In der Politik geht es häufiger darum, was uns verärgert als darum, was wir wollen. Unsere Bedürfnisse sind wichtig, weil wir der Auffassung sind, dass wir ein Recht darauf haben, sie befriedigt zu sehen, und wir ärgern uns, wenn das nicht geschieht. Man wundert sich oft, dass die Armen sich nicht beklagen, aber sie glauben nicht, dass ihnen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zusteht. Wir beklagen uns nicht, weil uns etwas fehlt, sondern weil wir uns vernachlässigt und beleidigt fühlen, wenn wir nicht bekommen, was uns unserer Meinung nach zusteht.
Die Elite einer Gesellschaft kann man erkennen, wenn man schaut, wer das Recht hat, sich zu beschweren und aus welchem Grund. Das gibt mehr Aufschluss als die Güterverteilung zwischen den einzelnen Gruppen. Schwarze und Frauen haben auch finanzielle Vorteile eingeklagt, aber nicht um mehr Kaufkraft zu erlangen, sondern um gleichberechtigt zu sein. Macht wird zu einem schwammigen Begriff, wenn man ihn von Respekt und Ehre trennt. Menschen, die "berechtigt" sind, haben die Macht, die mit Respekt einhergeht. Nicht gleichberechtigte Gruppen werden, wie die Schwarzen sagen, "gedisst", also respektlos behandelt.
Harvey C. Mansfield ist Professor of Government an der Harvard University. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um Auszüge aus einem Vortrag, den er an der American Academy in Berlin hielt.
Das Individuum handelt hauptsächlich aus einfachem Eigennutz. Das ist zwar nicht nobel, aber durchaus verständlich, zum Beispiel wenn man in einem Land 50 Cent pro Stunde verdient und deswegen in ein anderes geht, wo der Stundenlohn zehn Dollar beträgt. Niemand würde es einem vorwerfen, dieser Versuchung nachzugeben, denn Eigennutz ist allgemeingültig. Wir alle würden uns für einen offensichtlichen Nutzen entscheiden oder dafür, was wir für nützlich halten.
Wenn aber der Eigennutz offensichtlich ist, dann ist er nicht wirklich unser eigener; dann ist er verallgemeinert worden, vielleicht absichtlich. Die moderne Politikwissenschaft interessiert sich vor allem dafür, welcher Nutzen gezogen wird und welche Interessen gegenüber anderen durchgesetzt werden. In der Politik geht es jedoch gar nicht so sehr darum.
Im Gegensatz dazu steht der Thymos, der seiner Natur nach nicht einfach, sondern sehr komplex ist. Er ist der Teil unserer Seele, der uns mit dem Guten verbindet. Er stellt die tapfere Verteidigung der Individualität des Körpers gegen eine mögliche Vereinnahmung durch die Außenwelt dar - so wie ein Tier die Krallen ausfährt, wenn es angegriffen wird. Es ist zunächst eher eine wachsame Haltung als eine Vorwärtsbewegung, obwohl das Tier angreifen wird, wenn das die beste Verteidigungsstrategie sein sollte. Oft reagiert das Tier zu heftig und riskiert sein Leben in einer waghalsigen Attacke, um sich zu retten.
Das Leben zu riskieren, um es zu retten, ist das Paradoxon des Thymos, ein offensichtlicher Widerspruch. Wir können sogar unser Leben verdammen und sagen, dass es uns Leid tut und wir uns schämen, denn die Scham geht zurück auf den Thymos. Ist Scham uns von Nutzen? Das ist schwierig zu bejahen, aber auch schwierig zu verneinen. Anscheinend haben wir eine Instanz in uns, die uns selbst kritisch beäugt und uns mit Scham erfüllt. Nennen wir das die Seele. Beseelte Menschen sind von Natur aus kompliziert, weil sie einen gewissen Abstand zu sich selbst halten.
Aber sind wir nicht alle so, mehr oder weniger?
Im Thymos erkennen wir das Animalische im Menschen, denn Menschen (besonders Männer) verhalten sich oft wie bellende Hunde, zischende Schlangen oder flügelschlagende Vögel. Aber genau hierin sehen wir auch die Menschlichkeit des Tieres Mensch. Ein Mensch geht bei einer Bedrohung nicht nur in Verteidigungsstellung, er wird auch wütend, agiert also aus einem bestimmten Grund oder sogar für einen Grundsatz oder eine Sache. Wenn wir die Beherrschung verlieren, suchen wir nach Gründen, um unser Verhalten zu rechtfertigen. Nachdem unsere Wut verraucht ist, mag es eine Weile dauern, bis wir den genauen Grund wissen, warum wir uns ungerecht behandelt fühlen, aber es gibt immer einen Grund - gut oder schlecht, passend oder nicht.
Und was passiert, wenn wir diesen Grund vorbringen? Wie reagierte Achilles, als sein König Agamemnon ihm das Sklavenmädchen Briseis wegnahm? Er ging einen Schritt weiter und entschied, dass sein eigener unmittelbarer Verlust ein Zeichen dafür war, dass nicht nur er, sondern alle Griechen vom falschen Mann beherrscht wurden. Helden, oder zumindest ganze Kerle wie Achilles, sollten regieren, statt mindere Wesen wie Agamemnon, die nur Dank der Erbfolge auf dem Thron sitzen und den Helden den gebührenden Respekt verweigern.