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Genossenschaftsidee: Marke Eigenheim

Nach dem Krieg eine Erfolgsgeschichte: der soziale Wohnungsbau in Deutschland. Heute scheint - neben den Kosten - gerade das Massenhafte und Immergleiche das Problem zeitgemäßen Wohnens zu sein. Von Robert Kaltenbrunner

In seinem Roman "Das Leben. Gebrauchsanweisung" rückt Georges Perec eingangs die gleichsam kollektive Dimension des Wohnens ins rechte Licht: "Die Bewohner eines gleichen Wohnhauses wohnen nur einige Zentimeter voneinander entfernt, eine einfache Wand trennt sie, sie teilen sich die gleichen Räume, die sich über die Stockwerke hinweg wiederholen, sie machen zur gleichen Zeit die gleichen Bewegungen, den Wasserhahn aufdrehen, an der Wasserspülung ziehen, das Licht anknipsen, den Tisch decken, einige Dutzend gleichzeitiger Existenzen, die sich von Stockwerk zu Stockwerk, von Haus zu Haus und von Straße zu Straße wiederholen."

Die Masse macht´s, historisch gesehen. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg schrieb der deutsche (soziale) Wohnungsbau eine Erfolgsgeschichte, die auch international gewürdigt wurde. Heute allerdings scheint - neben den Kosten - gerade das Massenhafte und Immergleiche das Problem des zeitgemäßen Wohnens zu sein. Ungenügend ist dessen übliche Bauform schon deshalb, weil sie trotz des enormen Wandels, den unsere Gesellschaft durchläuft, die Möglichkeit, neue Wohnweisen auszuprobieren, kaum zulässt.

Zur sache

Frankfurt a. M. stand Ende der 1920er Jahre wie keine zweite Stadt weltweit im Fokus der modernen Architekturdebatten. Unter dem Motto "Die Wohnung für das Existenzminimum" hatte Stadtbaurat Ernst May den sozialen Wohnungsbau vorangetrieben.

80 Jahre danach untersucht ein

Kongress im Deutschen Architekturmuseum (Schaumainkai, 22. -24. 10.) das Erbe des "Neuen Frankfurt". Neben dem Rückblick geht es um den Ausblick auf zukunftsfähige Siedlungskonzepte und Wohnungsbauprogramme. Der Autor unseres Beitrags analysiert einige in den letzten Jahren erfolgreiche Beispiele der Genossenschaftsidee. (fr )

Damit wird geflissentlich übersehen, dass das Haus ein Gebrauchsgegenstand, dass Architektur (auch) eine Dienstleistung ist. Als solche hat sie in erster Linie die Bedürfnisse der Bewohner zu erfüllen - und Unterstützung bei der eigenen Selbstverwirklichung zu gewähren.

"Erlebnisansprüche", formulierte der Soziologe Gerhard Schulze, "wandern von der Peripherie ins Zentrum der persönlichen Werte; sie werden zum Maßstab über Wert und Unwert des Lebens schlechthin und definieren den Sinn des Lebens." Mittels Funktionalisierung wird jedoch das vielschichtige mentale und psychologische Phänomen menschlicher Wohnbedürfnisse noch immer auf objektivierbare und messbare Zweckkategorien reduziert. Letztlich wird aus dem "Bewohner" damit der "Nutzer", dessen vitale Ansprüche an den Wohnbereich in der Scheinobjektivität einer planungskonformen Bedürfnis-Interpretation verlustig gehen.

Angesichts dessen verwundert es nicht, wenn die Genossenschaftsidee eine Renaissance erlebt. In den Stadtteilen Kreuzberg und Schöneberg etwa ging es dem Land Berlin darum, vier gründerzeitliche Wohnhäuser "mieternah" zu privatisieren und insbesondere Migrantenhaushalte als Mitglieder einer eigentums-orientierten Wohnungsgenossenschaft zu gewinnen. Architektonisch alles andere als spektakulär, setzt man auf angepasste Finanz- und Wirtschaftskonzepte, die den realen Haushaltseinkommen angemessen sind, wie auch auf Gemeinschaftsbildung innerhalb der Häuser.

Andersgeartete Zielrichtungen verfolgt man in Darmstadt, mit dem Stadterweiterungsgebiet Neu-Kranichstein. Die junge Bau- und Wohngenossenschaft WohnSinn eG erstellt für ein Nachbarschaftsprojekt 30 Einheiten als Geschosswohnungsbau. Ökologische Zielsetzungen - wie Passivhausstandard, Produktion von Solarstrom, oder Verringerung des Autoverkehrs durch Car-Sharing - ergänzen die gemeinschaftsbildenden: Ein generationenübergreifendes Zusammenleben mit sozial gemischter Zusammensetzung. Ob nun Eigentümer oder Mieter, beide sind zwingend "Genossen", somit behaftet mit gleichen Rechten und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft.

Die Dachorganisation der Beginenhöfe (Nordrhein-Westfalen) unterstützt das Wohnen von gesellschaftlich engagierten Frauen, gerade mit Blick auf ein Leben im Alter. Es ist beabsichtigt, in unterschiedlichen Kommunen und Kontexten einen Ort für Frauen zu schaffen, an dem sie, mit und ohne Kinder, in jedem Alter und jeder Einkommensgruppe, leben, arbeiten und sich eherenamtlich engangieren können.

In Sachsen setzt man einen weiteren Akzent: Am Standort "zurückgebauter" Plattenwohnungen ist die Stadt Zwickau um ein Angebot bemüht, das junge Menschen in der Familiengründungsphase anspricht: Das Mitbauhaus bietet die Möglichkeit, ohne Einsatz eigener finanzieller Mittel gleichsam "wie im privaten Eigenheim" zu wohnen. Acht bis zehn junge Familien errichten gemeinsam eine kleine zentrumsnahe Wohnanlage - mit Außenanlagen, Spielplatz, Werkstatt und Partyraum - im organisierten Selbstbau.

Wenn es klappt, ist das eine win-win-Situation: Dem Bedürfnis nach eigenem Grund und Boden Rechnung tragen, dabei individuelle Risiken minimieren und zugleich das Abwandern auf die grüne Wiese verhindern.

Freilich wird mit solchen Vorhaben nicht das Wohnen revolutioniert. Doch muss man zugestehen, dass es wohl kaum avantgardistische Gebäude oder experimentelle Entwurfs- und Grundrisslösungen sind, die das Habitat der Zukunft kennzeichnen werden. Und gerade das "Wachküssen" der lange verborgenen Potentiale gemeinschaftlicher Wohn- und Bauformen vermag einiges zu bewirken - hinsichtlich der Selbsthilfe, der Eigenverantwortung und Teilhabe an der Gestaltung des Wohnumfeldes, der Belegung der Häuser, an der Prägung der Nachbarschaft, des sozialen Zusammenhangs im Haus wie im Quartier.

Um solche Desiderate geht es auch den Baugruppen und Bau(herren)gemeinschaften, die in jüngster Zeit einen Boom erleben. So wurden die Gartenhofhäuser Pfeffinger Straße in Leipzig von Hertrampf + Niehus Architekten im Rahmen des Selbstnutzerprogramms der Stadt initiiert.

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Autor:  Robert Kaltenbrunner
Datum:  21 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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