Was sind Viren?
Viren sind etwas zwischen Leben und Tod. Sie sind eine Form vermehrungsfähiger Organismen, die selbst nicht leben, sondern es sich gewissermaßen absaugen aus Bakterien, Menschen, Tieren usw. Sie borgen sich das Leben von anderen.
Alexander Kluge, der in diesem Gespräch die Fragen stellte, wurde 1932 in Halberstadt geboren und ist Filmemacher, Drehbuchautor, Schriftsteller. Zuletzt erschien vonihm bei Suhrkamp: "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft. 166 Liebesgeschichten."
Alexander S. Kekulé, geboren 1958 in München, ist Arzt und Biochemiker. Seit 1999 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale). Seine Forschungsschwerpunkte sind Infektionskrankheiten und der Schutz der Bevölkerung vor ihnen, er beschäftigt sich aber auch mit Fragen der Bioethik. (fr)
Waren sie einmal richtige Lebewesen?
Sie sind vielleicht die früheste Form von Leben. Sie sind die Erfinder der Idee, Erbmasse zu kopieren. Wir sind Nachkommen der Viren.
Sind das Kristalle? Zellen?
Es sind keine Zellen. Es sind Programme, eingehüllt in eine Einweißhülle, die kristalline Eigenschaften hat. Betrachtet man sie unter dem Mikroskop, stellt man fest: Sie sind oft Icosaeder, Zwanzigflächner. Das ist der beste Kompromiss zwischen Würfel und Kugel. Damit kommt ein Körper mit geringem Aufwand einer Kugel am nächsten.
Wie viel Viren gibt es auf der Welt?
Es gibt mit Sicherheit einige Zehntausend Viren, die für den Menschen gefährlich werden könnten. Und insgesamt gibt es bestimmt ein paar Millionen. Da spreche ich aber nur von denen, die die Fähigkeit haben, sich auch außerhalb eines anderen Organismus eine Weile aufzuhalten. Es gibt ja genetische Elemente, die in jedem Lebewesen sind. Sie können dieses Lebewesen nicht verlassen. Sie können aber von einem Ende der Erbinformation an ein anderes springen. Sie sind noch keine Viren, aber Vorstufen davon. Sie verändern durch diesen Positionswechsel die Erbinformation.
Was für eine Unruhe im Genom.
Es geht zu wie in einem Bienenstock. Dauernd geht etwas hinaus und kommt wieder hinein. Die Viren sind eine Weiterentwicklung dieser Vorform. Sie springen nicht mehr immer im selben Organismus herum. Sie haben gelernt, ihren Organismus zu verlassen und zu einem anderen überzugehen.
Wie kommt es, dass Viren so schnell mutieren?
Viren haben den Vorteil: Sie müssen nicht perfekt sein. Wenn beim Menschen irgendetwas nicht stimmt, dann stirbt schon der Embryo. Viren dagegen können mit allen möglichen Mängeln leben.
Krüppel?
Ein Haufen Krüppel. Sie haben keinen Idealzustand. Sie ähneln auch kaum einander. Sie haben dadurch eine viel höhere Variationsbreite als wir, können sich also besser optimieren. Und dann die Geschwindigkeit. Eine Generation dauert manchmal nur 20 Minuten. Dann ist schon die nächste dran. Dadurch können sie viel schneller reagieren und sich veränderten Umweltbedingungen anpassen. Hinzu kommt etwa bei den Influenzaviren: Sie können genetisches Material untereinander austauschen. Wir müssen eine neue Generation erzeugen, um unser Erbmaterial weiterzugeben. Viren können das innerhalb einer Generation machen. Sie können zu zweit, zu dritt oder noch mehr in eine Zelle eindringen, legen ihre Hüllen ab und tauschen - gewissermaßen wie Soldaten - ihre Waffen aus. Bei Influenzaviren gibt es acht Elemente, die sie komplett miteinander vermischen. Das ist, als würden wir unsere Nasen, Ohren etc. austauschen. Dadurch entstehen Viren mit neuen Eigenschaften.
So entstehen neue Typen.
Ja, zum Beispiel das Vogelgrippevirus H5N1. Das heißt so, weil es bezüglich der Eigenschaft H der Typ 5 und bezüglich der Eigenschaft N der Typ 1 ist. Von diesen H- und N-Typen gibt es sehr viele. H steht für Hämagglutinin. Das ist der Greifarm, mit dem sich die Viren an eine Zelle ankoppeln können.
Greifer?
Ja, Greifer, mit denen sie sich an anderen Zellen festkrallen und in sie eindringen können. Je nachdem wie sie aussehen, können sie bei diesen oder jenen Lebewesen besser angreifen. H5 ist der Vogelgreifer, H1 und H2 sind zum Eindringen bei Menschen. Es gibt auch welche, die sind auf Wale spezialisiert.
Können sie jeweils nur bei einer Art zupacken oder können sie es doch bei mehreren, aber dann mit Schwierigkeiten?
Mehrere, aber mit Schwierigkeiten. Beim Vogelgrippevirus kommt es zum Beispiel vor - es gibt mehr als vierhundert dokumentierte Fälle davon -, dass es auch Menschen angreift. Aber es ist schwierig für das Virus. Es kann das nicht an den Zellen, an denen es für gewöhnlich eindringt - in den oberen Luftwegen -, sondern es muss runter in die Lunge. Dort sind die Viren natürlich für uns sehr gefährlich. Dadurch kommt es bei der Vogelgrippe oft unmittelbar zu einer viralen Lungenentzündung. Mit einer Todesquote von 60 Prozent. Das ist richtig schlimm.
Und was ist mit der Schweinegrippe?
Das Schweinegrippevirus gibt es seit vielen, vielen Jahren. Es verursachte Grippe bei den Schweinen. Weltweit. Dazu haben wir nicht unerheblich beigetragen. Denn wir haben für die globale Mobilität der Schweine gesorgt. Dabei hat sich in den letzten Jahren ein Virus herausgemendelt, das auch an menschlichen Zellen andocken kann.
Wie kommt das?
Das Schwein ist eine Art Mischgefäß. In ihm verbinden sich Vogel- und Schweinegrippeviren. Die greifen dann zum Beispiel den Schweinepfleger an.
Das Schwein ist erkrankt?
Es hustet und niest. Wie wir. Das geht aber meist schnell wieder weg. Wie ein ganz gewöhnlicher Schnupfen bei uns. Ganze Bestände werden davon erfasst. Mittendrin der Pfleger. Er fasst ein infiziertes Schwein an oder auch nur ein Geländer, das ein Schwein berührt hat, fährt sich dann mit der Hand ins Gesicht und schon ist es passiert. Umgekehrt übrigens genauso. Die Viren des Pflegers stecken die Schweine an. So geht das munter hin und her.