, genauer die unstillbare Gier der Industriestaaten nach Öl und Bodenschätzen, die Bedürfnisse der Waffenindustrie und die Interessen der Großbanken, die bis heute bereitwillig die dem Volk abgepressten Milliarden übernehmen.

Die privaten Beziehungen europäischer Politiker zu den arabischen Herrschern, die selbst noch während der bereits aufflammenden Kämpfe „gepflegt“ wurden, machen auch im Format der Boulevardpresse deutlich, dass Europa alles andere als ein bloßer Zuschauer in dieser weltgeschichtlichen Stunde der arabischen Welt ist. In der „Zurückhaltung“ Europas gegenüber dem arabischen Freiheitskampf tritt daher eine seit langem bestehende Komplizenschaft mit arabischen Despoten zutage, eine Komplizenschaft, die von der europäischen Öffentlichkeit stets nachsichtig hingenommen worden ist.

Die ökonomischen und geopolitischen Interessen vermischen sich mit einem subtilen Rassismus, der die Hörigkeit arabischer Völker gegenüber Despoten nicht als Resultat von Repression, sondern als Ausdruck ihrer zweiten Natur begreift. Mit einem kaum zu überbietenden Zynismus haben Regierungschefs, wie etwa Jacques Chirac bei einem Staatsbesuch in Tunis 2003, der unterdrückten Bevölkerung unverhohlen mitgeteilt: „Das wichtigste Recht des Menschen ist das auf Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung und Wohnung ... Von diesem Blickwinkel aus ist Tunesien verglichen mit anderen Ländern sehr fortschrittlich.“ Die in dieser Botschaft kaum verhüllte Demütigung wurde von den Menschen im Maghreb nicht vergessen: Für Völker zweiter Klasse hat in europäischen Augen politische Freiheit keine Priorität.

Menschenwürde und Selbstachtung

Trotz aller Demütigungen haben sich in den letzten Wochen in vielen Ländern der arabischen Welt und auch wieder im Iran zahllose Menschen erhoben. Das Ziel ihres Kampfes ist es, ihre Menschenwürde und Selbstachtung wiederzuerlangen, wie von Demonstranten in eindringlichen Wiederholungen versichert worden ist, eine Selbstachtung, die nicht nur von den arabischen Despoten, sondern auch vom demokratischen Europa untergraben worden ist.

Die Bedeutung dieses elementaren Kampfes um Anerkennung, der an eine moralische Tiefenschicht der europäischen Aufklärung rührt, wird jedoch offenbar in Europa selbst nur mehr schemenhaft vernommen. Denn der Arroganz der politischen Akteure korrespondiert eine merkwürdig zur Schau gestellte Objektivität sozialwissenschaftlicher Analysen. So wird die Revolte, obwohl sie niemand erwartet hatte, politikwissenschaftlich durch demographische Veränderungen „erklärt“. Da die autoritären Systeme die neue Generation nicht mehr durch Privilegien an sich binden konnten, „musste“, wie eine abgeklärte wissenschaftliche Vernunft trotz aller Absagen an einen geschichtsphilosophischen Determinismus trocken festhält, die Revolte nun eben ausbrechen.

Weiters werden aus sicherer Distanz inmitten der dramatischen Kämpfe Prognosen über mögliche Szenarien der postrevolutionären Zeit diskutiert, wobei zunächst die Furcht vor einer Wiederholung der iranischen Revolution den Blick auf die realen Vorgänge verzerrt hat. Nachdem sich nicht mehr leugnen ließ, dass die Revolte nicht von Fundamentalisten getragen ist, wurden Einflüsse von außen ins Spiel gebracht, wie zum Beispiel westliche Vordenker des gewaltlosen Widerstands. Auf diese Weise setzt sich in intellektuellen Debatten der eurozentrische Ungeist der politischen Akteure auf einer neuen Ebene fort.

Keine akademische Marotte

Denn in den Analysen klingt zwischen den Zeilen stets der Zweifel durch, ob die arabischen Völker überhaupt zum Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates imstande sind, beziehungsweise ob es sich mit Kant gesprochen um die Revolution eines „geistreichen Volkes“ handelt. Dieser Zweifel ist nicht bloß eine akademische Marotte, sondern milderte in der Vergangenheit die moralischen Skrupel der politischen und wirtschaftlichen Akteure gegenüber den Allianzen mit den arabischen Despoten.

Aus diesem Grund erkämpfen sich in diesen Tagen die arabischen Völker ihre Würde gegenüber einer doppelten Demütigung, einerseits gegenüber der Willkür und Repression durch ihre eigenen Despoten, andererseits gegenüber der subtilen Verachtung durch die westliche Welt als Völker zweiter Klasse.

Die merkwürdige Insistenz Europas, so weit als möglich in der Beobachterperspektive zu verharren, offenbart auch eine kaum mehr beachtete Defizienz unserer eigenen „moralischen Anlage“. Nachdem das Nutzenkalkül inzwischen die medialen und sozialwissenschaftlichen Diskurse der westlichen Welt fast lückenlos dominiert, verfügen wir offenbar kaum mehr über eine Sprache, um den Mut der arabischen Völker, unter Einsatz des eigenen Lebens gegen eine jahrzehntelange Repression aufzustehen, in einer „Teilnehmung dem Wunsche nach“ (Kant) zu würdigen.

Selbst einer nachmetaphysischen Verteidigung der Aufklärung drohen hier die Worte auszugehen. Fragen einer revolutionären Praxis und damit die Frage des Opfers stehen, wie Habermas vor Jahren konzedierte, in Europa derzeit „glücklicherweise“ nicht auf der Tagesordnung. Man muss in der jüngeren Philosophie bis Albert Camus zurückgehen, um eine philosophische Sprache für den Freiheitskampf zu finden. Die Revolte ist, wie Camus am Beginn von „L’homme révolté“ unmissverständlich klarstellt, nicht vorhersagbar. „Der Sklave, der sein Leben lang Befehle erhielt, findet plötzlich einen neuen unerträglich.“ Und Camus beschreibt präzise die innere Bewegung der Revolte als ein Sich-aufrichten, in dem der Unterdrückte dem Herrscher die Stirn bietet und darin nichts anderes als seine Würde als ebenbürtiger Mensch wiederzuerlangen versucht.

Gleichberechtigte Mitglieder der Weltgemeinschaft

Der Revoltierende kann nach Camus seine Würde nicht behaupten, ohne zugleich die Würde aller anzuerkennen. Aus diesem Grund fordern heute die arabischen Völker von Europa zuallererst die Anerkennung ihres Befreiungskampfes als eines Kampfes um die Würde des Menschen und darin zugleich die Anerkennung als gleichberechtigte Mitglieder der Weltgemeinschaft. Ihre Revolte richtet sich daher auch gegen unsere Bilder von „Ölländern“ oder billigen Tourismusoasen, deren dumpfe Bevölkerung eben durch korrupte Machthaber in Schach zu halten sei. Auch für uns selbst wäre zu hoffen, dass die friedlichen Demonstranten, die sich bewaffneten Kräften gewaltfrei entgegenstellen, oder die hingerichteten Soldaten, die sich dem Befehl, gegen die eigene Bevölkerung das Feuer zu eröffnen, verweigerten, die verschütteten Quellen unserer moralischen Anlage zu neuem Leben erwecken.

Vor diesem Hintergrund sei zuletzt eine geschichtsphilosophische Überlegung gestattet. Demokratisierungsprozesse in anderen Weltregionen werden in Europa mit Hegel und Fukuyama stereotypisch als Ausbreitung der europäischen Aufklärung nach dem „Ende der Geschichte“ gedeutet. Es liegt mir fern, die Errungenschaften der europäischen Moderne zu schmälern. Zugleich scheint mir dennoch inzwischen unübersehbar zu sein, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen weder innerhalb noch außerhalb Europas nach dem simplen Modell einer „nachholende Revolution“ angemessen verstanden werden können.

Erstens ist Europa selbst kaum mehr Modell für bloße Nachahmungen. Manche EU-Staaten entfernen sich in gefährlicher Weise von den Idealen eines demokratischen Rechtsstaates. Die wachsende soziale Ungleichheit bereitet einen gefährlichen Nährboden für den bedrohlichen Aufstieg neofaschistischer und auch offen faschistischer Bewegungen, die in manchen Staaten inzwischen Regierungsämter übernommen haben. Die Herrschaft von Parteien, die neofeudale Züge angenommen hat, und die Macht der Medienkonzerne unterminieren das Prinzip der Gewaltenteilung. So sind manche Staaten Europas zu Zerrbildern der Demokratie geworden; ihre Eliten gehören nicht zufällig zu den engsten Freunden der Despoten im Maghreb.

Kampf um Selbstbehauptung

Zweitens widerstreben die gesellschaftlichen Verhältnisse in vielen Regionen der Erde der Strategie einer bloß nachholenden Entwicklung. Denn der Schock der europäischen Moderne hat zahlreiche Völker in einen existenziellen Kampf um politische und kulturelle Selbstbehauptung gezwungen. Der Freiheitskampf der arabischen Völker fügt sich daher in einen zweihundert Jahre anhaltenden Kampf um politische und kulturelle Selbstbehauptung, der sich in jüngerer Zeit immer stärker zu einem Kampf um demokratische Ordnungen wandelt.

Die lateinamerikanischen Staaten haben in den letzten beiden Jahrzehnten die bleierne Last der Militärdiktaturen abgeschüttelt. In Bolivien und Ekuador erproben indigenen Bewegungen neue Formen der Demokratie. In Asien führen buddhistische Bewegungen, vor allem der Dalai Lama, Thich Nhat Hanh, Buddhadasa Bikhu und Aung San Suu Kyi, einen gewaltlosen Kampf für Demokratie an. Kurz: Die kulturelle Heterogenität und die extremen Asymmetrien der weltwirtschaftlichen Machtverhältnisse haben in vielen Regionen neue Laboratorien gesellschaftlicher Selbstorganisation entstehen lassen, in denen jeweils europäische Ideen mit eigenen Denktraditionen kreativ verbunden werden.

Der Modernediskurs der postkolonialen Gesellschaften, dessen Anfänge bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, ist allerdings – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von der europäischen Philosophie bis heute weitgehend ignoriert worden. So gibt es etwa im deutschen Sprachraum mehr wissenschaftliche Arbeiten über den politischen Islamismus als über moderne arabische Philosophen und der Aufklärung verpflichtete Theologen. Dieses Defizit ist nicht bloß eine innerakademische Nachlässigkeit. Denn der latente Zweifel Europas, ob die arabische Revolte von einem „geistreichen Volk“ getragen wird, hat in dem hartnäckigen Eurozentrismus der europäischen Philosophie eine nicht unbedeutende Stütze.

Schaler Nachgeschmack

Gewiss setzen China und die asiatischen Tigerstaaten, aber auch Osteuropa, mit aller Vehemenz auf eine kapitalistische Modernisierung. Dennoch haftet an der Erfolgsgeschichte „nachholender Revolutionen“ ein schaler Geschmack. Denn die Vision einer bloßen Ausbreitung der Synthese von Marktwirtschaft und Demokratie (Fukuyama) hat die zwei zentralen Aporien des westlichen Zivilisationsmodells bislang nicht auflösen können, nämlich die fortschreitende Zerstörung der ökologischen Grundlagen menschlichen Lebens und die soziale Zerklüftung der Weltgesellschaft, die derzeit mindestens ein Fünftel der Menschheit zu einem unmenschlichen Kampf um die nackte Existenz verurteilt.

Vor diesem Hintergrund kommt eine weitere Tiefenschicht der erschreckenden Lähmung Europas gegenüber der arabischen Revolte zum Vorschein: Europa hat offenbar den Glauben an seine eigenen demokratischen Ideale und vor allem den Glauben an eine sozial gerechte Weltgesellschaft, an der Condorcet und Mill noch den Fortschritt gemessen hatten, verloren. Wenn die Steigerung der eigenen Wirtschaftsmacht zur alles bestimmenden Hauptagenda wird, fällt es nicht mehr schwer, sich in zweifelhaften Allianzen mit Diktatoren bequem einzurichten. Vor diesem Hintergrund überrascht es auch nicht mehr, dass heute die Sorgen um die Absicherung eines Wohlstands, der nicht verallgemeinert werden kann, offenbar die Freude über den demokratischen Aufbruch einer ganzen Weltregion deutlich überwiegen.

Autor:  Hans Schelkshorn
Datum:  8 | 3 | 2011
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